Anselm von Canterbury: Das Verhältnis von Glaube und Vernunft
Serie: Große Theologen der Kirchengeschichte – Teil 3

Anselm von Canterbury: Das Verhältnis von Glaube und Vernunft

Anselm von Canterbury hatte eine sehr vielseitige Karriere: Er schrieb zum Gottesbeweis und löste eine Diskussion zum Sühnetod Christi aus, war als Erzbischof von Canterbury aber auch ein politischer Akteur. Sein Werk wirkt bis heute.

Von Fabian Brand |  Bonn - 21.04.2021

Anselm von Canterbury wurde vermutlich um das Jahr 1033 in Aosta geboren, das heute zu Italien gehört. Die Eltern waren beide adeliger Abstammung: Der Vater kam aus dem Stamm der Langobarden, die Mutter aus Burgund. Warum Anselm das elterliche Haus schon im Alter von fünfzehn Jahren verließ und in ein nahegelegenes Benediktinerkloster eintreten wollte, ist ungewiss. Vielleicht hatte sein Vater im Hintergrund die Fäden gesponnen und sah seinen Sohn eher im Gewand eines mächtigen Politikers, als in der ärmlichen Mönchskutte. Anselm brach wohl endgültig mit der Heimat und zog weiter nach Frankreich, wo er eine Zeit lang als Student umherwanderte, ehe er 1059 ins Kloster Bec kam. Dort wurde er Schüler des berühmten Theologen Lanfranc von Bec. Lanfranc selbst hatte – wie es sich zu dieser Zeit für einen Gelehrten gebührte – die artes liberales studiert, also die nötigen Grundlagen in den sieben freien Künsten erworben, die ein redlicher Mann besitzen sollte. 1042 kam Lanfranc nach seiner Bekehrung zum christlichen Glauben in die Abtei Bec, wo er zunächst die Aufgabe des Priors übernahm und später eine Gelehrtenschule eröffnete. Die Schule Lanfrancs erlangte sehr bald große Berühmtheit und zahlreiche Schüler aus allen Teilen Europas strömten nach Bec, um von ihm in der Kunst der Theologie unterrichtet zu werden. Großen Ruhm erlangte Lanfranc übrigens im Abendmahlsstreit mit Berengar von Tours; Lanfranc schuf hierbei die Basis der späteren Transsubstantiationslehre.

Anselm jedenfalls trat in den Schülerkreis Lanfrancs ein und band sich schnell auch an das Kloster Bec. Die Wanderjahre Anselms waren damit an ein Ende gekommen. Lanfranc hatte schnell das besondere Talent verspürt, das in Anselm ruhte, der sich sehr zügig in den Lernstoff einarbeiten konnte. Wohl auch deshalb machte ihn der Lehrer schon bald zu seinem Assistenten; zu dieser Zeit verfasste Anselm auch sein erstes Werk, den Dialog "Über den Grammatiker". Im Jahr 1063 endete die Mitarbeit Anselms bei Lanfranc, als letzterer zum Abt des neu errichteten Klosters in Caën berufen wurde. Lanfranc war ein enger Vertrauter des Königs von England, der in ihm wohl den geeigneten Mann sah, die machtpolitische Aufgabe als Abt zu erfüllen. Als Lanfranc die besten Mönche aus Bec mitnahm, musste Anselm in der Abtei verbleiben – zunächst als Prior, später wurde er selbst Abt.

Die Hoffnungen, Anselm würde weiter daran arbeiten, den Ruf Becs als prominente Kaderschmiede für Gelehrte weiter zu verbessern, zerbrach der neue Abt aber jäh. Anselm selbst hatte andere Pläne. Er versuchte, die Abtei wieder mehr an der Ordensregel des heiligen Benedictus zu orientieren und konzentrierte sich in den folgenden Jahren sehr stark auf das Studium und die Betrachtung der Heiligen Schrift. In dieser Zeit verfasste Anselm auch seine großen Werke, das Monologion (1076) und das Proslogion (1077/78). Beides Werke, deren Argumentationslinie er in einigen weiteren Schriften differenzierte und weiterführte. Besonders der vertiefte Kontakt zu muslimischen Wissenschaftlern und jüdischen Gelehrten befruchteten das Denken Anselms und boten viele Denkanstöße, die letztlich in sein groß angelegtes Werk "Cur deus homo" eingeflossen sind. In ihm setzt sich Anselm vor allem mit dem Gedanken auseinander, die Erlösung der Menschen sei auch möglich gewesen, ohne dass sich Gott selbst in den Tod gegeben hätte.

Weniger Studium, mehr Politik

Ein großer Einschnitt im Leben Anselms erfolgte 1093, als der Abt zum Erzbischof von Canterbury berufen wurde und damit ein Amt übernahm, in dem er sich weniger dem Studium und mehr politischen Aufgaben zuwenden musste. Unter anderem war Anselm in den Laieninvestiturstreit verwickelt, der sich zwischen Rom und dem deutschen Reich entsponnen hatte. Das Verhältnis zwischen dem König von England und der Kirche war höchst angespannt und sorgte dafür, dass Anselm England mehrmals verlassen musste. Nach einem zähen Ringen um Macht und Ansehen, aber auch um die rechtschaffene Ausübung seines Amtes als Metropolit starb Anselm im Jahr 1109.

Thomas von Aquin und Anselm von Canterbury in einem Deckengemälde im Benediktinerkloster Metten.

Die Theologie Anselms in Gänze zu betrachten, ist nahezu unmöglich. Zu vielschichtig und zu komplex ist das Werk, das er im Laufe seines Lebens vorgelegt hat. Immer wieder zeigt sich, wie sehr Anselm um Begriffe und Beschreibungen gerungen hat; die Bemühungen, den korrekten Terminus für eine Angelegenheit zu finden, nötigen ihn zu manchem Exkurs, was seine Darlegungen oft schwer verständlich macht. Ein grundsätzliches Thema, das seine Schriften wohl wie ein roter Faden durchzieht, ist die Verhältnisbestimmung von Glaube und Vernunft. Die Frage, mit der sich Anselm beständig auseinandersetzt, lautet: Wie kann der Glaube vernünftig verantwortet werden? Auch bei Anselm zeigt sich, dass Glaube und Vernunft keine Gegensätze sind, sondern dass der Glaube immer der Rechtfertigung durch Vernunftgründe bedarf und dadurch einsichtig wird. Gerade seine vertiefte Beschäftigung mit der Philosophie und deren Synthese mit dem christlichen Glauben führten dazu, dass Anselm häufig als "Vater der Scholastik" bezeichnet wird. Anselm fasste dieses sein Denken mit zwei sehr markanten Sätzen zusammen: "Fides quaerens intellectum" (Glaube, der nach Einsicht sucht) und "Credo, ut intelligam" (Ich glaube, um zu verstehen). Damit positioniert er sich sehr eindeutig in der Verhältnisbestimmung von Glaube und Vernunft.

Gottesbeweis und Satisfaktionslehre

Untrennbar mit dem Namen Anselm ist sein Gottesargument verbunden, der sogenannte "ontologische Gottesbeweis". Dieser findet sich in seinem Proslogion und hat seinen Platz mitten in einem Gebet. In der einfachen Grundform lautet das Gottesargument Anselms: Gott sei dasjenige, worüber hinaus nichts Größeres gedacht werden kann (id quo nihil maius cogitari potest). Was meint Anselm damit? Das Gottesargument Anselms ist komplex und nur unter der Annahme einiger Vorbedingungen nachzuvollziehen. Zunächst geht es Anselm darum, aufzuzeigen, dass Gott nicht nur im Verstand existiert, weil etwas real existierendes damit größer wäre als Gott. Daraus folgert Anselm, dass Gott auch in Wirklichkeit existieren müsse, sonst könne er nicht das Größte sein, über das nichts Größeres hinaus gedacht werden könne. Da es das, was im Verstand existiert, auch in Wirklichkeit gibt, sei eine Gottleugnung gemäß Anselm nicht möglich. Der Gottleugner habe ja schon den Begriff Gottes im Verstand, demgemäß existiere Gott auch in Wirklichkeit, wodurch Gottes Existenz nicht mehr geleugnet werden könne. Schließlich identifiziert Anselm am Ende seines Gedankengangs das, worüber hinaus nichts Größeres gedacht werden könne, mit Gott.

Noch einen zweiten theologischen Gedanken hat Anselm sehr prominent vertreten: die sogenannte Satisfaktionslehre. Darin geht Anselm davon aus, dass der sündige Mensch Gott die ihm schuldige Ehre geraubt habe. Für den Menschen gäbe es nur zwei Möglichkeiten: Genugtuung oder Strafe. Da der Mensch aus eigenem Vermögen die Genugtuung nicht erreichen könne, bräuchte es einen Menschen, der vollkommen ohne Schuld ist und Gott etwas bietet, was er ihm nicht sowieso schon schuldig wäre – den eigenen Tod.

Gerade die Satisfaktionslehre Anselms hat im Nachklang eine wechselvolle Diskussion um das Verständnis des Sterbens Jesu als Sühnetod ausgelöst. Auch der ontologische Gottesbeweis erfuhr im Nachgang eine reiche Rezeption, die schon sehr früh von den Grundannahmen Anselms abgewichen ist. Interessant bleibt nach wie vor der Gedanke Anselms, dass auf Gottes Existenz bereits aus seinem bloßen Begriff geschlossen werden könne. Diese These wurde vielfach diskutiert, wenngleich festzustellen bleibt, dass eine kritische Auseinandersetzung mit dem Werk Anselms noch in seinen Anfängen begriffen ist.

Von Fabian Brand