Advent in der Corona-Krise: "Da kommt nichts mehr" – oder doch?
Der spirituelle Adventskalender in der Corona-Krise

Advent in der Corona-Krise: "Da kommt nichts mehr" – oder doch?

Das Coronavirus ist durchaus mit den biblischen Plagen vergleichbar, schreibt Joachim Valentin. Denn die Krankheit und der Schutz vor ihr machen ein normales Leben unmöglich – ein Zustand, der an die Wüstenerfahrung des Täufers Johannes erinnere.

Von Joachim Valentin |  Frankfurt am Main - 11.12.2020

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"Da kommt nichts mehr!" So denken vermutlich mehr Menschen in diesen Wintertagen als sonst. Ein Virus, das gut mit den biblischen Plagen verglichen werden kann, raubt so Vieles, dass "Normalität" kaum mehr vorstellbar ist. Ja, die – oft langweilige und missachtete – "Normalität" von "vor Corona" hat sich geradezu in ein Heilsversprechen verwandelt.

Wirtschaftliche Einschränkungen, Tod und Krankheit in unmittelbarer Nähe und massive Einschränkungen, ja komplette Verluste dessen, was uns freudig am Leben hält, haben es so weit kommen lassen. Gemeinsames Feiern, Kulturgenuss, Gottesdienst, Reisen, Begegnungen mit lieben oder interessanten Menschen – all das geht nicht mehr. Mancher fühlt sich wie tot.

"Bist du es der kommen soll, oder müssen wir auf einen andern warten?" (Mt 11,3) So fragt für uns Johannes der Täufer Jesus und stellt ihm damit die Frage des Advent schlechthin. Johannes ist am Ende wie wir. Für ihn kommt nichts mehr als der Tod er sitzt nach Jahren in der Wüste im Gefängnis des Herodes und wartet auf dessen (Willkür-)Urteil. Dabei hätte er als Umkehrprediger in der Wüste doch selbst die Antwort geben kennen müssen: "Kehrt um und glaubt an das Evangelium", hatte er allen zugerufen, bevor er sie mit lebendigem Wasser übergoss zur Reinigung, zur Klärung ihres Blicks, zur Ermutigung mit der Kraft eines neuen Anfangs.

Corona hat uns in die Wüste geschickt, wie den Täufer Johannes. Hat uns ein Fasten aufgezwungen, das seinen ersten Höhepunkt in der Fastenzeit hatte; der zweite kommt nun geradezu pünktlich zur zweiten großen Fastenzeit im Jahr, dem Advent. Würden wir jetzt predigen: "Ja wir erwarten ihn, Christus, der am Ende der Zeiten allem Übel und Leid ein Ende setzt, der Gerechtigkeit, Frieden und Leben schafft und dessen Geburt, den Anfang allen Heils, wir an Weihnachten feiern wollen", klänge das eher wie eine billige Vertröstung.

Wenn wir aber im Heute, im Advent ehrlicher sagen: "Wir fasten wieder, es ist ein echtes und grundständiges Fasten", kommt das unserer Realität viel näher. Wir verzichten auf so viel Wertvolles und Leben stiftendes um etwas Größeren willen: Des Lebens der Anderen. Und spüren wir nicht den Mehr-Wert dieser Vorbereitung? Haben wir ihn nicht schon im Frühjahr gespürt? Wie intensiv plötzlich das selbst gekochte Essen schmeckte? Wie laut und vernehmbar die Vögel zwitscherten und überall ein Grünen und Blühen war? Und jetzt wieder: Wie viel sorgfältiger planen wir Weihnachten?! Wie genau überlegen wir, wen wir jetzt im Advent treffen oder für ein ausführliches Gespräch anrufen, wie wir uns spirituell zu Hause vorbereiten, wie wir unsere Wohnung schmücken, welche Texte wir lesen? Und: Wieviel Geld haben wir übrig, um denen zu helfen, denen es so viel schlechter geht! "Das Reich Gottes ist schon mitten unter euch." (Lk 17,20) Das zu leben, ist Advent.

Von Joachim Valentin

Der Autor

Joachim Valentin ist Direktor des katholischen Kultur- und Begegnungszentrums "Haus am Dom" in Frankfurt am Main.

Hinweis

Die Texte erscheinen in Kooperation mit dem kulturellem Diakonieprojekt "Denkbares".