Kerstin Stegemann hat diözesane Phase im Bistum Münster koordiniert

Weltsynoden-Beauftragte: Ergebnisse sind ehrliche Bestandsaufnahme

Aktualisiert am 27.04.2022  –  Lesedauer: 

Münster ‐ Münster war eines der ersten Bistümer, das die Ergebnisse für den weltweiten synodalen Prozess vorgestellt hat. Kerstin Stegemann hat an der Zusammenfassung mitgearbeitet. Im katholisch.de-Interview spricht sie über die Ergebnisse und darüber, wie das Bistum selbst von ihnen profitieren kann.

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Nicht mehr als zehn Seiten dürfen die Zusammenfassungen Umfrageergebnisse der einzelnen Diözesen zum weltweiten synodalen Prozess haben. Trotzdem möglichst viele Rückmeldungen möglichst genau abzubilden war die Aufgabe einer sechsköpfigen Arbeitsgruppe im Bistum Münster. Kerstin Stegemann gehörte zu dieser Gruppe und hat den synodalen Prozess im Bistum koordiniert. Im katholisch.de-Interview spricht sie über die Ergebnisse – und erklärt, wie es im Bistum jetzt weitergeht.

Frage: Frau Stegemann, das Bistum Münster war eines der ersten Bistümer in Deutschland, das die Zusammenfassung der Ergebnisse der diözesanen Phase des weltweiten synodalen Prozesses veröffentlicht hat. Was waren die Ergebnisse, die dabei herausgekommen sind?

Stegemann: Das ist sehr unterschiedlich. Bei den Antworten hat man deutlich gemerkt, dass die Menschen ein Interesse an dieser Kirche haben und dass sie Ideen haben, wie diese Kirche sich verändern muss und auf was es künftig ankommt. Die Themen, die genannt wurden, sind die, die aktuell auch an vielen anderen Stellen diskutiert werden: Bei uns im Bistum Münster läuft gerade ein Prozess, bei dem die pastoralen Strukturen neu geordnet werden. Und auch beim Synodalen Weg tauchen diese Themen auf. Die Rückmeldungen knüpfen also sehr gut an das an, was dort passiert. Das sind die großen Fragen, etwa zur Verteilung der Verantwortung vor Ort oder wie die Kirche vor Ort gestaltet wird. Das alles verbunden mit der Frage: Was müsste sich ändern, um das gut tun zu können?

Frage: Hat es Sie überrascht, dass die Rückmeldungen dem ähneln, was auch an anderer Stelle besprochen wird?

Stegemann: Nein. Ich fände es sogar eher bedenklich, wenn es jetzt ganz andere Ergebnisse gegeben hätte. Das zeigt uns vielmehr, dass die Themen und Fragestellungen gerade die richtigen sind. Neu war allerdings diese Breite: Wir bekommen über die Gremien verschiedene Positionen zurückgespiegelt, aber wir haben noch nie so eine Befragung gemacht, die sich wirklich an jede und jeden einzelnen vor Ort richtet.

Frage: Wenn man die Zusammenfassung liest, fällt auf, dass dabei nicht mit Kritik gespart wurde …

Stegemann: Genau. Das ist eine richtig ehrliche Bestandsaufnahme von dem, was Leute vor Ort beschäftigt und bewegt, was sie motiviert und demotiviert. Da wird ganz konkret benannt, wo die Probleme liegen. Ganz oft wurde angesprochen, wie die Zusammenarbeit von Priestern und Laien, von Haupt- und Ehrenamtlichen gelingt, wer sich also wie ernstgenommen und angesprochen fühlt. Das ist nicht nur punktuell zu merken, sondern das ist ein Thema, das insgesamt an vielen Stellen genannt wurde.

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Frage: Wie viele Rückmeldungen haben Sie bei der diözesanen Befragung insgesamt bekommen?

Stegemann: Insgesamt waren es über 300 Rückmeldungen, die uns erreicht haben. Einzelne Rückmeldungen kamen aber auch von Verbandsgruppen, Gruppen aus Pfarrgemeinden oder Schulklassen. Daher können wir nicht genau sagen, wie viele Leute jetzt hinter den Ergebnissen stehen.

Frage: Wenn man sich vor Augen führt, dass Münster im Bezug auf die Katholikenzahl das zweitgrößte Bistum Deutschlands ist, klingt das nach nicht sonderlich viel …

Stegemann: Das kann man sicherlich so sagen. Aber um ein Bild zu bekommen von dem, was die Menschen beschäftigt, ist das schon eine ordentliche Zahl. Natürlich haben wir nicht alle erreicht, auch wenn wir verschiedene Wege versucht haben. Ich glaube, dass wir mit kirchlichen Themen immer Menschen ansprechen, die irgendwie kirchennah sind. Einige haben kritisiert, dass wir keinen längeren Zeitraum für die Befragung gewählt haben, um noch mehr Menschen zu beteiligen. Sowohl uns in der Arbeitsgruppe als auch dem Bischof war es aber wichtig, dass wir ein Verfahren finden, dass legitimiert ist und wo nicht am Ende sechs Leute darüber entscheiden, wie wir mit den Rückmeldungen umgehen, sondern dass der Diözesanrat eingebunden wird und wir noch einmal über die Antworten und die Zusammenfassung diskutieren. Die erste Zusammenfassung haben wir auch Vertreterinnen und Vertretern anderer christlicher Kirchen vorgelegt, und sie um ihre Einschätzung gebeten, ob diese Selbstbeschreibung sich auch mit der Außensicht deckt. Trotz allem sind wir aber zufrieden mit der Anzahl und dem, was wir an Rückmeldungen bekommen haben. Aus allen Bistumsteilen und aus unterschiedlichen Altersgruppen sind Rückmeldungen gekommen, sodass wir das Gefühl haben, dass die Ergebnisse trotzdem in gewisser Weise repräsentativ für die Menschen unserer Diözese sind. 

Frage: Ich habe manchmal den Eindruck, dass der weltweite synodale Prozess in Deutschland nicht so wahrgenommen wird. Interessiert das die Menschen nicht oder geht das neben all den anderen Prozessen wie dem Synodalen Weg oder Reformprozessen in der Diözese unter?

Stegemann: Mein Gefühl ist, dass die Leute vor allem interessiert, was sie vor Ort betrifft. Die Herausforderung ist darum, deutlich zu machen, wie die vielen Prozesse zusammenhängen, was so ein weltkirchlicher Prozess eigentlich mit der Gemeinde vor Ort zu tun hat und wie man sich da einbringen kann. Wir haben auch ein Hearing veranstaltet, wo wir mit Gläubigen in den Austausch gegangen sind. Dort haben wir die Rückmeldung bekommen, dass viele es gar nicht gewohnt sind, dass sie gefragt werden. Wir haben auch die Erfahrung gemacht, dass es diesen Austausch viel häufiger braucht. Dann interessieren sich die Menschen auch und verstehen mehr, was es mit ihnen zu tun hat und warum es sich lohnt, sich dort einzubringen.

Synodaler Prozess: Wie die deutschen Bistümer Beteiligung gestalten

Die erste Phase des weltweiten synodalen Prozesses hat begonnen – und gleicht einer großen Mitgliederbefragung der Weltkirche. Wie die deutschen Bistümer vorgehen und wie Gläubige sich am synodalen Prozess beteiligen können, hat katholisch.de zusammengefasst.

Frage: Im Vademecum, also dem "Handbuch" zum Prozess, hat der Papst immer wieder betont, wie wichtig es ihm ist, mit der Befragung auch an die Ränder zu gehen. Wie gut ist Ihnen das gelungen?

Stegemann: Ich glaube, dass es immer Grenzen gibt, weil wir zu bestimmten Zielgruppen keinen Kontakt haben und es dadurch schwierig ist, sie anzusprechen. Wir haben versucht, das über Menschen in unserer Arbeitsgruppe abzudecken und hatten daher einen Vertreter vom Caritasverband und eine Vertreterin vom Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) dabei, die das in ihre Strukturen und Einrichtungen weitergegeben haben. Wie gut uns das am Ende gelungen ist? Wahrscheinlich nicht so gut, wie es im Idealfall gewesen wäre.

Frage: Die römische Vorgabe ist auch, dass die Ergebnisse der Diözesen auf maximal zehn Seiten zusammengefasst werden müssen. Wie bekommt man das hin, wo doch vermutlich alle Rückmeldungen unterschiedlich sind?

Stegemann: Das war wahrscheinlich die größte Herausforderung. Wir können natürlich nicht alle Antworten in jedem Punkt unterbringen, das war von Anfang an klar. Wir haben die ganzen Rückmeldungen, die gekommen sind, in einer riesigen Excel-Tabelle gesammelt und jede und jeder aus der Arbeitsgruppe hat zwei Fragen übernommen, um herauszufinden, was die Themenstränge sind, die besonders häufig genannt werden. In der Zusammenfassung haben wir dann versucht, auch die Relationen abzubilden und zu zeigen, welche Rückmeldungen häufig gekommen sind und welche weniger genannten Sichtweisen und Facetten es daneben aber auch gibt. Das wurde beispielsweise beim Thema Gottesdienstangebote sehr deutlich: Viele haben gesagt, dass es mehr von Laiinnen und Laien geleitete Wortgottesdienste geben sollte und weniger Inszenierung. Es gab aber auch Rückmeldungen – wenn auch weniger –, die gesagt haben: Wir wollen nicht, dass es weniger formell wird, wir wollen weiterhin an der Eucharistiefeier mit Priestern festhalten. Da gibt es also einen Widerspruch, den wir so auch versucht haben, abzubilden. 

Frage: Und es war ja nicht die letzte Zusammenfassung: Auch die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) muss die Eingaben aus Deutschland nochmal zusammenfassen und dann weitergeben. Wie hoffnungsvoll sind Sie, dass man die Eingaben aus dem Bistum Münster auch in den weiteren Zusammenfassungen noch erkennt?

Stegemann: Uns ist klar, dass wir nur eine von vielen Diözesen sind und dass es auch für die DBK herausfordernd sein wird, alles zu bündeln. Vom Wortlaut wird man deswegen wahrscheinlich gar nicht so viel wiederfinden. Mich würde es aber schon überraschen, wenn die Tendenzen in anderen Bistümern völlig andere sind. Ich gehe fest davon aus, dass es ähnliche Stimmungsbilder und Rückmelden geben wird oder dass zumindest die großen Themen ähnlich diskutiert werden.

Frage: Die diözesane Phase ist mit der Zusammenfassung für Sie jetzt abgeschlossen und die Gläubigen sind für die Weltsynode erstmal raus. Wie geht es trotzdem mit den Ergebnissen weiter, die Sie gesammelt haben?

Stegemann: Das Ziel war ja die Rückmeldung an die Weltsynode. Bei den Antworten haben wir in der Arbeitsgruppe aber gemerkt, wie wichtig diese Ergebnisse auch für uns in der Diözese sind. Diese Eingaben können prima in die Prozesse einfließen, die hier gerade laufen. Wir haben in der letzten Diözesanratssitzung Empfehlungen vorgestellt, die wir aus den Rückmeldungen abgeleitet haben. Bald wird sich ein neuer Diözesanrat konstituieren, der sich mit diesen Empfehlungen beschäftigen und schauen wird, wie sie Einfluss nehmen können auf die Prozesse, die bei uns im Bistum Münster gerade laufen. 

Von Christoph Brüwer