Standpunkt

Die Münsteraner Studie erlaubt ein umfassenderes Urteil

Aktualisiert am 14.06.2022  –  Lesedauer: 
Schachfigur
Bild: © Fotolia.com/Roma

Bonn ‐ Auch wenn die wesentlichen Erkenntnisse nicht wirklich neu sind: Ulrich Waschki lobt Ansatz, Qualität und Vorgehen der Missbrauchsstudie im Bistum Münster. Andere Diözesen könnten sich daran ein Beispiel nehmen, kommentiert er.

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Die wesentliche Erkenntnis des Gutachtens über den sexuellen Missbrauch im Bistum Münster ist keine echte Neuigkeit mehr: Kirchlich Verantwortlichen war über Jahrzehnte das Ansehen der Kirche und ihrer Priester wichtiger als das Leben der Opfer. Wieder einmal dokumentiert eine Studie das Versagen von Bistumsleitungen im Umgang mit schlimmsten Verbrechen. Die Münsteraner Bischöfe haben wie ihre Amtsbrüder anderswo Täter versetzt und Opfer zum Schweigen überredet.

So erwartbar diese Aussage auch ist, so bemerkenswert ist die Münsteraner Studie im Vergleich mit ihren Vorgängern in anderen Bistümern doch: Sie ist eben keine rein juristische, sondern vor allem eine historische Studie. Sie bleibt nicht dabei stehen, einzelne Vorgänge nur als juristisch richtig oder falsch zu bewerten. Die Forscher haben sich nicht nur auf die kirchlichen Akten verlassen, sondern zahlreiche Interviews, vor allem auch mit Betroffenen sexuellen Missbrauchs geführt.

Dadurch hat die Studie einen weiteren Blick und erlaubt ein umfassenderes Urteil. So thematisiert sie auch das Schweigen von Gemeinden, Familien, Ordensfrauen oder Haushälterinnen. Neben dem Klerikalismus von oben gibt es eben auch einen Klerikalismus an der Basis, der den Missbrauchspriestern ihre Taten erleichtert hat. Deutlich beschreiben die Forscher die völlige Überhöhung des Priesteramtes im katholischen Milieu und die überfordernde Machtfülle und Autorität des Diözesanbischofs. Wie die Kirche seit 2010 mit dem sexuellen Missbrauch umgeht, nennen sie zurecht einen erzwungenen Lernprozess. Letztlich geht es hier um einen umfassenden und dringend notwendigen Kulturwandel in Bischofshäusern und Generalvikariaten, Pfarrhäusern und Gemeindezentren, der noch längst nicht abgeschlossen ist.

Die Münsteraner Studie bedeutet nicht nur inhaltlich eine neue Qualität der Aufarbeitung. Auch das Vorgehen ist vorbildlich: Zuerst wurden die Betroffenen informiert, erst dann Medien und Bischof. Die Bistümer, die immer noch keine eigene Aufarbeitung in Auftrag gegeben haben, können sich daran ein Beispiel nehmen. Und auch andere gesellschaftliche Institutionen. Ob nämlich die katholische Kirche ein Hotspot des Missbrauchs war oder ist, können die Forscher nicht sagen. Weil vergleichbare Studien aus anderen Bereichen fehlen.

Von Ulrich Waschki

Der Autor

Ulrich Waschki ist Geschäftsführer und Chefredakteur der Verlagsgruppe Bistumspresse.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.