Münsteraner Bischof für Kirchenreformen und Neubewertung der Sexualmoral

Genn: Synodaler Weg "unbedingt notwendig" – Unverständnis für Kritiker

Aktualisiert am 31.08.2022  –  Lesedauer: 

Münster ‐ Wenn Kritiker dem Synodalen Weg eine Instrumentalisierung von Missbrauch vorwerfen, um Veränderungen in der Kirche voranzutreiben, "dann verstehe ich das nicht": Laut Bischof Felix Genn braucht es Reformen – und das "sehr bald".

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Der Münsteraner Bischof Felix Genn verteidigt den Reformdialog Synodaler Weg gegen Kritik und wünscht sich eine Neubewertung der katholischen Sexualmoral. Etliche Studien hätten gezeigt, "dass auch die rigide Sexualmoral sexuellen Missbrauch in der Kirche mit ermöglicht hat", sagte er im Interview des Portals "Kirche-und-Leben.de" (Mittwoch): "Es ist problematisch, wenn Sexualität vor allem als sündhaft angesehen wird und wenn über Sexualität nicht gesprochen werden kann."

Um weiteren Missbrauch zu verhindern, müsse "auch das kirchliche Lehramt zu Neubewertungen kommen, die die Erkenntnisse der modernen Sexualforschung und Wissenschaft berücksichtigen". Man müsse auch immer wieder in Erinnerung rufen, dass "das Verbrechen sexuellen Missbrauchs im Raum der Kirche" Anlass für den Synodalen Weg gewesen sei. Wenn Kritiker dem Reformprojekt der katholischen Kirche in Deutschland vorwerfen, sexueller Missbrauch werde instrumentalisiert, um Veränderungen in der Kirche voranzutreiben, "dann verstehe ich das nicht", fügte Genn hinzu: "Es braucht Veränderungen, auch um sexuellen Missbrauch in der Kirche künftig zu verhindern."

Er halte den Synodalen Weg für "unbedingt notwendig", so der Bischof weiter: "Wir müssen die systemischen Ursachen, die sexuellen Missbrauch in der Kirche begünstigt haben und immer noch begünstigen, bekämpfen und verändern. Wir brauchen ein neues Miteinander von Priestern und Laien, von Frauen und Männern, von Haupt- und Ehrenamtlichen. Wir brauchen neue Amts- und Rollenverständnisse".

Kirche brauche Veränderungen "sehr bald"

Dass darum gerungen werde, halte er für völlig normal: "Was ich bei einigen allerdings vermisse, ist die Bereitschaft, sich wirklich darauf einzulassen, wie es der heilige Ignatius gesagt hat, die Meinung des anderen zu retten. Wer nicht direkt miteinander kommuniziert, sondern über unterschiedliche Medien sehr kritisch über andere spricht, hat aus meiner Sicht wenig von Synodalität verstanden." Wer die vergangenen Jahrzehnte in den Blick nehme, könne nicht ernsthaft "Weiter so" sagen, ergänzte Genn: "Welche Argumente könnte es dafür geben? Ich habe noch keins gehört." Die Kirche brauche Veränderungen "sehr bald".

Für die oft diagnostizierte Glaubenskrise seien auch kirchliche Verantwortungsträger verantwortlich, die doch eigentlich "überzeugende, authentische, vertrauenswürdige Verkünder" der Botschaft sein sollten. Doch "wenn Menschen kirchliche Verantwortungsträger nicht als zuhörend, dialogorientiert, offen, veränderungsbereit, kritikfähig und im Dienst an den Menschen stehend erleben: Wie soll ich dann glaubhaft die Frohe Botschaft verkünden?"

Auf dem Synodalen Weg beraten deutsche Bischöfe und Laien seit 2019 gemeinsam über die Zukunft kirchlichen Lebens in Deutschland. Schwerpunktthemen sind die Sexualmoral, die priesterliche Lebensform, Macht und Gewaltenteilung sowie die Rolle von Frauen in der Kirche. In der kommenden Woche kommen die Delegierten zu ihrer vierten Synodalversammlung in Frankfurt zusammen. – Im Juni war für das Bistum Münster ein Missbrauchsgutachten veröffentlicht worden, das alle Diözesanbischöfe seit 1945 belastet. (tmg/KNA)