Die Kirche spielte bei der Unterdrückung Indigener eine Doppelrolle

Wie Päpste und Kolonialisten gemeinsame Sache machten

Aktualisiert am 20.08.2022  –  Lesedauer: 

Bonn ‐ Es gab einige Kritik an der Entschuldigung von Papst Franziskus bei den kanadischen Indigenen. Er ist nicht der erste Papst, dessen Umgang mit Kolonialismus problematisch bewertet wird. Die Kirche hat immer wieder gemeinsame Sache mit Kolonialisten gemacht und kritische Stimmen oft überhört.

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Der Kolonialismus wirft bis heute seine Schatten auf die Welt: 40 Millionen versklavte Afrikaner, Gewaltexzesse, Massenmorde, vernichtete Hochkulturen. Seit dem 15. Jahrhundert machten sich europäische Großmächte die Welt untertan – mit der Billigung des Vatikan. Die Kirche spielte in der Geschichte zwischen Mission, Rassismus und Macht eine Doppelrolle.

Dass sich die Kirche überhaupt mit dem Thema Kolonialismus auseinandergesetzt hat, liegt am Selbstverständnis der Päpste aus dem Mittelalter. Als Stellvertreter Christi auf Erden versammeln sie mehr und mehr Macht auf sich. Wie machtvoll das Papsttum wurde, lässt sich an der programmatischen Schrift "Dictatus Papae" von Papst Gregor VII. aus dem Jahr 1075 ablesen. Gregor baut auf der Zwei-Schwerter-Theorie auf, der zufolge Jesus zur Leitung der Welt zwei Schwerter vergeben habe: Jenes der weltlichen Macht und jenes der geistlichen Macht an die Päpste. Gregor hält nun aber fest, dass das Schwert der weltlichen Macht ebenso den Päpsten gehört und diese es lediglich an weltliche Herrscher delegieren – und das widerruflich. Infolgedessen sehen sich die Päpste bald als Herrscher über die ganze Welt, über Christen wie Nichtchristen.

Parallel dazu kommen in dieser Zeit die Bettelorden auf. Anders als die bis dahin etablierten Klöster wirken sie nicht nur in die vorhandene christliche Gemeinschaft hinein, sondern gehen etwa auf Muslime zu. Diese Missionsbewegung geht mit dem gestiegenen Machtbewusstsein der Päpste eine Verbindung ein: Die Welt gehört den Päpsten und soll eine christliche Welt sein. Schon bei der Entstehung dieses Konstruktes gibt es Kritik daran: Theologen wie Thomas von Aquin bemängeln, der Papst könne, wenn überhaupt, nur indirekt über Nichtchristen herrschen, über den Weg der friedlichen Mission. Diese Stimmen werden jedoch überhört.

Tauschhandel mit Königshäusern

Das ist die Ausgangslage, als im 15. Jahrhundert die damaligen europäischen Großmächte Spanien und Portugal auf Entdeckungsreisen gehen, um Seewege gen Osten zu suchen. Hier macht das Papsttum einen Tauschhandel mit den Königshäusern: Der Papst teilt die Welt in verschiedene Einflusszonen auf, inklusive der noch nicht erschlossenen Länder. Die Herrscher dürfen dort Naturressourcen wie Menschen ausbeuten so viel sie wollen und haben in ihrem Handeln freie Hand. Dafür versprechen die Könige, immer Missionare mitzunehmen und das Christentum zu verbreiten.

Dieses Abkommen wird in drei bekannt gewordenen Bullen festgehalten: In "Dum diversas" von 1452 gesteht Papst Nikolaus V. dem portugiesischen König Alfons V. zu, Nichtchristen "anzugreifen, zu erobern, zu bekämpfen oder zu unterjochen, die Personen für immer in Knechtschaft zu halten" und die eroberten Gebiete "für Dich und Deine Nachfolger als Könige Portugals für immer als Eigentum in Besitz zu nehmen", 1455 präzisiert er in "Romanus Pontifex" diese Rechte auf bestimmte Gebiete. Durch die Bulle "Inter cetera" von 1493 dehnt Alexander VI.  das Eroberungsrecht mit der Missionspflicht auf die von Christoph Kolumbus entdeckten Inseln und zu entdeckenden Länder, also das heutige Amerika, aus. Dabei bekräftigt er die Pflicht zur Mission.

Bild: ©picture alliance/Liszt Collection

Mit den Seefahrten von Christoph Kolumbus begann die Kolonisierung des amerikanischen Kontinents.

Kolonialismus und Mission gehen also Hand in Hand, der Historiker Jürgen Zimmerer nennt das eine "symbiotische Beziehung": "Kolonialismus brauchte die Legitimation, die die kirchliche Lehre bot, zumindest bis sie im 19. Jahrhundert von Rassenlehren abgelöst wurde. Und die Mission profitierte von den Rahmenbedingungen der europäischen Herrschaft." Gelitten haben darunter die Indigenen. "Den zu Bekehrenden ließ das oft kaum eine Wahl als sich zwischen Schwert und Bibel zu entscheiden", erläutert Zimmerer.

Eine eurozentristische, rassistische Sicht

Für die Päpste ist das kein Problem: Sie sehen andere Völker und Religionen aus einem sehr eurozentristischen, rassistischen Standpunkt heraus. Der Kanonist Henricus de Segusio schreibt schon im 13. Jahrhundert, dass nach der Geburt Jesu nur noch eine christliche Herrschaft möglich und rechtmäßig sei. "Ungläubige" könnten also nur Untertanen sein. Wie jeder Herrschaftsanspruch der Nichtchristen an sich unrechtmäßig ist, ist jeder Anspruch der Missionare immer rechtmäßig, da sie Christen sind.

Allerdings ist dieser rassistische Standpunkt im 16. Jahrhundert keineswegs unumstritten. "Wie könnt ihr sie so unterdrücken und plagen, ohne ihnen zu essen zu geben, noch sie in ihren Krankheiten zu pflegen, die sie sich durch das Übermaß an Arbeit, die ihr ihnen auferlegt, zuziehen, und sie dahinsterben lassen, oder deutlicher gesagt, töten, nur um täglich Gold zu graben und zu erschachern?" So schallt es am vierten Adventssonntag 1511 in Santo Domingo von der Kanzel. Es predigt der Dominikanermönch Antonio Montesino – wohlgemerkt, während die Spitzen der Kolonialverwaltung vor ihm in den Kirchenbänken sitzen. Darunter Diego Kolumbus, der Sohn des Seefahrers. "Seid ihr nicht verpflichtet, sie zu lieben wie euch selbst?", sagt er mit Blick auf die versklavten Indigenen. "Sagt, mit welchem Recht und mit welcher Gerechtigkeit haltet ihr jene Indios in einer so grausamen und schrecklichen Knechtschaft?" Montesino ist kein Einzelfall: Ordensleute wie Bartolomé de Las Casas oder Francisco de Vitoria fragten nach der Legitimation des Kolonialismus und kritisierten den Herrschaftsalltag der Eroberer. So setzt sich Las Casas für eine gewaltfreie Bekehrung der Indigenen ein, prangert ihre Ausbeutung und Unterdrückung an und veröffentlicht Texte gegen die Grausamkeit und Gier des Kolonialismus.

Bild: ©picture alliance/NurPhoto/Creative Touch Imaging Ltd

An Antonio Montesino erinnert heute ein Denkmal im dominikanischen Santo Domingo.

Und tatsächlich: In der Bulle "Sublimis Deus" erklärt Papst Paul III. 1537, "dass die Indianer und alle andern Völker, die künftig mit den Christen bekannt werden, auch wenn sie den Glauben noch nicht angenommen haben, ihrer Freiheit und ihres Besitzes nicht beraubt werden dürfen". Er befiehlt dies "ungeachtet all dessen, was früher in Geltung stand und etwa noch entgegensteht". Die früheren Bullen werden also nicht ausdrücklich widerrufen, noch nicht einmal erwähnt. Ihr Inhalt gilt allerdings für Rom offenbar nicht mehr.

Doppelgesichtigkeit der Kirche

Schon dieses Schreiben zeigt eine gewisse Doppelgesichtigkeit im Verhältnis der Kirche zur Kolonisation, sagt der im schweizerischen Fribourg lehrende Historiker Mariano Delgado. "Es bleibt viel in der Schwebe. Paul III. bestimmt weder sein Verhältnis zu den früheren Bullen, noch erwähnt er etwa die Versklavung der Schwarzen. Es geht nur um die Indigenen des heutigen Amerika." Bei ihm und seinen Nachfolgern lasse sich beim Blick auf die Versklavung ein blinder Fleck feststellen: "Wenn sie über die Schwarzen schreiben, dann nur über die Getauften." Erst 1839 verurteilt Papst Gregor XVI. in der Bulle "In Supremo Apostolatus" den Sklavenhandel generell.

Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Durch den Kolonialismus wächst die Kirche. Damit sind die Katholiken keineswegs allein. Auch die evangelischen Siedler haben großes Selbstbewusstsein. Die amerikanischen "Pilgrim Fathers" sagen von sich: Wir sind als Christen das auserwählte Volk Gottes, diesem Volk hat Gott die Welt geschenkt, also gehört jeder Zipfel uns. Das ist Grund genug, Indigene zu malträtieren, zu vertreiben und umzubringen.

Bild: ©Privat

Mariano Delgado ist Professor für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte an der Universität Freiburg in der Schweiz.

Dieser Geist hat eine lange Halbwertzeit: Noch 1992 rechtfertigt Papst Johannes Paul II. die Gewalt im Zuge der "bewundernswerten Evangelisierung" Amerikas durch die dadurch erfolgte "Ausweitung der Heilsgeschichte" und nennt sie deshalb eine "glückliche Schuld". Wobei er im Jahr 2000 in einer großen Vergebungsbitte auch die Schuld der Kirche gegen andere Religionen und Kulturen bekennt. Sein Nachfolger Benedikt XVI. bemerkt 2007, die Bevölkerung des amerikanischen Kontinents habe sich "im Stillen nach der Christianisierung" gesehnt. Erst "Franziskus, als erstes Oberhaupt der katholischen Kirche aus Lateinamerika, scheint da kritischer", fasst Zimmerer zusammen.

Päpste sehen Chance durch Missionstätigkeit

Dass sich in der Kirche beim Blick auf den Kolonialismus sehr lange sehr wenig geändert hat, zeigt sich auch 400 Jahre nach denn Seefahrten des Kolumbus während des Imperialismus des 19. Jahrhunderts. Statt Spanien und Portugal sind es nun das Vereinigte Königreich, Frankreich und Deutschland, die die Welt untereinander aufteilen. Die Kirche hat nicht mehr die weltbestimmende Stellung wie noch ein paar hundert Jahre zuvor, sie gibt nicht mehr den Ton an. Vielmehr beschränkt sie sich darauf, den Imperialismus pastoral zu begleiten.

Die Päpste sehen wieder die Chance auf mehr Christen durch die Missionstätigkeit; zu der Zeit gründen sich zahlreiche neue Missionsgesellschaften wie damals die Bettelorden. Zugleich sind Missionare vor Ort, werden Zeugen von Gewalt und Menschenverachtung und schlagen Alarm – dies allerdings deutlich zurückhaltender als noch im 16. Jahrhundert.

Bild: ©picture alliance/Mary Evans Picture Library

Das imperiale Denken des 19. Jahrhunderts war vom Sozialdarwinismus beeinflusst. Deshalb hatten die europäischen Großmächte keine Skrupel, den afrikanischen Kontinent untereinander aufzuteilen.

Mariano Delgado führt das auf den damaligen Zeitgeist zurück: In der Aufklärung hatte sich die wissenschaftlich nicht haltbare Theorie von Menschenrassen herausgebildet, um eine Rechtfertigung für die Unterdrückung anderer zu haben. Gemeinsam mit der Vorstellung, dass sich nur der stärkste in einem immerwährenden Kampf der Rassen durchsetze, dem sogenannten Sozialdarwinismus, legt dies das Fundament für unterdrückende Gewalt, ohne mit der Wimper zu zucken – auch in den Köpfen der Missionare. Zudem gilt für die Kirche des 19. Jahrhunderts, was auch im 16. Jahrhundert schon galt: Alle Religionen außer dem Christentum sind Irrwege, die keinesfalls die gleichen Rechte haben könnten.

"Das hätte man alles besser wissen können"

"Das hätte man alles besser wissen können, schließlich hatte man mit Kolonien schon 400 Jahre Erfahrung", resümiert Delgado. "Diesmal gibt es lediglich den Unterschied, dass es für die mangelnde Kritikfähigkeit der Kirche keine theologischen, sondern vor allem soziologische Gründe gibt."

Es sind zwei Weltkriege notwendig und die antikoloniale Bewegung, um dieses alte Mantra der Kirche infrage zu stellen. Erst in der Erklärung "Nostrae aetate" nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-65) hält sie mit Blick auf andere Religionen fest: "Die katholische Kirche lehnt nichts von alledem ab, was in diesen Religionen wahr und heilig ist. Mit aufrichtigem Ernst betrachtet sie jene Handlungs- und Lebensweisen, jene Vorschriften und Lehren, die zwar in manchem von dem abweichen, was sie selber für wahr hält und lehrt, doch nicht selten einen Strahl jener Wahrheit erkennen lassen, die alle Menschen erleuchtet." (NA 2) Für die kritische Betrachtung des Kolonialismus ist anscheinend noch mehr Zeit notwendig.

Bild: ©picture alliance/associated press/Jonathan Hayward

In Kanada wurden indigene Kinder in von der katholischen Kirche betriebenen Internaten missbraucht und kamen dort zu Tode.

Denn auch bei Papst Franziskus gibt es im Umgang mit der kolonialen Vergangenheit der Kirche Leerstellen. Als er sich bei seiner Reise nach Kanada im Juli bei den Indigenen für das durch katholisch geführte Schulen verursachte Leid und Unrecht entschuldigt, gibt es Kritik: Der frühere Vorsitzende der kanadischen Wahrheits- und Versöhnungskommission Murray Sinclair, befindet, der Papst habe die "führende Rolle" der katholischen Kirche bei der Zwangsassimilierung indigener Kinder "nicht anerkannt". Der ehemalige Abgeordnete Romeo Saganash setzt hinzu, Franziskus' Worte habe wohl "eine ganze Armee von Anwälten" bearbeitet, um sicherzustellen, "dass er haftungsfrei bleibt, oder zumindest die Kirche".

Das gemeinsame Kapitel der Kirche mit dem Kolonialismus ist also weder vorbei, noch ist es vollständig aufgearbeitet. Erste Schritte gibt es jedoch: So wurden etwa bei der Amazonas-Synode 2019 Symbole der Indigenen explizit mit eingeschlossen, zudem spielt die Perspektive der Indigenen in der lateinamerikanischen Theologie mehr und mehr eine Rolle. Der Kampf gegen das koloniale Denken wird also weitergeführt.

Von Christoph Paul Hartmann