Konstanzer Münster
Missionszentren im Osten und ein Bistum am Bodensee

Das sind Deutschlands untergegangene Bistümer – Teil 2

Die Reformation hat dafür gesorgt, dass vor allem im Norden und Osten Deutschlands zahlreiche Bistümer von der diözesanen Landkarte verschwunden sind. Doch im zweiten Teil der katholisch.de-Serie über ehemalige deutsche Diözesen geht die Reise auch nach Ostwestfalen und an den Bodensee.

Von Matthias Altmann und Steffen Zimmermann |  Berlin/Bonn - 15.02.2020

Havelberg

Die Geschichte des Bistums Havelberg weist viele Parallelen zur Geschichte des benachbarten Bistums Brandenburg auf. Beide Diözesen wurden 948 von Otto dem Großen gegründet und beide dienten vorrangig der Missionierung der slawischen Bevölkerung. Ebenso wie Brandenburg war Havelberg zudem 983 vom Slawenaufstand betroffen, in dessen Verlauf auch der Havelberger Bischofssitz von den Aufständischen erobert wurde und eine erneute Periode slawischer Herrschaft in Havelberg begann.

Das kirchliche Leben kehrte erst 1129 in die Region zurück, der Aufbau geistlicher und kirchlicher Strukturen zog sich allerdings bis ins 13. Jahrhundert hin. Zum wichtigsten Wallfahrtsort der Diözese entwickelte sich ab 1383 die Wunderblutkirche in Wilsnack an der Elbe, nachdem sich dort ein Hostienwunder ereignet hatte. Im Zuge der Reformation zerstörte der erste evangelische Pfarrer von Wilsnack 1552 jedoch die angeblichen Wunderhostien und die Tradition der Wallfahrten kam zum Erliegen.

Die Reformation war es auch, die dem Bistum Havelberg schließlich den Garaus machte. Im Rahmen einer Visitation Martin Luthers wurde das Bistum von 1540 bis 1545 reformiert. In den nachfolgenden Jahren wählte das Domkapitel dann noch zwei evangelische Administratoren an die Spitze der Diözese, ehe sie Ende des 16. Jahrhunderts säkularisiert und ihr Territorium vom Kurfürstentum Brandenburg annektiert wurde. Damit hörte das Bistum Havelberg auf zu existieren.

Konstanz

So wie es einst ein Chiemseebistum gab, existierte mit der Diözese Konstanz auch ein Bodenseebistum. Allerdings war dessen kirchengeschichtliche Rolle weitaus bedeutender. Um 585 als Missionszentrum für den Stamm der Alemannen gegründet, erreichte die Diözese in ihrer Hochphase im Spätmittelalter eine Ausdehnung von der oberen Donau bis in die heutige Schweiz. Das Bistum Konstanz gehörte zur sogenannten "Pfaffengasse", einem Landstrich entlang des Rheins von der Schweiz über Straßburg, Mainz und Trier bis nach Köln. Dort übten die Bischöfe neben der geistlichen Gewalt auch die weltliche Herrschaft aus.

Von 1414 bis 1418 rückten die Stadt und das Bistum am Bodensee in das Zentrum der Weltöffentlichkeit: Mit dem Konzil von Konstanz wollte Kaiser Sigismund das Abendländische Schisma beenden. Denn seit 1378 hatte es aufgrund politischer Konflikte zeitweise bis zu drei Päpste gegeben, die für sich beanspruchten, Nachfolger Petri zu sein. Sigismund wollte die in verschiedene Anhängerschaften zerstrittene Christenheit wieder einen, um so seine eigene Macht zu festigen. Dies gelang ihm, da das Konzil die drei konkurrierenden Päpste absetzte und 1417 in einer von allen Parteien anerkannten Abstimmung Papst Martin V. an die Spitze der Kirche wählte.

1803 wurde das weltliche Fürstbistum Konstanz im Zuge der Säkularisation aufgehoben, als kirchliche Einheit bestand es weiterhin fort. Der neue Staat Baden beanspruchte jedoch auch in kirchlichen Dingen die Oberhoheit über die Katholiken, ebenso wie die Landesherren es gewohnt waren, über ihre evangelischen Untertanen bestimmen zu können. So kam es 1821 auf dem Gebiet des Großherzogtums Baden zur Gründung des Erzbistums Freiburg. Das Bistum Konstanz wurde aufgelöst, sein Gebiet wurde unter den neuen (Erz-)Bistümern Freiburg und Rottenburg aufgeteilt. Die Schweizer Gebiete waren bereits 1815 abgetrennt worden.

Das Münster Unserer Lieben Frau in Konstanz.

Lebus

Das genaue Gründungsdatum des Bistums Lebus ist unbekannt, wahrscheinlich wurde es aber um 1124 vom großpolnischen Herzog Bolesław III. Schiefmund gegründet. Die Bistumsgründung diente vorrangig machtpolitischen Zielen, da sie den Herrschaftsanspruch des Herzogs auf Gebiete beiderseits der Oder bekräftigen sollte.

Im 13. Jahrhundert gehörte das Bistum zum Machtbereich der Herzöge von Schlesien, das Gebiet des Domstifts ging 1254 jedoch an das Erzbistum Magdeburg über. Dadurch kam es wiederholt zu Spannungen zwischen den Ansprüchen polnischer und magdeburgischer Vertreter um den Einfluss im Bistum. Als eine Folge davon wurde der Sitz der Diözese 1276 in das östlich der Oder gelegene Göritz (Górzyca) verlegt. Auch danach blieb das Bistum ein Opfer politischer Auseinandersetzungen, bei denen unter anderem 1325 die Kathedrale in Göritz und – nach der Rückverlegung des Bistumssitzes an den ursprünglichen Standort – 1373 die Kathedrale von Lebus zerstört wurden.

Vierter und letzter Bistumssitz wurde danach Fürstenwalde/Spree, wo 1385 der Dom St. Marien zur Kathedrale geweiht wurde. Nach 1535 wurde im Gebiet des Bistums dann die Reformation eingeführt. Ausgenommen davon waren die Gebiete, die zum weltlichen Besitz des Domstifts gehörten. Diese blieben katholisch, da sich die Bischöfe der Reformation zunächst widersetzten. Erst 1557 wurde auch in den Stiftsgütern von Lebus die Reformation eingeführt. 1598 hörte das Bistum auch formal auf zu existieren.

Lübeck

Nachdem die Slawenmission Ende des 9. Jahrhunderts im Gebiet des heutigen Schleswig-Holsteins zunächst gescheitert war, wurde im 12. Jahrhundert von Bremen aus ein neuer Missionsversuch unternommen. Unter anderem wurde dazu das Bistum Oldenburg aufgelöst und um 1160 stattdessen ein neues Bistum Lübeck errichtet.

Durch das Aufstreben des Lübecker Bürgertums kam es im 13. Jahrhundert wiederholt zu Auseinandersetzungen der bürgerlichen und der geistlichen Macht. Aus diesem Grund flüchtete Lübecks Bischof Burkhard von Serkem mehrfach nach Eutin, wo er den Umbau der St.-Michaelis-Kirche vom romanischen zum gotischen Stil förderte. Damit wollte er den Lübeckern zeigen, dass der Bischofssitz auch an einen anderen Ort verlegt werden könne, was letztendlich auch für einige Jahre geschah.

Im Zuge der Reformation wurden in Lübeck (1531) und dem Gebiet der beiden Stifte Eutin und Segeberg (1542) protestantische Kirchenordnungen erlassen. Während das Bistum als geistliche Einheit damit unterging, blieb das Hochstift Lübeck, der weltliche Besitz von Domkapitel und Bischof, als Territorium erhalten; das Kapitel wählte weiterhin den Fürstbischof. Nach dem Westfälischen Frieden 1648 war Lübeck das einzige protestantische Fürstbistum im Deutschen Reich. Erst mit der Säkularisation durch den Reichsdeputationshauptschluss 1803 wurde das Stiftsgebiet als Fürstentum Lübeck Teil des Herzogtums Oldenburg.

Blick über Lübeck mit dem berühmten Holstentor im Vordergrund.

Meißen

Aus der Taufe gehoben wurde das Bistum Meißen im Jahr 967 auf der Synode von Ravenna. Dort genehmigte Papst Johannes XIII. (965-972) auf Vorschlag von Kaiser Otto dem Großen die Errichtung dreier neuer Bistümer im heutigen Ostdeutschland: Meißen, Merseburg und Zeitz. Ziel Ottos war die Missionierung der slawischen Völker zwischen Elbe, Oder und Saale und die Sicherung der königlichen Herrschaft. Ein Jahr nach dem Beschluss von Ravenna wurde der Benediktiner und Burgkaplan Burchard zum ersten Bischof von Meißen geweiht.

Herausragender Bischof des Bistums war jedoch Benno von Meißen, der volle 40 Jahre – von 1066 bis 1106 – Oberhirte der Diözese war. Benno gründete Ortschaften wie Bischofswerda, begann im Elbtal mit dem Weinanbau und trieb in politisch höchst unruhigen Zeiten die Missionierung der Region massiv voran. Vollständig christianisiert wurde das Gebiet trotzdem erst zwischen dem 12. und 14. Jahrhundert. Unter anderem wurden in dieser Zeit 72 neue Klöster gegründet und der organisatorische Ausbau der Diözese abgeschlossen.

Mit der Einführung der Reformation in den sächsischen Gebieten begann 1539 der Niedergang des Bistums, der 1581 mit der Resignation von Bischof Johann IX. von Haugwitz seinen Schlusspunkt erreichte. Nach 613 Jahren hörte das Bistum Meißen damit auf zu existieren; das Diözesangebiet fiel an das Kurfürstentum Sachsen, Klöster und Stifte wurden säkularisiert. Eine Ausnahme bildete nur die Lausitz, in der ein kleiner Rest des alten Bistums erhalten blieb. Anders als die meisten anderen untergegangenen Bistümer kehrte Meißen Jahrhunderte später aber auf die diözesane Landschaft zurück: 1921 wurde die Diözese wiedererichtet, 1979 wurde ihr Name in Dresden-Meißen geändert.

Merseburg

Das Bistum Merseburg verdankt seine Gründung einem Gelübde Ottos des Großen in der Schlacht auf dem Lechfeld im Jahr 955, offiziell errichtet wurde es aber erst 968 auf der Synode von Ravenna. Nur 13 Jahre später wurde die Diözese aber bereits wieder aufgelöst und ihr Gebiet unter den Nachbarbistümern aufgeteilt. Grund für die Auflösung war der Wechsel des Merseburger Bischofs Giselher auf den erzbischöflichen Stuhl in Magdeburg.

Nach Giselhers Tod im Jahr 1004 errichtete Kaiser Heinrich II. das Bistum Merseburg neu. Wie das benachbarte Halberstadt war auch Merseburg zunächst ein Missionszentrum, allerdings für die dort wohnenden Sorben. Trotz des kontinuierlichen Zuwachses an Dörfern und Pfarrkirchen blieb Merseburg flächenmäßig eines der kleinsten deutschen Bistümer. Immerhin umfasste es am Ende des Mittelalters aber rund 310 Pfarr- und Filialkirchen.

Bis zur Reformationszeit blieb Merseburg Bischofssitz und ein bedeutendes religiöses Zentrum. Am 3. Mai 1525 musste Bischof Adolf aufgrund protestantischer Unruhen jedoch nach Leipzig fliehen. Nach dem Tod des letzten katholischen Bischofs 1561 setzt sich die Reformation auch in Merseburg endgültig durch, vier Jahre später wurde das Bistum aufgelöst. Seine Gebiete gehören heute zu den Diözesen Magdeburg und Dresden-Meißen.

Der Merseburger Dom.

Minden

Das Bistum Minden wurde um 800 von Karl dem Großen im Zuge der Christianisierung der Sachsen gegründet. Bald erhielt der Mindener Stuhl wie andere Bischofssitze auch reichsfürstliche Rechte und wurde mit großen Ländereien belehnt. Aus diesen entwickelte sich das Hochstift oder auch Fürstbistum Minden, das fortan der weltliche Herrschaftsbereich der Mindener Bischöfe war. Das Hochstift war deutlich kleiner als das Bistum und erstreckte sich etwa auf das Gebiet des heutigen Kreises Minden-Lübbecke.

Zur Zeit der Reformation standen immer wieder Bischöfe an der Spitze des Bistums und des Fürstbistums, die die lutherische Lehre duldeten oder sogar förderten. Erst 1631 wurde mit Franz Wilhelm von Wartenberg wieder ein entschieden katholischer Landesherr und Bischof eingesetzt, der allerdings 1634 die Regierungsgewalt über das Bistum verlor und 1648 als Bischof resignierte, da das Bistum nach dem Dreißigjährigen Krieg durch den Westfälischen Frieden faktisch aufhörte zu bestehen.

Das Hochstift wurde säkularisiert und fiel an Preußen. Der Bischofsstuhl blieb zwar wie das Mindener Domkapitel zunächst erhalten und das Bistum formal nur vorläufig aufgelöst, restituiert wurde es jedoch nie wieder. Bei der Neuordnung der kirchlichen Struktur Norddeutschlands Ende des 17. Jahrhundert wurden die Gebiete der Diözese Minden dem Apostolischen Vikariat des Nordens unterstellt. Das Domkapitel in Minden wurde erst 1810 aufgelöst.

Naumburg-Zeitz

Auf Initiative von Otto dem Großen wurde 968 – gemeinsam mit den Bistümern Meißen und Merseburg – das Bistum Zeitz gegründet. Ziel der neuen Diözesen war es, die königliche Herrschaft in den neu erworbenen slawischen Siedlungsgebieten östlich der Saale zu sichern und die Christianisierung voranzutreiben.

Von Beginn an wurde das Bistum Zeitz immer wieder durch aufständische Slawen gefährdet. Erst 1018 ging diese Bedrohungslage durch den Frieden von Bautzen vorerst zu Ende. Als es nach einem ruhigeren Jahrzehnt dann jedoch zum Krieg zwischen dem ostfränkischen Kaiser Konrad II. und dem polnischen König Mieszko II. Lambert kam und dieser 1028 die östlichen Gebiete des Reiches angriff, fiel die Entscheidung, den Bischofssitz von Zeitz ins weiter von der Grenze entfernte Naumburg zu verlegen.

Das nun als Naumburg-Zeitz firmierende Bistum erstreckte sich im mitteldeutschen Raum zwischen Leipzig im Osten und Erfurt im Westen. Es umfasste die vier Archidiakonate Naumburg, Zeitz, Altenburg und "trans Muldam" (jenseits der Zwickauer Mulde). Mittelpunkt der Diözese, in der es 46 Stifte und Klöster gab, war ab dem frühen 13. Jahrhundert der Naumburger Dom, der heute zum Unesco-Weltkulturerbe gehört. Infolge der Reformation wurde das Bistum in den 1560er-Jahren aufgelöst.

Von Matthias Altmann und Steffen Zimmermann