Standpunkt

Die Kirche muss sich dem selbstbestimmten Glauben der Getauften öffnen

Aktualisiert am 09.09.2022  –  Lesedauer: 

Bonn ‐ Der Synodale Weg muss um die Erneuerung des Glaubens kämpfen, kommentiert Michael Böhnke. In einer Welt, die Gott nicht brauche, könne die katholische Kirche Glauben nicht länger als Gehorsam definieren.

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Heute einen Standpunkt auf katholisch.de zu veröffentlichen und nicht auf den Synodalen Weg einzugehen: Das geht gar nicht. In diesem Sinne: Der Synodale Weg muss um die die Erneuerung des Glaubens kämpfen. Sonst bleibt alles andere Makulatur.

In einer Welt, die Gott nicht braucht, kann die Kirche Glauben nicht länger als Gehorsam definieren. Doch genau das tut sie. Das monarchische Amt in der Kirche versteht Glauben feudalistisch als "rechtsartiges Treueverhältnis" (Böckenförde). Die rechtliche Pflicht zum (Glaubens-)Gehorsam betrifft alle. Sie wurde zuletzt durch Papst Benedikt XVI. massiv ausgeweitet (vgl. cc. 750-754 CIC/1983). Primär meint Glaube allerdings etwas Anderes als Gehorsam gegenüber der Lehre der Kirche: Erinnerung und Vergegenwärtigung des Heilshandelns Gottes durch die Kirche.

Die Kirche im letztgenannten Sinn sind wir; sind jene, die aus der Erinnerung an das Heilshandeln Gottes in Jesus Christus und dessen Vergegenwärtigung in seinem Geist leben; sind jene, die sich selbst dazu bestimmt haben und je neu dazu bestimmen, sich vom Geist Gottes leiten zu lassen. Glaube ist Vertrauen in die Treue Gottes. Vertrauen, dass Gott die Menschen, in welcher Bedrängnis sie auch immer sich befinden mögen, nicht im Stich lässt.

Das Verständnis des Glaubens als Gehorsam legitimiert das innerkirchliche Machtgefälle zwischen Klerikern und Laien, welches sexualisierte Gewalt und deren andauernde Vertuschung ermöglicht. Nach dem offenkundigen bischöflichen Amtsmissbrauch durch Verschweigen und Vertuschen können viele Christinnen und Christen es vor ihrem Gewissen nicht verantworten, ihren Glauben als "rechtsartiges Treueverhältnis" der Amtskirche gegenüber verstehen. Sie leben innerhalb und außerhalb der verfassten Kirche selbstbestimmt ihren Glauben und nehmen insofern eine Vorreiterrolle für die theologische Erneuerung des Glaubensverständnisses der katholischen Kirche ein.

Wenn die Kirche als Institution den Missbrauchsskandal überleben will, muss sie die Situation der Kirche auch als Krise des feudalen Glaubensverständnisses verstehen und sich dem selbstbestimmten Glauben der Getauften öffnen. Erst dann wird Gewaltenteilung in der Kirche sinnvoll, nämlich als Ausgleich zwischen der individuellen und kollektiven Selbstbestimmung in Fragen des Glaubens und der Moral. Erst dann wird die Entkopplung von Weihe- und Leitungsgewalt, für die sich Franziskus zugunsten der Rolle der Frauen in der Kirche einsetzt, nachvollziehbar. Ein Leitungsamt in der Kirche kann – in nicht-klerikaler Perspektive – jede Person innehaben, die sich selbst dazu bestimmt hat, sich vom Geist Gottes bestimmen zu lassen. Rechtsgrundlage ist die ihr und der Kirche verheißene unbedingte Treue Gottes.

Von Michael Böhnke

Der Autor

Michael Böhnke ist Professor für systematische Theologie an der Bergischen Universität Wuppertal. Außerdem ist er Ethik-Beauftragter des Deutschen Leichtathletikverbands.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.