Ex-Generaloberin: "Ich habe Respekt vor der Berufung von Frauen"

Seit Mitte der 1990er-Jahre organisieren die Waldbreitbacher Franziskanerinnen eine Fortbildung unter dem Titel "Diakonische Leitungsdienste für Frauen". Dort sollen den Teilnehmenden solche Kompetenzen vermittelt werden, die es für den Diakonat braucht, falls dieses Weiheamt irgendwann auch für Frauen geöffnet wird. Schwester Edith-Maria Magar ist Franziskanerin in Waldbreitbach und mitverantwortlich dafür, dass der erste dieser Kurse in ihrem Kloster stattfand. Wie es genau dazu kam und ob sie sich selbst zur Diakonin berufen fühlt, davon berichtet sie im Interview mit katholisch.de.
Frage: Schwester Edith-Maria, im Jahr 1999 fand der erste Diakonatskreis für Frauen in Waldbreitbach statt. Wie kam es dazu?
Schwester Edith-Maria: Damals war ich für die Bildungsarbeit der Mitarbeiterinnen in den karitativen Einrichtungen des Ordens zuständig. Eines Tages rief eine Frau bei mir im Kloster an und fragte, ob es möglich wäre, dass wir bei uns Kursteilnehmerinnen beherbergen würden, die sich für diakonische Aufgaben ausbilden lassen wollen. Ich war begeistert und fragte: "Was, ist es denn schon so weit?" Ich wusste, dass es das Netzwerk Diakonat der Frau gab und den Wunsch von Frauen, sich auf den Diakonat vorzubereiten. Ich habe spontan "Ja" gesagt, denn wir sind gerne Gastgeber. Aber letztendlich entscheiden musste das die Generalleitung. Mich persönlich hat es einfach gefreut, dass es losgehen kann mit diesem Thema. Die Frau am Telefon konnte gar nicht glauben, dass sie gerade offene Türen vorgefunden hatte, denn sie hatte davor schon einige Absagen von anderen Klöstern und diözesanen Einrichtungen bekommen.
Frage: Gab es von der Ordensleitung her Einwände?
Schwester Edith-Maria: Nein, die gab es nicht. In dem Gespräch, das ich dann mit der Ordensleitung führte, sagte ich ihr, dass wir das unterstützen müssen. Denn ich war zutiefst davon überzeugt, dass das eine ganz zentrale Frage für unsere Kirche ist. Und dann hieß es, dass unsere Gemeinschaft für diese Frage offen ist.
Frage: Hatten Sie keine Angst vor Konsequenzen oder einer Abmahnung aus Rom oder durch einen Bischof?
Schwester Edith-Maria: Ich hatte keine Angst vor irgendwelchen Konsequenzen. In den ersten beiden Diakonatskreisen war ich nicht involviert, wusste aber um die Notfikation aus Rom. In dem Mahnschreiben aus Rom aus den 1990er Jahren stand, dass es keine Ausbildung für Frauen zu einem Diakonat geben dürfe und es hieß, dass Frauen nicht zur Weihe zugelassen sind.
Frage: Haben Sie verfolgt, wie sich die Debatte rund um den Diakonat der Frau damals entwickelt hat?
Schwester Edith-Maria: Auf der Würzburger Synode, die von 1971 bis 1975 stattfand, war bereits darüber darüber diskutiert worden. Der Ruf nach dem sakramentalen Diakonat für Frauen wurde damals lauter. Der Tübinger Dogmatiker Peter Hünermann setzte sich sehr stark für berufene Frauen ein. Es gab dann nach der Synode ein Votum dafür, das nach Rom geschickt wurde. Die Antwort aus Rom war eindeutig: Es ist nicht möglich, Frauen zu weihen. Daraufhin gab es eine internationale Tagung zu dem Thema "Frauen und Diakonat" in Stuttgart. Dann hat sich das Netzwerk Diakonat der Frau gebildet. Dieses Netzwerk will den diakonischen Dienst für Frauen stärken.
Teilnehmerinnen des dritten Kurses "Fortbildung: Diakonische Leitungsdienste für Frauen in der Kirche" in Waldbreitbach kamen aus verschiedenen Diözesen Deutschlands.
Frage: Fand der erste Diakonatskreis dann geheim in Waldbreitbach statt?
Schwester Edith-Maria: Nein, es war keineswegs eine "versteckte Agenda", allerdings wurde es auch nicht groß öffentlich kommuniziert, wie es dann beim dritten Fortbildungskurs der Fall war. Angedacht war eine Vorbereitung auf die diakonische Sendung von Frauen, an deren Ende nicht die sakramentale Weihe stand. Denn das Verbot aus Rom war eindeutig. 1999 im Herbst startete der erste Kurs, der bis 2002 dauerte. Damals wurden 12 Frauen ausgebildet.
Frage: Im Rückblick fanden drei solcher Kurse statt. Während des dritten Kurs von 2020 bis 2024 waren sie selbst Generaloberin Ihrer Frauengemeinschaft …
Schwester Edith- Maria: Beim dritten Fortbildungsgang des Netzwerks Diakonat der Frau habe ich als Generaloberin unsere Gastfreundschaft, personelle, finanzielle und räumliche Unterstützung in unserem Mutterhaus angeboten. Eine Mitschwester hat sogar im Leitungsteam engagiert mitgearbeitet. Als Generaloberin war es mir wichtig, dass wir wieder Gastgeberinnen für diese Frauen sind und sie unterstützen. Es ist für uns ein Ausdruck des Respektes vor ihrer Berufung. 13 Frauen aus zehn Diözesen Deutschlands haben daran teilgenommen. Bei diesem Kurs war viel Hoffnung spürbar. Gleich zu Beginn habe ich den Frauen ein Geschenk überreicht.
Frage: Was haben Sie den Frauen geschenkt?
Schwester Edith-Maria: Ich habe den Teilnehmerinnen ein bekanntes Fresko aus Assisi mitgegeben, auf dem Papst Innozenz III. zu sehen ist, der nach der Begegnung mit dem Heiligen Franziskus träumt. Er sieht die vom Einsturz bedrohte Lateranbasilika, wie sie von Franziskus, dem Diakon, abgestützt wird. Das ist für mich ein ermutigendes Bild. Der Diakonat stützt die Kirche. Ich würde sagen, ohne die Frauen, ohne den diakonischen Einsatz der Frauen, wäre die Kirche vielleicht schon, um im Bild zu bleiben, eingestürzt. Ich selbst setze mich als Ordensfrau schon länger für das sakramentale Amt für Frauen ein, wie zum Beispiel bei einem Treffen mit Papst Franziskus vor einigen Jahren. Ich fand es sehr bestärkend, dass der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Limburger Bischof Georg Bätzing, die Teilnehmerinnen des dritten Diakonatskreises sogar zu einem Gespräch bei uns im Kloster getroffen hat. Es ist gut, dass das Thema beim Synodalen Weg ernsthaft erörtert wurde. Nur es ist wieder ins Stocken geraten, wie damals nach der Würzburger Synode. Wir feiern in diesem Jahr 50 Jahre Würzburger Synode. Damals gab es ein Votum für die Zulassung von Frauen zur Diakonenweihe. Wenn Rom das wieder verhindert, wird die Berufung von Frauen weiterhin nicht ernstgenommen. Für die Zukunft unserer Kirche ist das fatal.
Frage: Wie viele Kurse in Waldbreitbach wird es noch brauchen, bis es möglich ist, Frauen als Diakoninnen zu weihen?
Schwester Edith-Maria: Ich habe die Hoffnung, das noch zu erleben. Ich fände es gut, wenn es dann Kurse gibt, in denen Männer und Frauen zusammen eine diakonische Ausbildung machen können. Denn es ist eine Berufung aller zu diesem Dienst. Und am Ende stünde dann die Weihe von allen an. Das wäre der geschwisterliche Blick auf den diakonischen Dienst. Es ist ein Geschenk, wenn Gott Menschen beruft. Nur eine geschwisterliche Kirche wird Zukunft haben. Ich sage heute noch deutlicher als vor 30 Jahren: Es muss ein dreistufiges Weiheamt für Frauen geben, gleich wie bei den Männern. Schon jetzt stehen Frauen zur Weihe bereit und wir Franziskanerinnen unterstützen sie dabei.
Frage: Fühlen Sie sich selbst zur Diakonin berufen?
Schwester Edith-Maria: Als Franziskanerin kann ich meine Berufung in der Nachfolge Christi leben, so wie ich es mir immer gewünscht habe. Jesus in einer geistlichen Gemeinschaft nachzufolgen, das ist mein Weg. Aber wenn es wieder eine Anfrage von Frauen für weitere Diakonatskurse geben sollte, dann nehmen wir sie gerne wieder bei uns auf. Ich hoffe und bete, dass die Türen eines Tages auch in Rom für das Weiheamt für Frauen aufgehen werden. Kirche kann mit uns Frauen nur gewinnen.