Standpunkt

Weder Reformen noch Profilschärfung helfen der Kirche aus der Krise

Aktualisiert am 20.07.2022  –  Lesedauer: 
Schachfigur
Bild: © Fotolia.com/Roma

Bonn ‐ Reformer hoffen, durch neue Strukturen aus der Kirchenkrise herauszukommen, Konservative setzen dafür auf Profilschärfung. Pater Nikodemus Schnabel sieht diese Bemühungen kritisch, denn seiner Meinung nach ist das Problem der Kirche anders gelagert.

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Ganz ehrlich: Ich würde mir wünschen, dass bei einigen aktuellen kirchlichen Diskussionen in Deutschland ab und zu auch einmal zu einem religionssoziologischen Buch gegriffen würde. Dank ihrer regelmäßigen Präsenz auch in den Massenmedien sind die religionssoziologischen Forschungen von Petra-Angela Ahrens und Detlev Pollack – um nur die zwei bekanntesten Gesichter zu nennen – ja wahrlich kein schwer zugängliches Geheimwissen mehr. Wie kann man nur so tun, als ob die Kirchenkrise in Deutschland lediglich eine Institutionenkrise wäre? Dass Spiritualität, Gebet und Gottsuche in Deutschland außerhalb der Kirchenmauern blühen würden? Dass die beiden Großkirchen einfach nur eine neue Glaubwürdigkeit brauchen würden und einige strukturelle Reformen – oder in konservativer Spielart eine Profilschärfung – und schon würde eine neue Zukunft für das Kirchesein in Deutschland anbrechen?

"Und man muss wirklich sagen, es ist ein verschwindend geringer Anteil, für den das gilt, dass wirklich eine religiöse oder erkennbare spirituelle Neuorientierung erfolgt", so Petra-Angela Ahrens kürzlich in einem Interview zu der Frage, was die Menschen nach einem Kirchenaustritt bewegt. Sie konstatiert, dass eine überwältigende Mehrheit "konfessionslos glücklich" sei und sie warnt eindrücklich: "Ich könnte den Konfessionslosen letztlich eine Spiritualität andichten, weil sie sich natürlich auch Fragen stellen, die über das Selbst und die Fakten hinausgehen. Aber das würden diese Konfessionslosen selbst niemals als religiös definieren."

Meines Erachtens ist es dringend Zeit, dass die beiden Großkirchen in Deutschland sich ehrlich eingestehen: Eine Großzahl ihrer Kirchenmitglieder ist aus familiären Gründen mit ihnen aufgewachsen und haben das Gemeinschaftserlebnis und die Lebensorientierung schätzen gelernt. Für beides braucht es aber definitiv keine Kirchenmitgliedschaft, da man beides auch woanders finden kann. Könnte es sein, dass die Kirchen in Deutschland unter einem Sehnsuchts-Burnout leiden? Sind sie aktuell überhaupt in der Lage, mehr zu bieten als Gemeinschaftserlebnis, Lebensorientierung und soziales Engagement? Gibt es den ehrlichen Mut, sich der eigenen Gottes- und Glaubenskrise zu stellen und neu Gott zu suchen?

Von Pater Nikodemus Schnabel

Der Autor

Der Jerusalemer Benediktinermönch Nikodemus Schnabel OSB ist Lateinischer Patriarchalvikar für alle Migranten und Asylsuchenden und Direktor des Jerusalemer Instituts der Görres-Gesellschaft (JIGG).

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der Autorin bzw. des Autors wider.