Kurzlebige Konstrukte und "Opfer" der Reformation

Das sind Deutschlands untergegangene Bistümer – Teil 3

Aktualisiert am 22.02.2020  –  Lesedauer: 

Berlin/Bonn ‐ Der dritte und letzte Teil der katholisch.de-Serie über ehemalige deutsche Diözesen führt vor allem in den Norden, wo die Reformation die kirchliche Landschaft nachhaltig verändert hat. Außerdem sind ein einst einflussreiches Bistum im Südwesten und ein kurzlebiger Bischofssitz in Bayern dabei.

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Neuburg

Über das Territorium der ehemaligen Diözese Neuburg herrscht weitestgehend Klarheit: Es umfasste im Großen und Ganzen den östlich des Lechs gelegenen Teil des heutigen Augsburger Bistumssprengels. Doch darüber hinaus sind viele Details unklar. Das beginnt bereits beim Ort des Bischofssitzes. Lag er in der Stadt Neuburg am oberbayerischen Lauf der Donau oder befand er sich rund 120 Kilometer südlich im frühmittelalterlichen Kloster Neuburg auf der Insel Wörth im Staffelsee? Manche Forscher binden diese zwei Thesen zusammen und gehen von zwei Bischofssitzen aus: in Neuburg an der Donau und am Staffelsee.

Die dürftige Quellenlage zu seiner Geschichte hängt damit zusammen, dass das Bistum Neuburg ein eher kurzlebiges Konstrukt war. Gegründet wurde es vermutlich um 740 – von wem, ist unbekannt. Die Bischofsliste ist mit vier überlieferten Oberhirten überschaubar. Der Letzte von ihnen war der Bekannteste: Simpert, der schon seit 788 Bischof von Augsburg war, wurde 789 zugleich Bischof von Neuburg. Unter seiner Ägide wurde die Diözese noch 798 der Erzdiözese Salzburg als Suffragan unterstellt. Doch zwischen 801 und 807 verleibte Simpert das Bistum Neuburg schließlich dem Bistum Augsburg ein. Auch bei diesem Vorgang bleiben die Hintergründe im Dunkeln.

Oldenburg

Das Bistum Oldenburg wurde wahrscheinlich um 972 gegründet. Ziel war die Christianisierung der elbslawischen Siedlungsgebiete. Das Gründungsdatum der Diözese ist allerdings nicht gesichert, da in der Region bereits für die Zeit um 950 christliche Gräber und ein hölzernes Kirchengebäude nachgewiesen sind.

Von Beginn an hatte die Diözese mit aufständischen Slawen zu kämpfen. 990 zerstörten sie den Bischofssitz und die Johanneskirche auf der Oldenburg und vertrieben Bischof Folkward aus dem Bistum. 1043 startete der Bremer Erzbischof einen neuen Versuch der Missionierung, als der christlich gewordene Slawenfürst Gottschalk versuchte, auch sein Volk zum Christentum zu bekehren. Diese friedliche Zwischenphase endete 1066 durch einen erneuten Slawenaufstand, der alles Christliche in der Region hinwegfegte. Bischof Ezzo entkam zwar dem Gemetzel, das Bistum Oldenburg verschwand jedoch für mehr als 80 Jahre von der Landkarte.

Ab Mitte des 12. Jahrhunderts trieb Heinrich der Löwe die Kolonisation der Region erneut voran. Dafür wurde das Bistum Oldenburg formal wiederhergestellt. Weil das Gebiet um Oldenburg immer noch slawisches Rückzugsgebiet war, siedelte Bischof Vizelin aus Sicherheitsgründen nach Bosau über, das damit faktisch zum Sitz des Bistums wurde. Sein Nachfolger Gerold zog dann nach Eutin, ehe Heinrich der Löwe 1160 verfügte, den Sitz des Bistums nach Lübeck zu verlegen. Damit endete die Geschichte des Bistums Oldenburg.

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Der Ratzeburger Dom am Abend.

Ratzeburg

Im Jahr 1060 gliederte Erzbischof Adalbert von Bremen die Bistümer Ratzeburg und Mecklenburg (später: Schwerin) aus dem Bistum Oldenburg aus. Aber schon 1066 fielen diese einem blutigen Aufstand der Elbslawen zum Opfer, der in der Steinigung des Abts Ansverus und der Verstümmelung des Mecklenburger Bischofs Johannes gipfelte.

Um 1150 wollte Erzbischof Hartwig I. von Bremen die vakanten Bistümer wieder besetzen, geriet darüber aber in einen Konflikt mit dem Landesherrn, Herzog Heinrich dem Löwen. Allein dieser konnte den Bistümern die notwendige wirtschaftliche Grundlage geben und beanspruchte das Recht zur Einsetzung der Bischöfe (Investitur) deshalb für sich. Der Streit wurde 1154 auf dem Reichstag zu Goslar entschieden, indem König Friedrich I. Barbarossa seinem Vetter Heinrich dem Löwen das Investiturrecht übertrug. Heinrich setzte daraufhin den Propst des Magdeburger Prämonstratenserstifts als Bischof von Ratzeburg ein, kurz danach bestätigte Papst Hadrian IV. (1154-1159) die Errichtung des Bistums.

Im Zuge der Reformation ging die Diözese 1554 unter, das Hochstift – also der weltliche Besitz des Bistums – blieb zunächst jedoch erhalten. Erst im Westfälischen Frieden 1648 wurde das Hochstift endgültig säkularisiert und als Fürstentum Ratzeburg dem Herrschaftsbereich der Herzöge von Mecklenburg zugesprochen.

Schleswig

Ganz hoch im Norden, im heutigen Grenzgebiet zwischen Dänemark und Deutschland, wurde im 10. Jahrhundert das Bistum Schleswig errichtet. Der erste historisch belegte Bischof ist Hored, der vom deutschen König Otto I. ernannt worden war und der Jurisdiktion des Hamburger Erzbischofs unterstand. Zunächst war wohl die Wikingerstadt Haithabu Bischofssitz, nach deren Zerstörung im Jahr 1066 wurde er nach Schleswig verlegt. Ab dem späten 11. Jahrhundert wurde eine reguläre Bistumsorganisation aufgebaut.

1103 wurde das Bistum der neugegründeten dänischen Erzdiözese Lund zugeordnet. Dadurch war es umstritten, ob das Bistum zum dänischen oder zum deutschen Reich gehörte. 1268 musste Bischof Bonde die 1161 errichtete Burg Gottdorf, die als Festung für die Schleswiger Oberhirten diente, an die Herzöge von Schleswig abtreten. Im Tausch erhielt er die Gegend um das heutige Schwabstedt in Nordfriesland, das bis zur Reformation der Sitz des Bischofs blieb.

Die Lehren Martin Luthers konnte der angesehene Bischof Gottschalk von Ahlefeld (1507-1541) kurzzeitig noch aufhalten, doch ein Jahr nach seinem Tod wurde das Bistum Schleswig evangelisch-lutherisch. 1624 wurde es schließlich aufgelöst.

Schwerin

Die Geschichte des Bistums Schwerin – das zunächst unter dem Namen Bistum Mecklenburg firmierte – weist viele Parallelen zur Geschichte des Bistums Ratzeburg auf. Das ist nicht erstaunlich, schließlich wurden beide Diözesen 1060 gleichzeitig als Ausgründungen des Bistums Oldenburg errichtet und schließlich gingen beide Diözesen nur sechs Jahre später im Zuge slawischer Aufstände zunächst wieder unter.

In den 1150er-Jahren wurden Ratzeburg und Schwerin jedoch wiedererrichtet. In Schwerin setzte Heinrich der Löwe 1158 den Zisterziensermönch Berno als Bischof ein, vier Jahre später wurde der Bischofssitz von Mecklenburg nach Schwerin verlegt. Auf Initiative Bernos wurden die ältesten Zisterzienserklöster Mecklenburgs, Doberan (1171) und Dargun (1172), gegründet, bereits 1171 konnte zudem ein erster Dom in Schwerin geweiht werden.

Die Reformation wurde in Mecklenburg ab 1533 eingeführt; damit wurde auch im Hochstift der katholische Ritus beseitigt. Dieser Prozess war 1557 abgeschlossen und das Bistum hörte auf zu existieren. Heute ist die Region Teil des Erzbistums Hamburg.

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Blick auf die mecklenburg-vorpommersche Landeshauptstadt Schwerin.

Verden

Auch die heutige niedersächsische Kreisstadt Verden war einst Zentrum eines Bistums. Die Quellen zu seiner Frühgeschichte sind dürftig: Es wurde um 850 gegründet und gehörte zur Kirchenprovinz Mainz. Die Diözese erstreckte sich von der Mündung der Aller in die Weser bis zur Altmark im Norden des heutigen Sachsen-Anhalts. Trotz eines regen kirchlichen Lebens, von dem 27 Stifte und Klöster zeugten, gab es noch im 13. Jahrhundert starke heidnische Minderheiten im Bistum.

Seit 1558 traten verstärkt reformatorische Einflüsse auf. Durch Erlass einer Kirchenordnung durch den Administrator Eberhard von Holle wurde die Reformation zunächst 1568 abgeschlossen. Die folgenden sechs lutherischen Bischöfe in Verden trugen den Titel eines Fürstbischofs. Im Dreißigjährigen Krieg gab es in Verden von 1630 bis 1634 als Folge eines umstrittenen Restitutionsedikts erneut ein kurzes Intermezzo als römisch-katholisches Bistum, ehe das Gebiet endgültig lutherisch wurde.

Durch den Westfälischen Frieden 1648 fiel das Bistum Verden schließlich an die schwedische Krone. Die Betreuung der Katholiken ging zunächst an das Apostolische Vikariat des Nordens, ab 1824 an das Bistum Hildesheim über.

Worms

Einst war das Bistum Worms eines der mächtigsten Bistümer im Heiligen Römischen Reich. Seine Ursprünge liegen vermutlich in konstantinischer Zeit. Schon im Jahr 346 wird ein Wormser Bischof als Teilnehmer der Kölner Synode erwähnt. Der erste historisch nachgewiesene Bischof ist Berthulf (um 614).

Bis ins 12. Jahrhundert hinein standen die Wormser Bischöfe in enger Verbindung zu den deutschen Königen und hatten dadurch auch großen politischen Einfluss. 1122 wurde in der Stadt am Rhein einer der wirkmächtigsten Verträge des Mittelalters geschlossen: das Wormser Konkordat. Papst und deutscher Kaiser einigten sich nach einem langen Streit – dem sogenannten Investiturstreit – darüber, wer die Bischöfe einsetzen darf. Doch im ausgehenden Mittelalter wurde die Stellung der Wormser Bischöfe immer schwächer. Das Hochstift, ihr weltliches Territorium, wurde immer weiter ausgehöhlt.

Die Reformation sorgte auch im Bistum Worms für eine nachhaltige Änderung der kirchlichen Landschaft. Die Stadt Worms hat sogar einen engen Bezug zu Martin Luther: Beim dortigen Reichstag 1521 soll er seine berühmten Worte "Hier stehe ich – ich kann nicht anders" gesprochen haben. Die Diözese verlor im 16. Jahrhundert einen Großteil ihrer Pfarreien an das lutherische Bekenntnis, blieb jedoch noch über zwei Jahrhunderte katholischer Bischofssitz. 1801 wurde das Bistum in Folge der napoleonischen Eroberungen schließlich aufgelöst. Bei der Neuordnung der Bistumsgrenzen in Deutschland wurde das ehemalige Gebiet des Bistums Worms unter den benachbarten (Erz-)Diözesen Freiburg, Mainz und Speyer aufgeteilt.

Von Matthias Altmann und Steffen Zimmermann