Serie: Große Theologen der Kirchengeschichte – Teil 11

Albertus Magnus: Heiliger Universalgelehrter

Aktualisiert am 15.11.2021  –  Lesedauer: 

Bonn ‐ Albert war Theologe und Bischof, schlichtete Streitigkeiten und zählt zu den bedeutendsten Theologen des Mittelalters. Sein großer Beitrag war es, die Theologie als Wissenschaft zu profilieren – ein Erbe, von dem die Kirche heute noch profitiert.

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Albertus Magnus wurde um 1200 in Lauingen an der Donau geboren. Ab 1222 studierte Albert in Padua die freien Künste, kurz darauf trat er dem Dominikanerorden bei. Der Orden war zu diesem Zeitpunkt erst wenige Jahre alt. Gegründet 1216 von Dominikus, sollten sich die Ordensleute besonders der christlichen Predigt widmen und so den Glauben verkünden. Schon ab 1234 lehrte Albert in verschiedenen Niederlassungen des Dominikanerordens. An vielen Ordenshäusern war ein eigenes Studium eingerichtet, um die Brüder auszubilden. Von 1243 bis 1245 erwarb Albert in Paris den Magister in Theologie und lehrte einige Jahre in der französischen Stadt. Ab 1248 richtete Albert ein "Studium generale" in Köln ein, wo er unter anderem zum Lehrer des beudetenden Theologen Thomas von Aquin wurde. 1254 wurde Albert zum deutschen Provinzial seines Ordens gewählt, ab 1260 war er für zwei Jahre Bischof von Regensburg. Nach seinem Rücktritt lehrte er wieder, kehrte nach Köln zurück und starb dort 1280.

Albert als Friedensstifter

In Albertus Magnus verbinden sich zwei Begabungen: Einerseits gehört Albert zu den bedeutendsten Theologen des Mittelalters. Andererseits verstand der Ordensmann es aber auch, geschickt politisch zu agieren – und wurde in vielen Fällen zum Friedensstifter. Dies konnte er schon in Paris unter Beweis stellen. Im sogenannten "Bettelordensstreit" kam es zum Konflikt zwischen der Stadt und der Pariser Universität. Die Universitäten waren zu dieser Zeit Körperschaften mit eigener Gerichtsbarkeit; das führte immer wieder zu Kompetenzstreitigkeiten mit den Städten. In Paris erließ die Stadt Gesetze, um die Freiheit der Universität einzuschränken. Die Universität reagierte prompt: Etliche Magister und Studenten verließen Paris und schadeten der Stadt damit vor allem finanziell. Diesen Streik der Universität brachen die Bettelorden. Albertus Magnus tat sich hier als Friedensstifter hervor, der zwischen den verhärteten Fronten vermitteln konnte. Später in Köln übernahm er eine ähnliche Rolle im Streit zwischen dem Bischof und der Bürgerschaft der Stadt.

Bischof und Wissenschaftler

Ähnliches gilt für die Zeit als Bischof in Regensburg. 1260 war die Ernennung Alberts zum Bischof höchst ungewöhnlich und stieß im eigenen Orden auf Widerstand: Es passte nicht zu den Dominikanern als Bettelorden, derart hohe geistliche Ämter zu übernehmen. Albert fügte sich aber dem Willen des Papstes und übernahm ein finanziell desolates und zerstrittenes Bistum. Innerhalb von zwei Jahren konnte er die Verhältnisse befrieden. Vermutlich trat er deshalb schon nach so kurzer Zeit vom Amt des Bischofs zurück – weil er sein Ziel erreicht hatte und das Bistum nun in die Hände eines neuen Bischofs geben konnte. Teilweise wird in der Wissenschaft aber vermutet, Albert habe sich wieder der Wissenschaft widmen wollen und sei deswegen zurückgetreten.

Regensburger Dom
Bild: ©stock.adobe.com/Flexmedia (Symbolbild)

1260 wurde Albert zum Bischof von Regensburg ernannt.

Auch wenn dafür keine Beweise vorliegen, trifft die Theorie doch einen wahren Punkt: Die eigentliche Berufung Alberts war die Wissenschaft. Wie kaum ein anderer prägte er die Theologie als Wissenschaft. "Albertus hat ein neues Modell der Wissenschaft geschaffen, das überhaupt erst die Theologie als eigenständige Wissenschaft hervorbringt", sagt Professor Marc Aeilko Aris. Er ist Professor für Lateinische Philologie des Mittelalters an der LMU München und zudem Direktor des Albertus-Magnus-Instituts in Bonn, das seit den 1930er Jahren das Denken und Arbeiten Alberts erforscht. "Jetzt erst wird die Theologie als Wissenschaft profilierbar", sagt Aris.

Aristoteles wird dem Westen zugänglich

Entscheidend für Albertus ist die Beschäftigung mit dem antiken Philosophen Aristoteles. Und dessen Rezeption nimmt im 13. Jahrhundert an Schwung auf: Ein großer Teil seiner Schriften war für die westliche Welt nicht im Original lesbar. Man wusste zwar von seinen Werken, kannte durch Zusammenfassungen auch grob deren Inhalt, die vollständigen Texte waren allerdings nicht verfügbar. In maurisch-christlichen Grenzgebieten stößt man nun aber auf die Schriften des Philosophen, die sich in der arabischen Welt erhalten hatten. Erst jetzt, so erklärt Professor Aris, liegt für die christlichen Denker des Westens beinahe das ganze Werk des Aristoteles vor. Albert beginnt, dessen Werke zu kommentieren. "Albertus nimmt sich vor, das System der Wissenschaften, das bei Aristoteles entfaltet ist, als System auszulegen. Alle wissenschaftlichen Erschließungsmöglichkeiten will er nutzen." Durch die Beschäftigung mit dem antiken Philosophen schafft Albertus es, verschiedene wissenschaftliche Disziplinen voneinander zu differenzieren: "Die Differenzierung in Theologie, Philosophie, Naturwissenschaft ist es, die durch Albertus Magnus wissenschaftssystematisch wirksam wird", erklärt Professor Aris.

Verständnis und Weiterentwicklung

Albert erarbeitete Kommentare zu Büchern der Heiligen Schrift, zu Dionysius Areopagita, zu Aristoteles. Bei Aristoteles ist schon das Verstehen seiner Schriften eine enorme Leistung. Teilweise wurde Albert vorgeworfen, er habe kaum eigene Gedanken in die Theologie eingebracht. Marc Aeilko Aris widerspricht: "Das Qualitätsmerkmal für einen mittelalterlichen Denker ist, dass er in der Lage ist, die Tradition zu verarbeiten. Es ist nicht so einfach, Aristoteles zu verstehen. Schon die Verständnisleistung des Albertus ist eine große Leistung." Zudem ergänzt Albert immer wieder die Ausführungen des Aristoteles, denkt sie weiter, ergänzt sie. Gerade von diesen Büchern sind besonders viele Handschriften erhalten – ein Hinweis darauf, dass sie besonders oft gelesen und rezipiert wurden.

„Doctor universalis“

Durch die Arbeiten Alberts wird die Theologie profiliert. "Jetzt kann die Theologie als eigenständige Wissenschaft gesehen werden", sagt Aris. "Der Theologie würde ohne Albert eine starke Dimension der Wissenschaftlichkeit fehlen – als gleichwertige Wissenschaft im Streit der Fakultäten." Neben der Philosophie und Theologie beschäftigte sich Albert auch noch mit Naturwissenschaften. Er beobachtete seine Umwelt und beschrieb sie. Das weite Schaffensfeld des Albert trug ihm den Titel "doctor universalis" ein – "Universalgelehrter". 1931 wurde er heiliggesprochen und zum Kirchenlehrer ernannt.

Von Benedikt Bögle