Insgesamt 14 Forentexte werden beim Synodalen Weg beraten

Vor vierter Synodalversammlung: Es bleibt wenig Zeit

Aktualisiert am 08.09.2022  –  Lesedauer: 

Frankfurt ‐ Ab heute treffen sich die Delegierten des Synodalen Wegs zum vierten Mal in Frankfurt – es ist ihre vorletzte Zusammenkunft. Die Zeit für Beschlüsse und Reformen drängt also. Das wird nicht nur am übervollen Programm deutlich, sondern auch an den Konflikten und Diskussionen im Vorfeld.

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Was die Münsteraner Theologin Dorothea Sattler für das Frauenpriestertum kürzlich formulierte, dürften im Hinblick auf grundlegende Reformen in der katholischen Kirche auch viele Mitglieder der Synodalversammlung unterschreiben: "Wir brauchen einen langen Atem." Mit der nun bevorstehenden vierten Synodalversammlung biegt das Reformprojekt der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) und des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) nun allerdings langsam, aber deutlich auf die Zielgerade ein: Zum vorletzten Mal treffen sich die Delegierten in Frankurt. Den Schlussspurt des Reformprojekts erkennt man schon am überaus vollen Programm und damit verbunden auch den kurzen Redezeiten, die schon in der Vergangenheit von vielen Synodalen als zu knapp bemessen moniert wurden.

Bereits am Anfang der Synodalversammlung dürften am Donnerstag die Emotionen hochkochen: Direkt nach der Eröffnung ist in einem eineinhalbstündigen Zeitfenster neben einem kurzen Wortgottesdienst, einem Bericht des Präsidiums und der Arbeitsgruppe "Verantwortungsgemeinschaft" auch eine "Aktuelle Aussprache" vorgesehen. Mit großer Wahrscheinlichkeit dürfte dort der umstrittene Gastbeitrag der ZdK-Präsidentin Irme Stetter-Karp ein Thema sein. In der "Zeit"-Beilage "Christ und Welt" hatte sie Mitte Juni gefordert, dass sicherzustellen sei, "dass der medizinische Eingriff eines Schwangerschaftsabbruchs flächendeckend ermöglicht wird". Gleichzeitig betonte sie, dass Abtreibungen keine regulären medizinischen Eingriffe seien und auch nicht als solche behandelt werden dürften.

Schutz des Lebens solle erstes Anliegen des Synodalen Wegs sein

Das hatte bereits Kritikerinnen aus der Synodalversammlung auf den Plan gerufen: Die Theologinnen Katharina Westerhorstmann und Marianne Schlosser, die Religionsphilosophin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz und die Journalistin Dorothea Schmidt schrieben in einem weiteren Gastbeitrag, dass es sich bei Abtreibungen sowohl nach christlicher als auch nach rechtlicher Auffassung "nicht um ein legitimes Gut, sondern um ein in den meisten Fällen rechtswidriges Verfahren, das lediglich straffrei bleibt" handele. Und weiter: "Das eindeutige Eintreten für den Schutz von vulnerablen Menschen ohne Unterschied erscheint daher als christliches Gebot der Stunde und sollte als vordringliches Anliegen des 'Synodalen Weges' in aller Eindeutigkeit kommuniziert werden."

Bild: ©picture alliance/ZUMAPRESS.com/Fabrizio Corradetti (Symbolbild)

Die Vatikan-Erklärung zum Synodalen Weg kam überraschend – gleichzeitig dürfte der Veröffentlichungszeitpunkt nicht zufällig gewählt sein.

Die Mitautorin des Textes, Katharina Westerhorstmann, sagte katholisch.de auf Anfrage, dass sie aufgrund diverser Vorlesungen erst mit Verspätung zur Synodalversammlung anreise und daher bei der Aktuellen Aussprache nicht vor Ort sei. Kontroverse Debatten wird sie deshalb aber trotzdem miterleben können. "Neben der Abtreibungsthematik wird uns ja mindestens ebenso intensiv das Dokument zur geschlechtlichen Vielfalt beschäftigen", so die Moraltheologin in Bezug auf einen Handlungstext aus dem Synodalforum "Leben in gelingenden Beziehungen", der in erster Lesung erörtert wird. Darin werde ein "radikaler Leib-Seele-Dualismus" als Ausgangspunkt genommen, um die binäre Geschlechterordnung "faktisch innerkirchlich abzuschaffen", so Westerhorstmann. "Das Dokument ist jedoch bereits in sich derart widersprüchlich, dass dies hoffentlich zu seiner Ablehnung genügt." 

Dass solche Hoffnungen zu den Reformvorhaben des Synodalen Wegs auch im Vatikan gehegt werden, legt die Ende Juli überraschend veröffentlichte Erklärung des Heiligen Stuhls nahe, in der zur "Wahrung der Freiheit des Volkes Gottes und der Ausübung des bischöflichen Amtes" davor gewarnt wurde, dass der deutsche Reformprozess "nicht befugt" sei, "die Bischöfe und die Gläubigen zur Annahme neuer Formen der Leitung und neuer Ausrichtungen der Lehre und der Moral zu verpflichten".

Einen Großteil des zwölfzeiligen Schreibens bildet der Papstbrief an das Pilgernde Volk Gottes in Deutschland aus dem Jahr 2019. Franziskus selbst wird nicht müde zu betonen, dass er diesen Brief selbst verfasst und darin alles gesagt habe, was er zum Synodalen Weg mitteilen wolle. Bis heute wird das Schreiben allerdings – je nach kirchenpolitischer Gesinnung – mal als Mutmacher und mal als klare Grenze für das Reformprojekt interpretiert. Auf der offiziellen Homepage des Synodalen Wegs ist der Text in der Rubrik "Dokumente, Reden und Beiträge" aufgeführt – also an der gleichen Stelle, an der auch die Grund- und Handlungstexte für die vierte Synodalversammlung zu finden sind. Nicht zufällig dürfte die Vatikan-Erklärung zum gleichen Zeitpunkt veröffentlich worden sein, an dem auch die ersten Texte für die vierte Synodalversammlung eingestellt wurden.

Eine Hand hält ein digitales Abstimmungsgerät
Bild: ©KNA/Julia Steinbrecht

"Ja" oder "Nein"? Die Abstimmungsgeräte dürften bei vierten Synodalversammlung wieder im Fokus stehen, denn insgesamt wird über 14 Grund- und Handlungstexte abgestimmt.

Neben fünf Handlungstexten, die der Synodalversammlung zum ersten Mal vorgelegt wurden, steht in Frankfurt für neun Grund- und Handlungstexte die – im Normalfall abschließende – zweite Sitzung und Schlussabstimmung an. Darin geht es unter anderem um die Schaffung Synodaler Räte, die mögliche Öffnung des priesterlichen Pflichtzölibats oder die lehramtliche Neubewertung von Homosexualität. Hier könnten also die nächsten Beschlüsse der Synodalversammlung bevorstehen – sofern die Mehrheit der Synodalversammlung und auch die der Bischöfe ihnen zustimmt.

Wegweiser für letzte Synodalversammlung 2023?

Trotz dieser drohenden Nagelprobe zeigt sich etwa die stellvertretende Bundesvorsitzende der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd), Agnes Wuckelt, hoffnungsvoll. "Wir blicken zuversichtlich und unbeirrt auf die vierte Synodalversammlung im September, weil wir dem Reformprozess jetzt ein deutliches Gesicht geben können und weil wir Verantwortung für unsere Kirche haben", betonte sie laut einer Pressemitteilung des Verbandes. Die kommende Synodalversammlung sei für die kfd-Frauen so wichtig, weil "dann die entscheidenden Schritte in die Wege geleitet werden" für Veränderungsvorschläge, die "die kirchliche Gemeinschaft weltweit bewegen". Die jetzige Versammlung sei wegweisend für die letzte Zusammenkunft im März 2023.

Welche Bedeutung dem kommenden Treffen beigemessen wird, wurde schon bei der dritten Synodalversammlung im Februar dieses Jahres deutlich. Bei der Abschluss-Pressekonferenz betonte ZdK-Präsidentin Irme Stetter-Karp, dass bei der vierten Sitzung wichtige Texte zur Diskussion stünden: "Ich erwarte, dass die vierte Synodalversammlung Handlungstexte mit klaren Bischofsvoten verabschiedet." Ob diese Erwartung erfüllt wird, wird sich in den kommenden Tagen zeigen.

Von Christoph Brüwer