Im Advent ist Nähe angesagt
Der spirituelle Adventskalender in der Corona-Krise

Im Advent ist Nähe angesagt

Auch wenn die gebotene Distanz in diesem Advent Nähe verhindert – nahe sein können wir uns trotzdem. Für Schwester Ruth Schönenberger steht fest: Wenn die Liebe uns wirklich erfasst, sehen wir die Menschen mit anderen Augen.

Von Sr. Ruth Schönenberger OSB |  Tutzing - 04.12.2020

HTML-Elemente (z.B. Videos) sind ausgeblendet. Zum Einblenden der Elemente aktivieren Sie hier die entsprechenden Cookies.

"The Touch" – so der Titel dieser Skulptur, die ich kürzlich unter meinen Fotos wiederentdeckte. Spontan habe ich sie mit einem Aspekt dieser Coronazeit in Verbindung gebracht, den ich sehr prägend und leidvoll erfahren habe: Zwei kommen sich näher, aber die Bewegung des aufeinander Zugehens darf nicht harmonisch abgeschlossen werden, sondern muss jäh unterbrochen werden. Ein gewisses Erstarren tritt ein. Wir geben uns nicht mehr die Hand und umarmen uns nicht mehr. "Kein Touch" ist angesagt. Distanz verhindert die an sich gewünschte Nähe und Verbundenheit.

Nach diesem monatelangen Erleben nun die Zeit des Advents. In ihr wird uns verheißen, dass Gott auf uns zukommt. Gott will Mensch in Fleisch und Blut werden, hautnahen Kontakt eingehen, uns nahe sein, mitten unter uns leben. Welche Chance, denn beim Kontakt mit IHM – um im Bild zu bleiben – können wir uns ja nicht "infizieren".

Wirklich? Will Jesus uns nicht anstecken mit Seiner Liebe?

Skulptur "The Touch"

"The Touch" heißt die Skulptur. Berührungen sind in der aktuellen Zeit nicht angesagt. Umso wichtiger ist es, emotionale Nähe zulassen – gerade jetzt im Advent.

Wenn Liebe uns wirklich erfasst, dann sehen wir die Menschen anders. "Kontaktsperren", die wir aufgebaut haben, könnten wegfallen. Menschen, die lange Streit hatten, könnten sich innerlich (!) die Hand reichen und wieder aufeinander zugehen und sich aussprechen, ja vielleicht sogar versöhnen. Menschen, die ungute Macht über andere ausüben, könnten im Gegenüber den Bruder und die Schwester entdecken und lernen, ihnen auf Augenhöhe zu begegnen. Menschen, die meinten, sich vor anderen verstellen oder gar lügen zu müssen, dürften sich zeigen, wie sie wirklich sind und wie es ihnen ums Herz ist…

Advent könnte so eine Zeit werden, in der wir emotionale Nähe zulassen – "Touch ist angesagt"!

Doch machen wir die Arme auf und empfangen wir Jesus und Seine Liebe wirklich in aller Offenheit? Da steht im Prolog des Johannesevangeliums: "Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf" (Joh 1,11). Ich fürchte, dieser Satz wurde aus Erfahrung geschrieben. Advent könnte heißen: Es muss nicht so bleiben. Denn: Er kommt gewiss entgegen!

Von Sr. Ruth Schönenberger OSB

Die Autorin

Sr. Ruth Schönenberger OSB ist Priorin der Missions-Benediktinerinnen in Tutzing.

Hinweis

Die Texte erscheinen in Kooperation mit dem kulturellem Diakonieprojekt "Denkbares.