Eine Magensonde wird bei der künstlichen Ernährung eingesetzt.
Der Wachkoma-Patient aus Frankreich wird weiter künstlich ernährt

Vincent Lambert lebt (vorerst) weiter

Vincent Lambert liegt im Wachkoma. Nun entschieden sich die Ärzte entgegen ihrer ursprünglichen Haltung, den Patienten weiter künstlich zu ernähren. Besonders Lamberts Eltern haben sich dafür eingesetzt. Doch die Zeichen stehen immer noch auf Konfrontation.

Von Sophia Michalzik |  Bonn/Reims - 24.07.2015

Viviane Lambert, die Mutter von Vincent, ist erleichtert. Das sieht man auf den Fotos, die sie beim Verlassen des Krankenhauses zeigen. Weniger erleichtert ist hingegen die behandelnde Ärztin Daniela Simon. Sie wollte am 15. Juli, also vor gut einer Woche, ein Gespräch mit den Eltern führen, um über das weitere Vorgehen zu entscheiden. Nach dem sogenannten Leonetti-Gesetz von 2005 ist den Ärzten die Entscheidung für das Therapieende überlassen, wenn der Patient selbst keinen Willen mehr bekunden kann. Simon schien zu einer Entscheidung gekommen zu sein, die den Eltern nicht gefiel. Die Situation eskaliert.

Die Eltern verklagen die Klinik wegen versuchten Mordes. Der französische Fernsehsender Europe 1 berichtet am Donnerstag, dass sich Simon nun entschieden habe, einen gesetzlichen Vertreter für Lambert einzufordern. Die Ärztin sagt, unter dem derzeitigen Druck, auch durch die Eltern Lamberts, seien die nötigen Bedingungen für ein ordentliches weiteres Verfahren sowohl für den Koma-Patienten als auch für das Pflegepersonal nicht gegeben. Lambert bekommt also weiter zu Essen und zu Trinken, doch eine endgültige Entscheidung steht wohl noch aus.

Nicht die erste Eskalation im Fall Lambert

Die Eskalation vom Donnerstag ist nicht die erste im Fall Vincent Lambert, dem sogar ein eigener Artikel auf der französischen Wikipedia-Seite gewidmet ist. Stattdessen gab es schon viele Klagen vor dem Verwaltungsgericht und dem Europäischen Menschengerichtshof, öffentliche Anschuldigungen und Internet-Kampagnen.  Auch die französischen Bischöfe beteiligen sich an der Debatte: Sie sprechen sich gegen eine medizinische Entscheidung aus, die vorsätzlich den Tod des Patienten herbeiführen könnte.

Bild: © dpa

Der französische Koma-Patient Vincent Lambert im Krankenhaus von Reims. Derzeit wird die künstliche Ernährung von Lambert fortgeführt.

Lambert ist ein Wachkoma-Patient: Er kann nicht aufstehen, etwas greifen, essen oder sich mitteilen. Manchmal bewegt er die Augen und scheint sein Gegenüber anzuschauen, doch anderweitig reagiert er nicht. Einer seiner Ärzte spricht von möglicherweise "minimalem Bewusstsein". Doch ob er versteht, was die Mediziner im Krankenhaus in Reims sagen, weiß niemand.

Das erste Mal wird Lamberts Ernährung Anfang 2013 eingestellt. Nach Angaben der Ärzte sträubt er sich gegen eine Weiterbehandlung. Körperliche Reaktionen zeugten von Schmerzen des Patienten, heißt es. Deshalb wollen sie ihn sterben lassen. Seine Ehefrau Rachel ist einverstanden, sie spricht von "einem letzten Liebesbeweis": "Ich wusste, dass es ein Leben war, das er so nicht wollte." Rachel und ihr Mann sind beide ausgebildete Krankenpfleger. Doch schriftlich festgehalten hat Lambert eine solche Willensbekundung nie. Die künstliche Ernährung wird dennoch eingestellt, Lambert bekommt noch 200 Milliliter Wasser pro Tag zugeführt.

Seine Eltern laufen Sturm gegen die Entscheidung. Gemeinsam mit zwei der acht Geschwister klagen sie vor dem Verwaltungsgericht in Chalons-en-Champagne. Die Ärzte müssen im Mai die künstliche Ernährung wieder aufnehmen. Rachel Lambert berichtet unterdessen von einem Brief, den sie von der traditionalistischen Piusbruderschaft erhalten habe. Ihre Schwiegereltern stehen der Gemeinschaft nahe. Rachel sagt, man werfe ihr vor, ihren Mann zu töten.

Der Fall Vincent Lambert ist für niemanden einfach

Die Eltern kritisieren Rachel und die Ärzte scharf – auch in der Öffentlichkeit. Sie werfen ihnen vor, ihren Sohn zu quälen, indem sie ihm Nahrung verweigern. Ende 2013 beginnt einer der Ärzte daraufhin eine öffentliche Kampagne, um das Leben Lamberts zu beenden. Eine Gruppe von Medizinern entscheidet erneut, die Ernährung einzustellen. Wieder protestieren die Eltern, wieder spricht das zuständige Gericht ihnen im Januar Recht zu. Im Urteil heißt es, es sei nicht sicher, ob der Patient tatsächlich keine lebensverlängernden Maßnahmen wolle.

Lamberts Ärzte reagieren empört. Rachel klagt schließlich vor dem obersten französischen Verwaltungsgericht. Dieses entscheidet im Juni 2014, die lebenserhaltenden Maßnahmen dürfen beendet werden. In einem Eilantrag wenden sich die Eltern daraufhin an den Europäischen Menschenrechtsgerichtshof. Die Einstellung der lebensverlängernden Maßnahmen verstoße gegen das Recht auf Leben und das Verbot menschenunwürdiger Behandlung, argumentieren sie. Die Ernährung wird per einstweiliger Verfügung wieder aufgenommen. Daraufhin tritt Lamberts Arzt Eric Kariger im August 2014 zurück - der Druck der Öffentlichkeit sei ihm zu groß, sagt er.

Anfang Juni entschied der Menschengerichtshof in Straßburg schließlich zugunsten der passiven Sterbehilfe und bestätigt damit geltendes französisches Recht. Der Ball lag nun bei Ärztin Simon – bis zur jüngsten Überwerfung mit den Eltern. Wie es jetzt weitergeht, ob Lambert tatsächlich einen gesetzlichen Vertreter bekommt, ist ungewiss. Der Fall Vincent Lambert, er ist für niemanden einfach. Nicht für die Eltern, die Frau, die Geschwister, die Ärzte – und auch nicht für Vincent Lambert selbst. (mit Material von KNA)

Linktipp: Themenseite zu "Ethik am Lebensende"

Politik und Gesellschaft diskutieren über die Sterbehilfe. Für die katholische Kirche ist klar: Auch im Sterben hat der Mensch eine Würde, die es zu achten und zu schützen gilt. Sie setzt sich deshalb besonders für eine professionelle Begleitung von Sterbenden ein.

Von Sophia Michalzik