Origenes: Er vereinte die Theologie mit der Philosophie
Serie: Große Theologen der Kirchengeschichte – Teil 5

Origenes: Er vereinte die Theologie mit der Philosophie

Origenes, einer der größten Theologen des frühen Christentums, war als Christ aufgewachsen, scheute aber nie die Auseinandersetzung mit Andersdenkenden. So brachte er zwei Bereiche zusammen, die getrennte Größen waren: Theologie und Philosophie.

Von Fabian Brand |  Bonn - 27.04.2021

Origenes wurde im Jahr 185 in der ägyptischen Hafenstadt Alexandria geboren, von deren umtriebiger Geschäftigkeit auch sein ganzes Leben geprägt wurde. Sein Name, der sich als "von Horus stammend" übersetzen lässt, weist jedenfalls auf seine ägyptische Abstammung hin. Origenes wuchs in einem sehr angesehenen Umfeld auf, sein Vater Leonides besaß das römische Bürgerrecht und trat dafür ein, dass sein Sohn eine umfassende Bildung erfuhr. Hier wurde auch der Grundstein für Origenes theologisches Interesse gelegt, von Anfang an wurde er christlich erzogen und fand so vermutlich schon in jungen Jahren im Christentum eine Heimat. Von einer Bekehrung oder gar einer Taufe wird nichts berichtet. Der Vater Leonides starb 202 im Zuge der Christenverfolgung, sein Vermögen wurde eingezogen. Fortan war Origenes als ältester Sohn dafür verantwortlich, den Unterhalt der Familie zu sichern. Er verdingte sich als Grammatiklehrer, fand aber auch in einer älteren Frau eine Unterstützerin, die vermutlich in einiger Nähe zur Gnosis stand.

Origenes beteiligte sich rege am kulturellen und intellektuellen Leben seiner Heimatstadt – und er war wohl auch ein gefragter Gesprächspartner, der aufgrund seiner profunden Ausbildung zu unterschiedlichen Fragen Stellung beziehen konnte. Vor allem die Begeisterung für das Martyrium, die aus dem gewaltsamen Tod des Vaters resultierte, wurde Origenes Zeit seines Lebens nicht mehr los. Es scheint, als hätten ihn vor allem die Extremformen des christlichen Lebens wie völlige Enthaltsamkeit und radikale Armut gereizt. Er selbst jedenfalls soll einen sehr asketischen Lebensstil gepflegt haben, angeblich hätte er sich sogar selbst kastriert, was aber nur von Eusebius von Caesarea überliefert wird und mitunter als fraglich anzusehen ist. Origenes lebte zölibatär und besaß wenig, immer wieder rief er die Menschen auf, das Martyrium zu suchen und dem Martertod nicht auszuweichen.

Angesehener christlicher Lehrer

In Alexandria erlangte Origenes bald große Bekanntheit als christlicher Lehrer. Der Bischof der Hafenstadt, Demetrius, betraute ihn sogar mit der Aufgabe, die Katechumenen bis zu ihrer Taufe zu begleiten und sie im christlichen Glauben zu unterrichten. Nebenher vertiefte Origenes seine philosophischen Kenntnisse bei seinem Lehrer Ammonius Sakkas, der später auch den berühmten Philosophen Plotin unterrichtete. Origenes setzte sich vor allem mit den Schriften des Mittelplatonismus auseinander und führte eine philosophische Denkrichtung fort, die mit Sokrates grundgelegt wurde. Bald weitete sich der Wirkungskreis von Origenes und Reisen führten in bis in die Hauptstadt des Imperium Romanum, bis nach Arabien und Palästina. Reisen in andere bedeutende Städte schlossen sich bald an. Zu dieser Zeit war Origenes bereits einer der wichtigsten christlichen Gelehrten, der oft und gerne zu theologischen Fragen aus unterschiedlichen Bereichen konsultiert wurde.

Wie sehr er angesehen war, zeigt sich daran, dass er schon 220 mit der Abfassung eines umfassenden Bibelkommentars begonnen hatte. Mit einer eigens entwickelten Auslegungs-Methode, der sogenannten Hexapla, begann Origenes sein exegetisches Werk. Die Hexapla bestanden aus einer sechsspaltigen Synopse des Alten Testaments, in welcher der hebräische Urtext mit der griechischen Septuaginta-Fassung und anderen griechischen Übersetzungen verglichen wurde. Das philologische Handwerkszeug, das er während seiner philosophischen Studie erworben hatte, kam im Bibelkommentar zur Anwendung. Damit zumindest wurde eine völlig neue Art des Zugriffs auf den biblischen Text möglich. Erhalten sind von den frühen Kommentaren des Origenes nur Fragmente, wahrscheinlich ist keiner der vielen Kommentarbände je fertig geworden.

Bruch mit Bischof Demetrius

Im Jahr 231 ließ sich Origenes in Caesarea zum Presbyter weihen und nahm fortan den Predigtdienst in einer Gemeinde wahr. In dieser Zeit kam es auch zum Bruch mit dem alexandrinischen Bischof Demetrius, der Origenes untersagte, in seiner Heimatstadt öffentlich zu lehren oder zu predigen; Origenes übersiedelte endgültig nach Caesarea. In der von Herodes dem Großen gegründeten Hafenstadt am Mittelmeer war Origenes fortan als Lehrer und Schriftsteller tätig. In einer Art Hochschule betrieb er seine theologischen Studien und legte den christlichen Glauben aus. Relativ unbehelligt konnte Origenes in Caesarea seiner Tätigkeit als Wissenschaftler und Lehrer nachgehen. Erst im Zuge der decischen Christenverfolgung nahm man ihn im Jahr 250 gefangen. Allerdings wurde er nach schwerer Folter wieder aus dem Gefängnis entlassen. Doch von den Qualen hat sich Origenes nicht wieder erholt, denn kurz darauf verstarb er im Alter von 69 Jahren in Caesarea oder Tyrus.

Tertullian

"Quid ergo Athenis et Hierosolymis?" (Was also hat Athen mit Jerusalem zu tun?): Tertullian bestand auf eine klare Trennung von Philosophie und christlichem Glauben. Origenes machte deutlich, dass Philosophie und Glaube eng zusammengehören, um den christlichen Glauben auch vernünftig darzustellen.

Origenes war sicher einer der größten Theologen der Frühgeschichte des noch jungen Christentums. Seine Leistung bestand nicht nur in einer sehr regen schriftstellerischen Tätigkeit. Vielmehr hat er es verstanden, zwei Bereiche zusammenzubringen, die vorher noch getrennte Größen waren: Theologie und Philosophie. Origenes war als Christ aufgewachsen und von Kindesbeinen an im christlichen Glauben sozialisiert. Aber er scheute nie die Auseinandersetzung mit Andersdenkenden und vor allem sein Philosophiestudium zeigen, wie wichtig es für ihn war, über den Tellerrand hinauszublicken und nicht nur das eigene Süppchen zu kochen. Tertullian hat die Frage aufgeworfen "Quid ergo Athenis et Hierosolymis?" (Was also hat Athen mit Jerusalem zu tun?) und spielte damit auf eine klare Trennung von Philosophie und christlichem Glauben an. Origenes hat mit seinem theologischen Ansatz deutlich gemacht, dass beide Städte sogar sehr viel miteinander zu tun haben, dass Philosophie und Glaube eng zusammengehören, um den christlichen Glauben auch vernünftig darzustellen.

Origenes hat sich vor allem mit der Exegese der biblischen Schriften beschäftigt. Hier hat er sich auch um eine wissenschaftliche Methodik verdient gemacht, die nicht mehr direkt auf den Text zugreift, sondern mit einem textkritischen Apparat umzugehen weiß. Textkritik, Wort- und Sacherklärungen, Grammatik, Metrik und Stilkritik kannte Origenes aus seinen philologischen Studien. In seiner Bibelexegese hat er sie im Blick auf die biblischen Schriften angewandt und ermöglichte es somit, einen kritischen Zugang zu den Texten zu finden. Dabei unterschied Origenes einen dreifachen Schriftsinn, mit dem es ihm möglich wurde, davon zu sprechen, dass alle Bibelstellen einen geistigen Sinn, aber nicht alle auch einen historischen Sinn hätten. Neben der historischen bzw. geschichtlichen Bedeutung einer Schriftstelle konnte Origenes damit einen höheren bzw. geistlichen Sinn eines Textes erfassen.

Die Rezeptionsgeschichte freilich ist gespalten: Schon früh musste sich Origenes mit dem Vorwurf auseinandersetzen, er würde durch die griechische Philosophie den christlichen Glauben verwässern. Athen und Jerusalem waren eben nicht für jeden christlichen Theologen ebenbürtige Partner. Im 6. Jahrhundert wurde Origenes schließlich sogar als Häretiker verurteilt, viele seiner Schriften vernichtet. Die Verurteilung des Origenes lag vor allem darin begründet, dass sich einerseits die Kontexte des Theologietreibens verändert hatten, andererseits wollte man seine Lehre bewusst missverstehen. Erst im 20. Jahrhundert wurde seine Bedeutung für die christliche Theologie wiederentdeckt. Allerdings wurde Origenes nie mehr der Rang zuerkannt, der ihm wohl aufgrund seiner wissenschaftlichen Leistungen gebührt. Immerhin hat er entscheidend zur vernunftgemäßen Rechtfertigung des christlichen Glaubens mit den Mitteln der Philosophie beigetragen. Und das bereits in einer Zeit, in der sich der christliche Glaube in vielen Bereichen noch in seiner Formationsphase befand.

Von Fabian Brand