Advent zwischen Aufbruch und Apokalypse
Der spirituelle Adventskalender in der Corona-Krise

Advent zwischen Aufbruch und Apokalypse

Corona-Pandemie, die Kirche in Deutschland in der Krise: Der Advent 2020 fällt in eine besondere Zeit. Da die Hoffnung nicht zu verlieren, ist nicht einfach, schreibt Benedikt Kranemann. Doch genau dazu fordere die Vorweihnachtszeit auf.

Von Benedikt Kranemann |  Erfurt - 09.12.2020

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"Macht hoch die Tür, die Tor macht weit" – mit diesem Adventslied eröffnet das "Gotteslob" programmatisch die Lieder zum Kirchenjahr. Im Hintergrund Ps 24,7: "Ihr Tore, hebt eure Häupter, hebt euch, ihr uralten Pforten, denn es kommt der König der Herrlichkeit!" Neues will anbrechen. Der König ist sanftmütig, heilig, barmherzig. Und nah bei den Menschen und ihren Sorgen: "all unsre Not zum End er bringt".

1623 hat Georg Weißel das Lied geschrieben. Da tobte der 30jährige Krieg. Und als das Lied 1642 erstmals gedruckt wurde, dürfte dem Letzten das Apokalyptische der Zeit bewusst gewesen sein. Ein Lied mit großer Hoffnung in einer Zeit großer Verzweiflung. In das Land kommt der König, in die Stadt, in die Herzen der Menschen – und durch "meins Herzens Tür". Spätestens jetzt wird offenbar, wer dieser König ist, der im Advent erwartet wird: "mein Heiland Jesu Christi". Ein König für alle.

Auch der Advent 2020 hat etwas Apokalyptisches: eine Zeit der Erwartung in einer Zeit heftiger Verwerfungen. 2020 wird als das Jahr der Corona-Pandemie in die Geschichtsbücher eingehen. "Der halben jauchzt, mit Freunden singt"? Die Kirche in Deutschland befindet sich in schwerster Krise. "Gelobet sei mein Gott"? Der Advent mutet viel zu, weil er an der Hoffnung festhält, dass gegen allen Anschein etwas radikal Anderes und Neues erwartet werden darf und anbrechen wird.

Das Lied lässt nicht nach in seinem Vertrauen auf den "König". Es reißt in seiner Hoffnung geradezu mit. Advent als Zeit, die anstecken und begeistern will, die feiert, dass da 'noch etwas geht' und Dinge sich ändern können. "Dein Heilger Geist uns führ und leit" – eine dringende Bitte in unübersichtlicher Zeit, aber auch die Aufforderung, die Hände nicht in den Schoß zu legen, sondern sich mit Gottes Segen zu engagieren: gegen diese Pandemie und gegen all die Schrecknisse der Gegenwart. Auch in der Kirche muss adventlich eine Zeit des Aufbruchs in der Hoffnung beginnen, dass 'noch etwas geht'! Das Lied ruft programmatisch eine Kehrtwende aus: "Eur Herz zum Tempel zubereit". Eine Kirche, die sich auf den Advent einlässt, kann und darf sich dem nicht verweigern.

Von Benedikt Kranemann

Der Autor

Benedikt Kranemann ist Liturgiewissenschaftler und leitet das Theologische Forschungskolleg an der Universität Erfurt.

Hinweis

Die Texte erscheinen in Kooperation mit dem kulturellem Diakonieprojekt "Denkbares".