Beraterin der Weltsynode im Interview über Synodalität

Wijlens: Papst Franziskus hat die Reset-Taste der Kirche gedrückt

Aktualisiert am 08.02.2022  –  Lesedauer: 

Rom ‐ Synodalität ist mit Blick auf die kirchlichen Reformprozesse scheinbar das Wort der Stunde. Im katholisch.de-Interview erklärt die Kirchenrechtlerin und Beraterin des weltweiten synodalen Prozesses, Myriam Wijlens, was Synodalität genau bedeutet und was sich unter Papst Franziskus geändert hat.

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Synodalität kann man aus Sicht der Erfurter Kirchenrechtlerin Myriam Wijlens mit einem bunten Blumenstrauß vergleichen. Und die gebürtige Niederländerin weiß, wovon sie spricht: Papst Franziskus hat Wijlens im vergangenen Juni zur Konsultorin der Bischofssynode "Für eine synodale Kirche – Gemeinschaft, Teilhabe und Mission" ernannt. Außerdem gehört sie zum Lenkungsausschuss des weltweiten synodalen Prozesses. Im Interview erklärt sie, wo der Unterschied zwischen Syodalität und Demokratie liegt und was sich aus ihrer Sicht ändern muss, damit Synodalität in der katholischen Kirche tatsächlich gelebt wird.

Frage: Frau Wijlens, die katholische Kirche ist in weiten Teilen ein hierarchisches System, am Ende entscheidet meistens der Pfarrer, der Bischof oder der Papst. Wie passt Synodalität da überhaupt hinein?

Wijlens: Um zu verstehen, was Synodalisierung der Kirche bedeutet, muss man zum Ersten Vatikanischen Konzil zurückgehen, bei dem die Kirche sich sehr mit dem Papsttum befasst und zwei wichtige Dogmen verkündet hat: Das Jurisdiktionsprimat und die Unfehlbarkeit des Papstes. Man hätte dort eigentlich auch über die Rolle der Bischöfe sprechen sollen. Das ist allerdings nicht mehr passiert, weil ein Krieg ausgebrochen ist. Vielleicht war das aber gar nicht so schlecht, weil sich die wissenschaftliche Theologie in den Jahren nach dem Konzil sehr mit den Kirchenvätern befasst und Dinge entdeckt hat, die dann in das Zweite Vatikanische Konzil eingeflossen sind. Dort war klar, dass es ein Pendant zum Papsttum braucht. Beim Konzil hat man eine Lehre dargelegt, die heute oft als die Lehre der Kollegialität der Bischöfe bezeichnet wird. In der großen Konstitution "Lumen gentium" über die Kirche haben die Konzilsväter bewusst aber noch ein Kapitel davorgeschaltet, wo das zum Ausdruck gebracht werden soll, was alle Gläubigen gemeinsam haben. Dieses Kapitel hat dann den Titel "Volk Gottes" bekommen.

Frage: Warum ist das so wichtig?

Wijlens: Das hatte großen Einfluss auf das Kirchenrecht. Als man nach dem Konzil die Frage gestellt hat, wie man alle neuen Einsichten auch durch Strukturen unterstützen kann, damit sie auch gelebte Realität werden, hat man festgestellt: Es gibt zwar das Kapitel über das Volk Gottes, aber das Kapitel über die Hierarchie wurde nicht überarbeitet, sodass zwei Theologien nebeneinanderstanden. Nach den Ausführungen zum Volk Gottes steht im zweiten Kapitel von "Lumen gentium" die Unfehlbarkeit der Gesamtheit der Gläubigen, die "im Glauben nicht irren" kann, weil sie vom Heiligen Geist geleitet wird und in dritten die Unfehlbarkeit des bischöflichen und päpstlichen Lehramtes. Als man dann den Codex des Kanonischen Rechts verfasst hat, hat man stärker auf das dritte Kapitel zurückgegriffen und das zweite wurde nur unzureichend umgesetzt.

Das deutsche Logo der Weltsynode
Bild: ©Deutsche Bischofskonferenz

Unter Papst Franziskus ist es zu einem Perspektivwechsel gekommen, sagt Myriam Wijlens. "In den Dokumenten zur kommenden Bischofssynode heißt es mit Blick auf die Bischöfe ausdrücklich: Bitte schreiben Sie uns nicht, was Sie selbst denken oder wovon sie denken, dass man es in Rom hören möchte, sondern berichten Sie, was Thema in Ihrer Kirche ist und wo es hakt."

Frage: Was hat sich mit Papst Franziskus jetzt geändert?

Wijlens: Papst Franziskus hat eigentlich nichts Neues gemacht, sondern einen Neuanfang gewagt. Ein Bild: Wenn wir vor einem Computer sitzen, der nicht mehr läuft, stellen wir uns die Frage: Sollten wir die Reset-Taste drücken? Danach ist nichts mehr, wie es mal war und ich kann die Veränderungen auch nicht mehr wiederherstellen. Aber wir tun das, um das ganze System zu optimieren. Und gleichzeitig wird bei einem Reset nichts Neues hinzugefügt. Das System wird rekonfiguriert – und genau das hat Papst Franziskus gemacht. Das Nebeneinander vom zweiten und dritten Kapitel von "Lumen gentium" hat er aufgehoben, indem er die beiden in eine neue Beziehung zueinander stellt. Schon bei seinem Amtsantritt 2013 hat er das Volk Gottes darum gebeten, für ihn zu beten. Er hat klargemacht: "Ich brauche euch genauso sehr, wie das Volk Gottes den Papst braucht." Und genau das ist der Prozess der Synodalisierung, der gerade im Gang ist: Um gemeinsam Kirche Gottes zu sein und unsere Taufe und unsere Firmung auch tatsächlich zu leben braucht es eine Neukonfigurierung aller Protagonisten.

Frage: Wie kann diese Neukonfigurierung denn konkret aussehen?

Wijlens: Der Prozess beginnt mit dem Hören auf das Wort Gottes. Erst danach sollten wir darüber ins Gespräch kommen und dann auch die Frage stellen: Wie können wir das gut leben und wie können wir hier Kirche sein? Das geht nicht nur, indem wir über Strukturen nachdenken, sondern es geht darum, dass wir authentische Christen sind, die ihren Glauben verkünden und auf die Fragen der Gesellschaft Antworten geben können, die die Menschen verstehen und die ihnen bei der Bewältigung ihrer Probleme helfen und Hoffnung bringen. Diese Fragen, aber auch diese Antworten werden weltweit natürlich sehr unterschiedlich sein – und das ist etwas Schönes! Da entsteht ein bunter Blumenstrauß und nicht bloß eine Farbe oder eine Blume.

Frage: Aber ist Synodalität nicht am Ende Symbolpolitik, wenn doch der Bischof oder der Papst entscheidet, wie was umgesetzt wird?

Wijlens: Ich glaube, auch da kommt es zu einem neuen Verständnis. Die Frage ist ja, in wessen Namen der Bischof spricht. Der Bischof bezeugt nämlich den Glauben seiner Kirche und nicht seinen eigenen Glauben oder die eigenen Bilder, die er hat. Um das aber tun zu können, muss er wissen, was die Menschen in seinem Bistum denn überhaupt glauben, welche Hoffnungen, Ängste oder Probleme sie haben. In den Dokumenten zur kommenden Bischofssynode heißt es mit Blick auf die Bischöfe ausdrücklich: Bitte schreiben Sie uns nicht, was Sie selbst denken oder wovon sie denken, dass man es in Rom hören möchte, sondern berichten Sie, was Thema in Ihrer Kirche ist und wo es hakt. Und wenn es hakt, dann kann man ja vielleicht auch von anderen erfahren, wie es dort gelöst wird. Ich glaube – und das sage ich auch als Kirchenrechtlerin – wir müssen uns theologisch und theoretisch noch mehr damit befassen, was Repräsentanz in der Kirche und in verschiedenen Gremien überhaupt bedeutet und wer da im Namen von wem mit welcher Autorität entscheidet und spricht.   

Papst Franziskus eröffnet die Weltsynode im Vatikan.
Bild: ©KNA/Vatican Media/Romano Siciliani

"Papst Franziskus hat eigentlich nichts Neues gemacht, sondern einen Neuanfang gewagt", sagt Wijlens. Seine Betonung der Synodalität klingt demnach schon seit seinem Amtsantritt an.

Frage: Der Papst sagt immer wieder, dass die Kirche keine Demokratie ist. Wo liegt denn der Unterschied zwischen Synodalität und Demokratie?

Wijlens: Bei der Synodalität geht es darum, gemeinsam um die Wahrheit zu ringen und gemeinsam in einem Prozess der Unterscheidung miteinander nachzudenken: Was bedeutet dies oder jenes eigentlich für uns? Viele Menschen sagen, dass wir keine Demokratie sind, weil in der Kirche nicht abgestimmt wird. Das stimmt aber nicht. Auch beim Zweiten Vatikanischen Konzil wurde abgestimmt. Dort haben alle Texte mehr als 90 und manchmal sogar 95 Prozent Zustimmung bekommen. Man hat also auf einen Konsens gesetzt und versucht, in Glaubensfragen gemeinsam zu entscheiden und zu schauen, was alle verbindet.

Frage: Was ist denn, wenn man sich aber nicht einigen kann?

Wijlens: Da kann man von den Ordensgemeinschaften sehr viel lernen. Erstens gibt es auch in der Demokratie bei ganz wichtigen Entscheidungen das Erfordernis, dass man mit einer Zweidrittel-Mehrheit abstimmt, weil man sagt, dass beispielsweise eine Grundgesetzänderung nicht mit einer knappen Mehrheit veranlasst werden kann. Das wäre auch nicht gut, weil es viel zu fundamental ist. Und ich glaube, das ist beim Glauben auch so: Das geht nicht mit einer schlichten Mehrheit, sondern da muss eigentlich ein Konsens hergestellt werden. Der Konsens ist eine Manifestation der Beteiligung Gottes am Entscheidungsprozess. Dies erreicht man nur, indem man wirklich miteinander ringt, einander versteht und im Zweifel nochmal eine Runde dreht. Das erfordert eine knallharte Arbeit, aber am Ende des Tages ist das sehr bereichernd, weil unter den Teilnehmenden nicht nur Freude, sondern auch Frieden herrscht, weil alle wissen: "Denn der Heilige Geist und wir haben beschlossen" (Apg 15, 28)

Frage: Was muss sich aus Ihrer Sicht denn ändern, damit Synodalität in der katholischen Kirche mehr implementiert und gelebt wird?

Wijlens: Wir müssen zunächst einmal viel Geduld miteinander haben und versuchen, dass aus "die da" und "wir hier", ein gemeinsames "wir" und "uns" wird. Bei vielen Menschen kommt dann die Frage auf: Wo bleibt dann die Einheit der Kirche, wenn man zu verschiedenen Ergebnissen kommt? Ich glaube, man wird sich auf die Suche danach machen müssen, was Einheit eigentlich bedeutet. Da würde ich mir wünschen, dass wir alle unsere Möglichkeiten nutzen und mit anderen Sprach- und Kulturräumen in Austausch kommen und erfahren, wie beispielsweise die Leitung von Frauen in der Kirche dort diskutiert werden. Es ist unglaublich, wie beispielsweise in Südamerika die Post abgeht. Dort haben sich im Vorfeld eines synodalen Prozesses 70.000 Menschen beteiligt. Das ist immens! Und am Synodalen Prozess direkt waren 1.000 Menschen beteiligt, vor allem aus dem Gebiet des Amazonas. Es ist spannend und bereichernd zu sehen, wie anders die Themen und die Menschen manchmal sind.

Von Christoph Brüwer