Karl Forster: Weitsichtiger Visionär in bewegten Zeiten
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Heute vor 40 Jahren starb der einflussreiche Seelsorger

Karl Forster: Weitsichtiger Visionär in bewegten Zeiten

Karl Forster war Sekretär der Bischofskonferenz und Professor für Pastoraltheologie. Als Vertreter der kritischen Generation nach 1945 gestaltete er Kirche, Katholizismus und Gesellschaft in Deutschland mit. Vor 40 Jahren nahm sein unermüdlicher Tatendrang ein jähes Ende.

Von Simon Oelgemöller |  Bonn - 23.11.2021

Zielsicherheit, Realitätssinn und eine beeindruckende Intelligenz wurden Karl Forster von Weggefährten zugesprochen. Sein Studienkollege Josef Ratzinger würdigte ihn mit den Worten, dass er sich für die Anliegen der Kirche und des Menschen ohne Schonung beanspruchen ließ. Dieser von Tatendrang durchdrungene Priester, kirchenpolitisch versierte Grenzgänger und zeitkritische Intellektuelle zählte zu den herausragenden Persönlichkeiten kirchlicher Zeitgeschichte und fand einmalige Wirkungsfelder: als Direktor der Katholischen Akademie in Bayern (1957-1967), als Sekretär der Deutschen Bischofskonferenz (1967-1971) und als Professor für Pastoraltheologie an der Universität Augsburg (1971-1981). In den von Umbrüchen geprägten 1960er Jahren gestaltete er als Vertreter der kritischen Generation nach 1945 Kirche, Katholizismus und Gesellschaft der Bundesrepublik mit.

Im oberpfälzischen Amberg am 27. Januar 1928 geboren, verlebte Forster seine Jugend- und Schulzeit im niederbayerischen Landshut und spielte mit dem Gedanken, Mathematik zu studieren. Nach seinem Abitur und infolge des Zweiten Weltkriegs entschied er sich, als Priester "näher am Menschen" zu sein. Er studierte an der Theologischen Hochschule Freising und wurde 1952 an der LMU München mit einer Preisarbeit promoviert. Er beschrieb den Übergang von einer (neu-) platonischen hin zu einer neuentdeckten aristotelischen Denkweise. Die Bereitschaft zur Anpassung der Kirche an die Moderne sollte vor dem Zweiten Vatikanum an Aktualität gewinnen.

Forster empfing 1953 von Josef Kardinal Wendel die Priesterweihe und wirkte im Marienwallfahrtsort Tuntenhausen und in Miesbach als Kaplan, 1954 ging er zum Dogmatiker Michael Schmaus ans Münchener Grabmann-Institut. Noch vor Abschluss der Vorbereitung für die Habilitationsschrift übertrug Kardinal Wendel dem erst 29-jährigen Forster die Leitung der 1957 gegründeten Katholischen Akademie in Bayern. Zu seinen Fürsprechern zählte der Religionsphilosoph Romano Guardini.

Während der Gründungsphase war Forster an der Entstehung der Akademie beteiligt gewesen und erarbeitete federführend deren Statut. Kardinal Wendel hatte erkannt, dass Forster geeignet sein würde, die "Kirche in der Konfrontation mit der Welt", wie die KNA 1966 schrieb, "zu vertreten". Sein Haus erwarb einen ausgezeichneten Ruf. Auch Rom wurde auf den Akademiedirektor aufmerksam und ernannte ihn 1963 zum Monsignore und 1968 zum Päpstlichen Hausprälaten. Den bayerischen Verdienstorden erhielt Forster 1969.

Keine Angst vor kontroversen Inhalten

Auf hohem geistigem Niveau führte er Tagungen durch, traf den Nerv der Zeit und griff heiße Eisen auf. Forster scheute sich nicht, die Mauern von Kirche und Katholizismus zu schleifen. Er regte fruchtbringend einen Dialog im gespannten Verhältnis zwischen Theologie und Naturwissenschaft sowie technischem Fortschritt an. In ethischer Sicht debattierte er über den atomaren Verteidigungskrieg. In ökumenischer Gesinnung richtete er mit der evangelischen Akademie Tutzing Tagungen aus. Das Zweite Vatikanische Konzil wurde zum Leitmotiv und namhafte Konzilsväter und -berater diskutierten über die Zukunft der Kirche. Schwerpunkte setzte Forster bei der Rolle der Kirche in der Welt, der Frage der Laien, der Ökumene und der Religionsfreiheit.

Wirkungsvoll fragte Forster nach der Verhältnisbestimmung zwischen Kirche und den politischen Parteien. Seine Tagungen erstmals mit Vertretern der SPD 1958 und mit den Liberalen 1960 sowie zum Wahlrecht 1963 – bei der sogar Herbert Wehner referierte – wiesen in ein neues Verständnis von politischer Kultur. Forster eruierte den jeweiligen Standort und arbeitete Gemeinsamkeiten wie auch Unterschiede heraus. Seine Tagungen trugen durch die Themensetzung und mit der Akzeptanz einer kontroversen Dialog- und Streitkultur ein Stück weit zur Demokratisierung der jungen Bundesrepublik bei.

Bundeskanzler Konrad Adenauer urteilte verheerend über den jungen Homo Politicus, da er der SPD die Annäherung an die Kirche erleichtere.

Wie Forster einem Reporter des Sonntagsblatts 1966 gestand, zählten zu seinen Leidenschaften das Kettenrauchen und das Durchdenken politischer Fragen. Die Kirche habe auf das Ganze des demokratischen Gemeinwohls zu schauen. Er wehrte sich gegen Vorstellungen einer Einheitsgesellschaft oder Einheitskultur und war überzeugt, dass, um "der redlich gemeinten Freiheit willen", der Staat "die verschiedenen Ausprägungen innerhalb der pluralistischen Gesellschaft nicht nur tolerieren, sondern positiv fördern und so dazu beitragen" müsse, "dass sie je aus ihrer Gesamtsicht der Wirklichkeit auf das Gemeinsame zugehen". In der Erinnerung von Zeitgenossen sind bezeichnenderweise die Abende in der Akademie unvergessen, bei denen zum Glas Wein "Forster Ungeheuer" aus der Pfalz das Zeitgeschehen debattiert wurde.

Forster machte sich als Grenzgänger einen Namen. Im bayerischen Rundfunk war er als Diskussionspartner und bei geistlichen Andachten zu hören. Zwischen 1962 und 1968 vertrat er die Katholische Kirche im Fernsehrat des neu gegründeten ZDF, ab 1968 im BR-Rundfunkrat. Weiterhin suchte er den Dialog mit Kirchenfernen an säkularen Orten. Im Münchner "Werkraumtheater" sprach er über "Probleme des Realismus" und mit Gewerkschaftsfunktionären erörterte er soziale Aspekte des Konzils. Er galt 1966 als "Typ des modernen Kirchenmannes, dem die Erneuerung mehr ist als das Befolgen autoritativer Weisungen, mehr auch als Taktik in einer sich radikal verändernden Welt".

Die Bischofskonferenz wird auf den talentierten Priester aufmerksam

Der Akademiedirektor hatte sich über den Katholizismus hinaus einen respektablen Namen gemacht. Als die neugegründete Deutsche Bischofskonferenz 1967 ein ständiges Sekretariat einrichtete, fiel die Wahl für dieses Amt auf den 38-jährigen Forster. Sein Wechsel fand große Aufmerksamkeit, da er als "bemerkenswerte Persönlichkeit" galt, die sich bemühe, "der Begegnung von Kirche und Welt mit Leidenschaft und persönlichem Mut zu dienen", so die KNA. Fortan gestaltete er bis 1971 an der Seite seines Protektors Julius Kardinal Döpfner, der den Vorsitz der DBK ausübte, die Umsetzung der Konzilsbeschlüsse auf die deutschen Verhältnisse.

Eher im Hintergrund agierend, trat er moderierend an den Schalthebeln kirchlicher Macht auf und prägte damit Maß und Gewicht des Amtes. Er begleitete den Aufbau der neuen DBK-Kommissionen, verantwortete die Vor- und Nachbereitung der Vollversammlungen und pflegte den Kontakt zum ZdK. Bei der Gründung des Verbandes der Diözesen Deutschlands (VDD) als Rechts- und Wirtschaftsträger, an der er federführend mitwirkte, zeigte er Verhandlungsgeschick und Personen- wie Institutionenkenntnis. Es ist ihm gelungen, den heterogenen Episkopat zu einem überdiözesanen Finanzverständnis zu bringen. Seitdem konnten sich die Beratungen in der DBK auf pastorale Themen konzentrieren. Gleichzeitig hatte er großen Anteil am Zustandekommen der "Würzburger Synode" (1971–1976), zu deren Sekretär er 1969 berufen wurde. Im Vorfeld hatte er diese mit Umfragen unter Katholiken begleitet. Damit legte er für die Kirche ein bis heute praktiziertes Methodeninstrument vor. Auch in den Folgejahren brachte er sich als Synodal aktiv mit ein.

Ein Strafgesetzbuch ist beim Paragraphen 218 aufgeschlagen.

Keine politischen Tabus mehr für Katholiken?

In diesen Jahren blieb er seinem politischen Credo treu. Die Zeitung DIE ZEIT meinte zu erkennen, "dass es für die Katholiken kein parteipolitisches Tabu mehr" gebe. Gerade einige Unionspolitiker zeigten sich erleichtert, dass Forster nicht in Personalunion das vakante Amt des Leiters des Katholischen Büros übernahm. Mit Vertretern der SPD etablierte sich während gemeinsamer Gesprächsrunden eine Clearing-Stelle, um in konzertierter Aktion für aktuelle Politik- und Konfliktfelder praktikable Lösungen zu erarbeiteten. Ein unheilbarer Riss trat bei der Bewertung der Reform des § 218 zu Tage.

Forster blieb für eine Wahlperiode im Amt und wurde 1971 zum Professor für Pastoraltheologie an die neue Universität Augsburg berufen. Kardinal Döpfner hätte ihn gerne weiterhin an seiner Seite gewusst. Der 43-Jährige sah seinen Traum einer wissenschaftlichen Karriere in greifbare Nähe gerückt. Gleichzeitig konnte er in offener Form in den Diskurs der Kirche eingreifen, ohne auf ein Amt Rücksicht nehmen zu müssen. Schließlich setzte er sich für die Umstrukturierung der DBK in der Form ein, dass ein großes Sekretariat für die ganze Kirche entstehen solle, was mit dem Umzug von München nach Bonn erfolgte. Jedoch hatte es im Zuge der nachkonziliaren Richtungskämpfe Vorwürfe der Manipulation und der Machtentfaltung gegen Forster gegeben. Angesichts derer erachtete er es daher nicht als sinnvoll, wenn das Amt weiterhin mit seiner Person besetzt sein würde.

Als Professor für Pastoraltheologie arbeitete er an zeitgemäßen Formen für die Verwirklichung des „kirchlichen Heilsdienstes“ und regte empirische Studien zum Wandel der Kirche an, so zum Priesterbild, zu Frauen in der Kirche oder zur kirchendistanzierten Religiosität. Als Publizist und Intellektueller brachte er sich in den politischen Diskurs mit ein etwa bei der "Grundwertedebatte". Mit dem aufziehenden Wertewandel angesichts von Pluralisierung, Individualisierung und Entnormativierung beobachtete Forster ernst zu nehmende Risse in der Gesellschaft, mit denen er sich sichtlich schwertat.

Weltanschaulich neutral, aber nicht wertneutral

Zeitlebens hatte die Wahrung der Würde der menschlichen Person für ihn oberste Priorität gehabt. Er war überzeugt, dass der "tolerante freiheitliche Rechtsstaat einer pluralistischen Gesellschaft prinzipiell ein weltanschaulich neutraler, aber kein wertneutraler Staat sein" dürfe. Als verhängnisvoll wertete er es jedoch, dass der Glaube und die Ethik ins Private abgedrängt würden. Einen "liberalen Nachtwächterstaat" erkannte er als verhängnisvoll. Angesichts der Schrecken der NS-Vergangenheit sei es gerade das Verdienst der Bundesrepublik gewesen, verbindliche Wertmaßstäbe im gesellschaftlichen Miteinander zu setzen. Diese gelte es zu bewahren, nicht zuletzt gegen Kräfte, die ein totalitäres Gesellschaftsbild vertraten.

In weiten Strecken zeigte sich Forsters Gabe, wie es die FAZ formulierte, "in Kategorien des Politischen" zu denken, "im Sinne der Kunst, das Mögliche durchzusetzen". Kern seines Engagements war die Überzeugung, dass der moderne Christ sich aktiv gesellschaftspolitisch einzubringen, christliche Werte zu artikulieren und Verantwortung innerhalb der Kirche zu übernehmen habe. Die Kirche habe ihrerseits ihren Öffentlichkeitsauftrag im Sinne des Gemeinwohls wahrzunehmen. Forster scheute sich nicht, dabei auch "heiße Eisen" anzufassen, den gesellschaftlichen Diskurs gegen den Strich zu bürsten und im politischen Feld auch für die Kirche neue Perspektiven aufzuzeigen. Bei all den Kontroversen blieb er einem Dialogverständnis treu und behielt eine gewichtige Stimme im Katholizismus. Für die Bischofsnachfolge in München und Freising zählte nicht zuletzt er zu den aussichtsreichen Kandidaten. Sein früher Tod setzte seinem unermüdlichen Tatendrang jedoch ein endgültiges Ende. Er starb am 23. November 1981 infolge eines Herzinfarkts.

Von Simon Oelgemöller