Bistum Hildesheim: Kirchliche Kaderschmiede und Ökumene-Vorreiter
Serie: Unsere Bistümer

Bistum Hildesheim: Kirchliche Kaderschmiede und Ökumene-Vorreiter

Ökumene wird im Bistum Hildesheim groß geschrieben. Kein Wunder, denn in der Flächen- und Diaspora-Diözese leben die Katholiken weit verstreut. Ein Blick in Geschichte und Gegenwart des Bistums zeigt jedoch, dass der Glaube in Hildesheim durchaus blüht – auch im ganz wörtlichen Sinne.

Von Roland Müller |  Hildesheim - 12.10.2019

Für viele Hildesheimer war es ein Wunder, als im Mai 1945 zwei Dutzend Rosentriebe unter den Trümmern des zerstörten Doms hervorsprossen. Erst wenige Wochen zuvor hatten Fliegerbomben der Alliierten den seit dem 9. Jahrhundert in Hildesheim bestehenden Mariendom in Schutt und Asche gelegt – und mit ihm auch den berühmten Tausendjährigen Rosenstock. Dass dieses Wahrzeichen von Bistum und Stadt Hildesheim wider Erwarten die Katastrophen von Weltkrieg und Nazi-Herrschaft überlebt hatte, war für die Bewohner der Bischofsstadt ein großes Hoffnungszeichen.

Der Rosenstock ist seit der Errichtung des Bistums Hildesheim im Jahr 815 ein Indikator für das Wohl der niedersächsischen Stadt. Wenn sich jedes Jahr Ende Mai die Blüten der Rose für zwei Wochen öffnen, wissen die Hildesheimer, dass es ihnen auch weiterhin gut gehen wird. Ihre große Bedeutung erlangte die Pflanze durch die tragende Rolle, die sie in der Gründungslegende des Bistums spielt: Demnach soll sich Kaiser Ludwig der Fromme, Nachfolger seines Vaters Karls des Großen, beim Jagen im Wald verirrt haben. Da er sich keine andere Hilfe aus dieser Not wusste, hängte er sein Brustkreuz mit Reliquien der Gottesmutter in einen grünen Strauch, um davor zu beten. Er schlief schließlich ein und wurde beim Aufwachen davon überrascht, dass der Platz, an dem er sich befand, mit Schnee bedeckt war – während sein Kreuz an einem blühenden Rosenstock hin. Ludwig gelobte, an dieser Stelle eine Kapelle zu bauen und wurde danach von seinen Jagdgenossen gefunden. Diese kleine Kirche wurde 872 von Bischof Altfrid durch einen steinernen Dom ersetzt, an dessen Apsis der Tausendjährige Rosenstock noch heute wächst.

Eine Rosen am tausendjährigen Rosenstock am Hildesheimer Dom.

Am Hildesheimer Mariendom zeigen sich jedes Jahr Ende Mai die ersten Blüten am Tausendjährigen Rosenstock.

So schön die Legende vom Rosenwunder auch ist: Es waren politische Gründe, die zur Gründung des Bistums Hildesheim geführt hatten. Ludwig wollte Sachsen in das Frankenreich eingliedern und brauchte dafür ein Bistum als Missionsstandort in der Region. In den folgenden Jahrhunderten entwickelte sich die Diözese Hildesheim unter den Bischöfen Bernward und Godehard zu einer kirchlichen Kaderschmiede. Zwischen dem zehnten und dem zwölften Jahrhundert hatte zeitweise jeder vierte deutsche Bischof die Hildesheimer Domschule besucht oder dem dortigen Domkapitel angehört. Hildesheim war zur "Pflanzschule des Reichsepiskopats" geworden.

Von der einflussreichen Stellung der Hildesheimer Oberhirten im Mittelalter zeugen die bedeutenden Kunstschätze aus jener Zeit, die im Mariendom bewundert werden können. Dazu zählt auch die bronzene Bernwardstür aus dem 11. Jahrhundert, die Szenen aus dem Buch Genesis und dem Leben Jesu zeigt. Sie gehört – wie die ebenfalls im Dom befindliche und aus der gleichen Zeit stammende Christussäule – zum UNESCO-Welterbe, in das 1985 auch die Hildesheimer Kathedrale und die Michaelis-Kirche aufgenommen wurden.

Während des Hochmittelalters verfestigte sich neben der geistlichen auch die weltliche Macht der Hildesheimer Bischöfe. Die Grenzen der Diözese wurden 1235 auf einem Reichstag festgelegt und das Bistum als "selbstständig und von jeglicher herzoglicher Gewalt eximiert" anerkannt. Durch das Zugeständnis der weltlichen Herrschaft der Bischöfe im Hochstift Hildesheim sah sich das in unmittelbarer Nachbarschaft liegende Herzogtum Braunschweig-Lüneburg bedroht. Die zunehmenden Auseinandersetzungen der Welfen-Herzöge mit den Hildesheimer Bischöfen erreichten 1367 ihren Höhepunkt in der Schlacht von Dinklar. Der Legende nach siegten die Truppen des Hochstifts über das weit überlegene welfische Heer nur, weil Bischof Gerhard vom Berge den Seinen das Hildesheimer Gründungsreliquiar zeigte und sie sich somit dem Beistand der Jungfrau Maria sicher sein konnten. In den folgenden zwei Jahrhunderten verloren die Bischöfe jedoch aufgrund langwieriger Fehden um Besitzverhältnisse einen Großteil ihres weltlichen Herrschaftsgebiets an die Welfen: Das "Große Stift" schrumpfte zum "Kleinen Stift".

Normalerweise ist die Bernwardstür nicht geöffnet. Doch wenn sich ihre Tore auseinanderschieben, geben sie den Blick in das Innere des Mariendoms frei.

Nach der Reformation blieb Hildesheim neben Osnabrück als einziges Bistum in Norddeutschland bestehen. Die Kontinuität des katholischen Glaubens in der Diözese war keine Selbstverständlichkeit, denn die meisten Städte und Pfarreien auf dem Gebiet Hildesheims hatten sich den Ideen Martin Luthers angeschlossen. Nur noch ein Drittel der Bevölkerung war katholisch geblieben. Doch die 1612 beginnende Anbindung an das Haus der Wittelsbacher sicherte der Diözese das Fortbestehen. Die bayerischen Bischöfe leiteten das Bistum Hildesheim für fast 200 Jahre – oftmals saßen sie gleichzeitig auch auf anderen Bischofsstühlen, etwa in Köln, Paderborn und Münster.

Im Zuge der Säkularisation im 19. Jahrhundert verloren die Bischöfe von Hildesheim ihre weltliche Macht. 1824 wurde das Gebiet des Bistums auf den östlich der Weser gelegenen Teil des Königreichs Hannover und das Herzogtum Braunschweig ausgedehnt und damit enorm vergrößert. Damals bekam Hildesheim – von einigen kleinen Gebietsveränderungen in späterer Zeit abgesehen – seine derzeitige Umschreibung. Heute erstreckt sich das Bistum über den Osten Niedersachsens und den Norden Bremens samt Bremerhaven. Es ist mit 30.000 Quadratkilometern die flächenmäßig drittgrößte Diözese Deutschlands ist und reicht von der Nordsee bis zum Harz. Im Diaspora-Bistum Hildesheim sind die Wege zwischen den Gläubigen sehr weit, lediglich zwei Gebiete stellen die katholischen Herzkammern der Diözese dar: das ehemalige Hochstift rund um die Stadt Hildesheim sowie das Untereichsfeld im Süden Niedersachsens.

Große strukturelle und finanzielle Herausforderungen

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wuchs die Zahl der Gläubigen im Bistum auf das Dreifache an. Denn auf dem Gebiet der Diözese fanden 400.000 katholische Flüchtlinge vor allem aus Schlesien und dem ostpreußischen Ermland eine neue Heimat. 270 Kirchen wurden in dieser Zeit gebaut – von denen einige inzwischen schon wieder geschlossen wurden, da auch das Bistum Hildesheim wegen sinkender Katholikenzahlen vor großen strukturellen und finanziellen Herausforderungen steht. Angesichts dieser Probleme fordert der aktuelle Diözesanbischof Heiner Wilmer radikale Reformen in der Kirche. Besonders der Einsatz der Kirche gegen Missbrauch liegt ihm am Herzen. Bei diesem Thema nimmt er kein Blatt vor den Mund: "Der Missbrauch von Macht steckt in der DNA der Kirche", sagte Wilmer im vergangenen Jahr – was ihm viel Zuspruch, aber auch Kritik anderer Bischöfe einbrachte. Einem seiner Vorgänger auf dem Hildesheimer Bischofsstuhl warf er beim Umgang mit Missbrauchsfällen rückblickend Versagen vor.

Für Bischof Wilmer ist die ökumenische Zusammenarbeit der verschiedenen christlichen Kirchen ein Schlüssel für eine gelingende Zukunft des Glaubens: "Die Zeit ist vorbei, dass wir es uns in Deutschland überhaupt noch leisten können, die Unterschiede unter uns Christen zu betonen." Damit passt er gut zu seinem Bistum, denn in der Diaspora-Diözese Hildesheim ist Ökumene eine Selbstverständlichkeit. Initiativen wie die Bewegung "Kirche²", die sowohl vom Bistum als auch von der Hannoverschen Landeskirche getragen wird, suchen nach der Kirche der Zukunft – natürlich ökumenisch.

Von Roland Müller