Interview mit Bruder Andreas Murk zum Papier der Deutschen Ordensobernkonferenz

DOK-Vorsitzender über Weltsynoden-Eingabe: Kirche braucht Erneuerung

Aktualisiert am 07.07.2022  –  Lesedauer: 
Zwei Ordensfrauen mit Schleier auf dem Petersplatz schauen zum Petersdom.
Bild: © KNA

Bonn ‐ Nicht nur die Bistümer in Deutschland bereiten Eingaben zum weltweiten synodalen Prozess vor: Auch die Ordensleute beteiligen sich mit einem eigenen Dokument. Im katholisch.de-Interview spricht der Vorsitzende der Deutschen Ordensobernkonferenz (DOK) darüber, was die Kirche von Orden lernen kann.

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Papst Franziskus hat die gesamte Kirche dazu aufgerufen, sich am weltweiten synodalen Prozess im Vorfeld der Weltbischofssynode zum Thema Synodalität im kommenden Jahr zu beteiligen. Die Deutsche Ordensobernkonferenz (DOK) hat die Einladung angenommen und ein eigenes Dokument an den Vatikan geschickt. Im katholisch.de-Interview spricht der DOK-Vorsitzende Bruder Andreas Murk darüber, wie es zu der Eingabe kam und wie die Forderungen zu bewerten sind. 

Frage: Bruder Andreas, Sie haben als Deutsche Ordensobernkonferenz (DOK) eine eigene Eingabe zum weltweiten synodalen Prozess gemacht. Warum?

Bruder Andreas: Weil wir als Ordensleute eingeladen waren, uns auch an diesem weltweiten Prozess zu beteiligen. Wir wollten auch die Perspektive der Ordensleute einbringen.

Frage: Im Vademecum heißt es, dass Ordensgemeinschaften aufgerufen sind, "sich auf der Ebene der Ortskirchen in den Synodalen Prozess einzubringen." Warum haben Sie Ihre Erfahrungen denn nicht beispielsweise über die Eingabe der Deutschen Bischofskonferenz einfließen lassen – sozusagen als deutsche Sammelrückmeldung?

Bruder Andreas: Ordensleute sind ja in ganz verschiedenen Bereichen pastoral tätig und deswegen wird unsere Stimme auch in vielen Eingaben und Rückmeldungen der Bistümer zu finden sein. Ich denke, das war jetzt eine Zusatzchance, wirklich spezifisch das einzubringen, worauf sich die Ordensleute verständigt haben. Darin sehe ich aber keinen Sonderweg, sondern das Annehmen einer Einladung, unsere Stimme einzubringen.

Frage: Wie ist Ihre Eingabe denn zustande gekommen? Haben Sie eine Umfrage unter allen Ordensleuten in Deutschland gestartet?

Bruder Andreas: Eine Umfrage gab es in dem Sinne nicht. Die 16.500 Ordensleute in Deutschland waren eingeladen, sich über eine Videokonferenz zu beteiligen. Daraus wurden dann Entwurfspapiere, an denen weitergearbeitet wurde. Darüber wurde dann in einer weiteren Videokonferenz noch einmal in Gruppenarbeit diskutiert. Und wir als neuer DOK-Vorstand sind redaktionell noch einmal über den Text gegangen und haben ihn verschickt. Also haben nicht alle 16.500 Ordensleute über einen konkreten Text und jeden Punkt und jedes Komma abgestimmt, sondern das sind die Stimmungen aus den Gemeinschaften, die da versucht wurden, einzufangen.

Bruder Andreas Murk ist Vorsitzender der Deutschen Ordensobernkonferenz
Bild: ©DOK

"Grundsätzlich trägt uns als Orden die Überzeugung, dass die Kirche eine Erneuerung braucht", sagt Bruder Andreas Murk. Auch wenn die Wege unterschiedlich seien, "können wir sie im Dialog miteinander finden, wenn wir daran glauben, dass der Geist Gottes im Dialog gegenwärtig ist – ohne dass ihn jemand vorab besitzt oder im Nachhinein dekretiert."

Frage: Wie viele Ordensleute haben sich denn an diesem Prozess beteiligt?

Bruder Andreas: Wie viele Ordensleute beim gesamten Prozess beteiligt waren, kann ich nicht sagen. Von meiner Vorgängerin, Schwester Katharina Kluitmann, habe ich die Zahl genannt bekommen, dass rund 70 Ordensleute an einer der Videokonferenzen teilgenommen haben, ganz bunt gemischt, also Obere und Nichtobere. Die haben dann sicher auch Gespräche und Erfahrungen aus ihren Gemeinschafen zu Hause einfließen lassen. 

Frage: Kommen wir zum Inhalt Ihres Dokuments. Darin fordern Sie zum Teil weitreichende Reformen, etwa die Weihe von Frauen oder die gemeinsame Eucharistiefeier mit anderen Konfessionen. Hat Sie die Deutlichkeit dieses Wunsches Ihrer Mitschwestern und -brüder überrascht?

Bruder Andreas: In meiner eigenen Gemeinschaft, in der ich meine Alltagserfahrungen mache, erlebe ich eine sehr große Bandbreite. Und ich nehme auch wahr, was in der Kirche und der Gesellschaft los ist. Da hat mich nichts völlig überrascht, denn das sind ja keine neuen Forderungen, sondern das, was sowieso virulent ist. Mir ist aber wichtig zu sagen, dass dieses Papier zwar einige Forderungen bringt, aus denen man schöne Überschriften machen kann, aber es differenziert auch und bildet die Buntheit der Ordensgemeinschaften ab. Grundsätzlich trägt uns als Orden die Überzeugung, dass die Kirche eine Erneuerung braucht. Auch wenn die konkreten Wege für diese Erneuerung ganz unterschiedlich sein mögen, können wir sie im Dialog miteinander finden, wenn wir daran glauben, dass der Geist Gottes im Dialog gegenwärtig ist – ohne dass ihn jemand vorab besitzt oder im Nachhinein dekretiert.  

Frage: Als Ordensmitglieder sind Sie es gewohnt, dass Entscheidungen gemeinsam getroffen werden müssen. Stehen die Ordensmitglieder also auch hinter dem, was in ihrem Dokument steht – auch wenn Sie selbst einen anderen Weg für Reformen wählen würden?

Bruder Andreas: Ob da jetzt alle 16.500 Ordensleute dahinterstehen, würde ich gerne offenlassen. Wenn wir beispielsweise die Priesterweihe der Frau nehmen, wird es sicherlich auch eine Reihe Ordensleute geben, die dem widersprechen würden. Deshalb haben wir versucht, das einzufangen und zu zeigen, dass es diesen deutlichen Wunsch gibt, dass der aber nicht für alle gilt. Viele unserer Gemeinschaften sind zudem international. Eine Kongregation oder ein Orden, der weltweit tätig ist, hat auch Provinzen, wo die Frage der Priesterweihe der Frau ganz anders eingeschätzt wird.

Neuer DOK-Vorsitzender: "Für mich ist das kein Karriereschritt"

Vor gut einem Jahr hat er noch selbst den Boden für ein neues Kloster seiner Gemeinschaft nahe Osnabrück verlegt. Jetzt wurde der Franziskaner-Minorit Andreas Murk zum Vorsitzenden der Deutschen Ordensobernkonferenz gewählt. Katholisch.de erklärt er, warum das für ihn kein Karriereschritt ist.

Frage: Immer wieder erwähnen Sie in Ihrer Eingabe hoffnungsvolle Ansätze, die sie beispielsweise beim Synodalen Weg entdecken. Warum stellen Sie diesen Reformprozess so heraus?

Bruder Andreas: Der Synodale Weg in Deutschland steht im Kontext zur Synode über Synodalität. Ich glaube, dass man die beiden nicht völlig voneinander trennen kann. Und unabhängig von den konkreten Ergebnissen, die dort eines Tages verabschiedet werden oder auch nicht, bringen die Ordensleute, die dort die Orden vertreten, insgesamt positive Dialogerfahrungen mit. Das waren sehr positive Beobachtungen, dass man dort miteinander im Gespräch ist und zu gegenseitigen Erkenntnisgewinnen kommt. Diese positive Vorerfahrung kann für die anstehende Synode helfen aber auch das Miteinander in der Kirche auf ein gutes Level bringen.

Frage: Was mich sehr überrascht hat ist, dass Sie sehr deutlich die "bange Frage" beziehungsweise sogar das "Misstrauen" ansprechen, ob die Beiträge zum synodalen Prozess im Vatikan überhaupt gewürdigt werden. Wie groß ist da Ihre Sorge diesbezüglich?

Bruder Andreas: Die Erfahrung macht wahrscheinlich jeder, der in großen Prozessen involviert ist: Man produziert Texte und schon die Natur der Sache bringt es mit sich, dass diese irgendwie zusammengefasst werden müssen. Und ich glaube, dass viele Nuancen im Laufe einer solchen Zusammenfassung natürlich unter den Tisch fallen. Es ist deshalb gut, dass bei der späteren Zusammenfassung der Ordenskongregation alle Original-Eingaben angehängt werden, damit man nachvollziehen kann, was weggefallen ist, weil es keine Mehrheitsmeinung war. Von daher bin ich erstmal zuversichtlich, dass die Dinge, die eingebracht werden, auch gehört werden. Und ich glaube, dass man viele Aspekte nicht nur in unserer Eingabe, sondern auch in anderen Eingaben genauso finden wird.

Frage: Welchen Beitrag können Ordensgemeinschaften grundsätzlich zum Thema Synodalität leisten? Was kann die Kirche von den Orden lernen?

Bruder Andreas: Momentan wird sehr viel über die Begrenzung von Amtszeiten und eine breitere Beteiligung der Menschen diskutiert. In den allermeisten Ordensgemeinschaften sind Amtszeiten zeitlich bereits relativ begrenzt und auch die Oberenämter werden von den Mitgliedern gewählt. Das ist ein System, das sich über Jahrhunderte bewährt hat. Ob man das jetzt eins zu eins für die Kirche übertragen kann, sei dahingestellt. Aber ich halte es für hilfreich, die Beobachtung zu machen, dass es funktionieren kann. Und ich glaube, dass wir uns in vielen Fragen von einer Angst leiten lassen. Die Angst ist aber nie ein guter Ratgeber. Viele Ordensgemeinschaften haben in ihrer Geschichte Unsicherheiten und Aufs und Abs erlebt, dann aber immer wieder Wege gefunden. Wenn wir mit diesem Vertrauen aus der eigenen Geschichte in die Zukunft gehen und im Dialog nach Lösungen suchen, dann können die Ordensleute zeigen, dass das in unserer Geschichte immer wieder gut funktioniert hat.

Von Christoph Brüwer