Das sind Deutschlands untergegangene Bistümer – Teil 1
Als der Chiemsee eine Diözese und der Norden noch katholisch war

Das sind Deutschlands untergegangene Bistümer – Teil 1

In einer neuen Serie stellt katholisch.de ehemalige deutsche Bistümer vor, die im Laufe der Geschichte untergegangen sind. Im ersten Teil geht die Reise unter anderem nach Brandenburg, Bremen und an den Chiemsee. Denn auch das "bayerische Meer" war eine Zeit lang ein eigenständiges Bistum.

Von Matthias Altmann und Steffen Zimmermann |  Berlin/Bonn - 08.02.2020

Brandenburg

Die Geschichte des Bistums Brandenburg begann mit einem kriegerischen Akt: 928 eroberte der ostfränkische König Heinrich I. eine der wichtigsten slawischen Burgen östlich der Elbe: die Brandenburg. Um das eroberte Gebiet dauerhaft in das ostfränkische Reich einzugliedern, errichtete Heinrichs Nachfolger Otto der Große dort ein Bistum. Unklar ist, wann genau die Diözese gegründet wurde: Die im Original erhaltene Gründungsurkunde datiert auf den 1. Oktober 948. Historiker sind sich jedoch uneinig, ob dies tatsächlich das Gründungsdatum ist.

Zentrale Aufgabe der Diözese war die Missionierung der slawischen Bevölkerung. Deren Widerstand gegen den christlichen Glauben gipfelte 983 im Slawenaufstand, bei dem der Brandenburger Bischofssitz erobert wurde. Während Bischof Folkmar von Brandenburg fliehen konnte, wurden die übrigen Geistlichen gefangen genommen. In der Folge brach das kirchliche Leben östlich der Elbe fast vollständig zusammen. Erst im 12. Jahrhundert begann eine neue Phase der Missionstätigkeit und des Wiederaufbaus kirchlicher Strukturen. Sichtbarer Ausdruck dieser Entwicklung war ab 1165 der Bau des Doms in Brandenburg an der Havel.

Im Zuge der Reformation fand die Geschichte des Bistums Brandenburg im 16. Jahrhundert ein jähes Ende. Nachdem die Diözese ab 1527 zu großen Teilen die evangelische Konfession angenommen hatte, erhielt sie 1540 eine neue protestantische Kirchenordnung. 20 Jahre später ging zudem ein Großteil des kirchlichen Besitzes auf den Kurfürsten über – das Bistum hörte damit auf zu existieren.

Bremen

Die Anfänge des Bistums Bremen sind eng mit dem heiligen Willehad verbunden. Der angelsächsische Missionar wirke im Auftrag Karls des Großen zwischen Ems und Weser. 787 wurde er im Beisein des Frankenkönigs in Worms zum Bischof geweiht, ein Jahr später wurde ihm das neu errichtete Bistum Bremen verliehen. Willehad machte Bremen zu seiner Residenz und weihte 789 den ersten Dom auf den Namen des Apostels Petrus.

Nach dem Tod Leuterichs, des dritten Bischofs von Bremen, war der Bischofssitz vakant. Drei Jahre später, 848, wurde er auf kreative Weise wiederbesetzt: Die Synode von Mainz beschloss, das vakante Bistum an Ansgar zu vergeben, der als Missionserzbischof von Hamburg von seinem Sitz jenseits der Elbe vor den einfallenden Normannen geflohen war. 870 bestimmte Papst Nikolaus I., dass das Bistum Bremen dem Erzbistum Hamburg zuzuführen sei, wodurch beide zum Erzbistum Hamburg-Bremen vereinigt wurden. 1224 bestätigte Papst Honorius III. das Doppelbistum endgültig – mit Sitz in Bremen. Das Hamburger Domkapitel blieb jedoch bestehen und entsandte Delegierte zur Bischofswahl nach Bremen.

Die Reformation fasste im Erzbistum Hamburg-Bremen schnell Fuß: Das Bistumsgebiet wurde überwiegend lutherisch, die Stadt Bremen selbst hauptsächlich calvinistisch. 1648 wurde das Erzbistum Hamburg-Bremen im Westfälischen Frieden schließlich säkularisiert und zum Herzogtum umgewandelt. Für die Seelsorge katholisch gebliebener Bevölkerungsteile in den nach der Reformation erloschenen Bistümern richtete die katholische Kirche 1667 das Apostolische Vikariat des Nordens ein. 1824 wurden die Katholiken im Bremer Stadtgebiet dem Bistum Osnabrück unterstellt, die im übrigen Bistumsgebiet dem Bistum Hildesheim. Seit 1994 gehört ein Teil des ehemaligen Erzbistums Hamburg-Bremen zum neu errichteten Erzbistum Hamburg.

Ein Panorama des Bremer Marktplatzes mit Dom und Rathaus.

Auch Bremen war einst Sitz eines katholischen Bistums.

Büraburg

Damals im Grenzgebiet zum sächsischen Siedlungsgebiet gelegen, war der Büraberg in der Nähe der heutigen nordhessischen Stadt Fritzlar im 7. Jahrhundert ein wichtiger strategischer Punkt für die Franken. Deshalb errichteten sie dort eine Festung: die Büraburg. Etwa um diese Zeit entstand auf dem Hügel auch eine Kapelle, die der heiligen Brigida geweiht wurde.

Als Bonifatius, der "Apostel der Deutschen", im Zuge seiner Missionsreisen 723 in die Gegend kam, nutzte er die Büraburg als Stützpunkt. Sich ihres Schutzes gewiss, setzte Bonifatius sein wohl berühmtestes und zugleich wirkmächtigstes Zeichen bei der Christianisierung der Germanen: Als Beweis dafür, dass der christliche Gott den germanischen Götzen überlegen sei, fällte er im nur wenige Kilometer entfernen Geismar die Donareiche – vermutlich an der Stelle, wo heute der Fritzlarer Dom steht.

742 erhob Bonifatius die Brigida-Kapelle auf der Büraburg schließlich zum Sitz eines Bistums. Dessen Aufgabe war die Missionierung des germanischen Stammes der Chatten. Erster Bischof wurde ein Weggefährte von Bonifatius, der Angelsachse Witta. Doch langlebig war die Diözese nicht: Bereits 755 wurde sie dem Bistum Mainz eingegliedert. Sein Zweck wurde vermutlich als erfüllt betrachtet.

Chiemsee

Anfang des 13. Jahrhunderts erstreckte sich das Erzbistum Salzburg über ein riesiges Gebiet. Erzbischof Eberhard von Regensberg gründete deshalb neben den vier bereits bestehenden Suffraganbistümern Freising, Regensburg, Passau und Brixen vier weitere Diözesen. Für eines davon gab der größte oberbayerische See seinen Namen: der Chiemsee. Die Diözese reichte nach Süden über St. Johann in Tirol bis zum Pass Thurn in den Kitzbüheler Alpen und lag damit im damaligen Herzogtum Bayern und auch im Hochstift Salzburg, dem weltlichen Territorium des Salzburger Erzbischofs. Zur Kathedrale des Bistums Chiemsee wurde die Kirche des Klosters Herrenchiemsee bestimmt. Die dort ansässigen Augustinerchorherren bildeten das Domkapitel.

Der Bischof von Chiemsee war in seiner Amtsführung stark vom Salzburger Erzbischof abhängig. Er wurde von diesem ernannt und geweiht und fungierte als eine Art persönlicher Weihbischof. Er residierte sogar meist in Salzburg. In seiner Kathedrale, die im Besitz der Augustiner-Chorherren von Herrenchiemsee stand, besaß er nur den Bischofsthron, hatte aber sonst keine Rechte.

Als Folge der Säkularisation in Bayern verzichtete der letzte Bischof Sigmund Christoph von Zeil und Trauchburg 1808 auf das Bischofsamt. Der oberbayerische Teil des Bistumsgebiets ging mit dem Bayerischen Konkordat von 1817 im neuen Erzbistum München und Freising, der Tiroler Teil im neu umschriebenen Erzbistum Salzburg auf. Es ist allerdings nicht ausgeschlossen, dass es künftig wieder einen Chiemsee-Bischof gibt. Papst Benedikt XVI. errichtete die erloschene Diözese 2009 als Titularbistum wieder. Ein solches wird üblicherweise an einen Weihbischof verliehen. Bislang ist das Titularbistum Chiemsee allerdings noch vakant.

Corvey

Am Ende des 18. Jahrhunderts stand es schlecht um die Zukunft der Reichsabtei Corvey. Das Benediktinerkloster im heutigen Höxter drohte nämlich auszusterben: 1786 zählte der Konvent, der nur Adeligen die Aufnahme gewährte, gerade noch 13 Mitglieder. Die Reichsabtei, die sich stets aus der Abhängigkeit von den Paderborner Bischöfen zu lösen versuchte, wollte ihrem drohenden Untergang durch die Erhebung zum Bistum entgehen.

Bereits 1779 konnte als erster Schritt die Erhebung in den Rang einer Territorialabtei erreicht werden, das heißt, die Einwohner des Corveyer Territoriums, deren Landesherr in weltlichen Dingen ohnehin schon der Abt war, wurden jetzt auch in kirchenrechtlichen Dingen der Jurisdiktionsgewalt des Paderborner Bischofs enthoben und der des Abtes unterstellt. Die bischöfliche Weihegewalt verblieb allerdings noch beim Bischof von Paderborn.

1788 machte die Abtei in Sachen Bistumserhebung ernst und richtete ihren Säkularisierungsantrag an den Papst. Dieser hob das Kloster 1792 auf, erhob den Fürstabt Theodor von Brabeck zum Fürstbischof und das Abteigebiet zum Bistum, obwohl es lediglich zehn Pfarreien umfasste. Der Prior der Abtei wurde Domdechant, die Mönche wurden Domherren. Im Jahr 1794 wurde die Urkunde durch den Kaiser ausgestellt und das neue Bistum, das lediglich das Gebiet der alten Reichsabtei umfasste, der Kirchenprovinz Mainz unterstellt. Doch auch das Bistum Corvey war nur von kurzer Lebensdauer: Bereits 1803 wurde es im Zuge des Reichsdeputationshauptschlusses aufgehoben.

Freisinger Domberg

Das Bistum Freising (im Bild der Dom St. Maria und St. Korbinian in Freising) war der Vorläufer des heutigen Erzbistums München und Freising.

Freising

Freising wurde Anfang des 8. Jahrhunderts eine Residenz der Agiloflinger, eines fränkischen Adelsgeschlechts, das im frühen Mittelalter die Herzöge von Baiern (so die damalige Schreibweise) stellte. Sie wollten ihrem Land eine feste kirchliche Struktur verpassen. Herzog Grimoald II. rief dazu um 720 den fränkischen Bischof Korbinian aus der Nähe von Paris an seinen Hof in Freising. Dieser leistete die Vorarbeit, schließlich war es aber Bonifatius, der die Diözese Freising im Auftrag von Papst Gregor III. im Jahr 739 offiziell errichtete.

Formal existiert das Bistum Freising heute zwar nicht mehr. Richtig untergegangen ist es allerdings nicht. Nach dem Ende des Heiligen Römischen Reichs erhob Napoleon das bayerische Herrschergeschlecht der Wittelsbacher zum Königshaus. Diese wollten Staats- und Kirchengrenzen in Übereinstimmung bringen und dafür eine bayerische Kirchenprovinz gründen – mit München, ihrer Residenzstadt, als Zentrum eines Metropolitanbistums. Im Bayerischen Konkordat wurde das Bistum Freising neu umschrieben und erhielt den Titel Erzbistum München und Freising. Bischofssitz war fortan München.

Doch nicht nur wegen des Namens der neuen Erzdiözese geriet Freising nicht in Vergessenheit. Einerseits finden im dortigen Dom, der 1981 zur Konkathedrale erklärt wurde, bis heute die Priesterweihen statt. Andererseits wurde Freising bereits 1850 Sitz der bis heute existierenden "Freisinger Bischofskonferenz", dem Zusammenschluss der bayerischen Oberhirten und des Bischofs von Speyer.

Halberstadt

Nach dem Ende der Sachsenkriege in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts entstand unter Karl dem Großen in Halberstadt ein Missionsstützpunkt, der im Jahr 804 zu einem Bistum erhoben wurde. Halberstadt war die erste Diözese im mitteldeutschen Raum und zugleich die östlichste des karolingischen Reichs; ihre Fläche umfasste etwa das Gebiet des heutigen Bundeslandes Sachsen-Anhalt. Dem Bistum kam eine wichtige Rolle bei der Christianisierung und der Sicherung der Reichsgrenzen zu. Auch deshalb entwickelten sich die Halberstädter Bischöfe schnell zu mächtigen geistlichen Würdenträgern.

Trotz seiner großen Bedeutung musste das Bistum schon früh schmerzliche Gebietsverluste hinnehmen: Im Jahr 968 entstanden die Bistümer Magdeburg und Merseburg, weshalb die Diözese Halberstadt erheblich verkleinert wurde. Ab 1479 war Halberstadt schließlich mit Magdeburg in Personalunion verbunden, die bis 1566 – und damit bis in die Zeit der Reformation – andauerte.

1540 erkauften sich die Halberstädter Bürger im Zuge der Reformation die Religionsfreiheit, bis 1549 traten die Städte, Dörfer und die Ritterschaft des Bistums zum lutherischen Bekenntnis über und 1566 wählte das Domkapitel mit Heinrich Julius erstmals einen protestantischen Bischof. Mit dem Westfälischen Frieden wurde 1648 schließlich das Ende des Bistums besiegelt: Sein Besitz wurde säkularisiert und Halberstadt kam als weltliches Fürstentum zum Kurfürstentum Brandenburg. Die kirchenrechtliche Verantwortung für die Gläubigen der untergegangenen Diözese ging 1669 an das Apostolische Vikariat des Nordens über, das kurz zuvor zur Sicherung der Seelsorge für die Katholiken in den aufgegebenen Bistümern Norddeutschlands gegründet worden war.

Von Matthias Altmann und Steffen Zimmermann