Die Sehnsucht nach dem Licht: Was Juden und Christen im Advent teilen
Der spirituelle Adventskalender in der Corona-Krise

Die Sehnsucht nach dem Licht: Was Juden und Christen im Advent teilen

Anders als die Christen warteten die Juden im Advent auf nichts und niemanden, sagt Rabbiner Walter Homolka. Aber in die Zeit vor Weihnachten falle das Lichterfest Chanukka. Die Mission, die Dunkelheit zu vertreiben, verbinde beide Religionen.

Von Rabbiner Walter Homolka |  Potsdam - 10.12.2020

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Auch wenn Jesus von Nazareth einer von uns war: Wir Juden warten in der Adventszeit auf nichts und niemanden, nicht auf das Weihnachtsfest und nicht auf eine mögliche Wiederkunft Jesu.

Und doch verbindet uns gerade in der dunklen Jahreszeit die Sehnsucht nach Licht und Wärme. Wir feiern vom 10. Dezember 2020 an Chanukka, das achttägige Lichterfest. Es hat einen historischen Anlass, nämlich die Rückeroberung des Jerusalemer Tempels aus der Gewalt der hellenistischen Fremdherrschaft und seine Wiedereinweihung im Jahr 164 vor unserer Zeit.

Im Talmud liest sich das so: "Als nämlich die Griechen in den Tempel eindrangen, verunreinigten sie alle Öle, die im Tempel waren. Nachdem sie besiegt waren, suchte man und fand nur ein einziges mit dem Siegel des Hohenpriesters versehenes Krüglein mit Öl, das nur so viel enthielt, um einen Tag zu brennen. Aber es geschah ein Wunder, und es brannte davon acht Tage."

In einem Chanukkalied heißt es: Banu choschech legaresch; "Wir sind gekommen, die Finsternis zu vertreiben."

Finsternis, das ist derzeit mehr als die Dunkelheit, die wir mit Chanukkakerzen in den Fenstern aufhellen können oder mit einem gleißenden Weihnachtsbaum. Es geht um das Gefühl von Isolation, um Existenzängste. Ja, in diesen Corona-Zeiten kann einem alles zu viel werden.

Zur Finsternis gehören aber auch Verschwörungstheorien, Vorurteile und blanker Hass. Der Umgangston wird rau, die Aggressivität steigt. Wie gut, dass unsere jüdischen Weisen den Blick von den gewalttätigen Aspekten der Chanukkageschichte abgelenkt haben und mit den Worten des Propheten Sacharja auf das Spirituelle schauen: "Nicht durch Macht und nicht durch Kraft, allein durch meinen Geist, spricht der Herr".

Wir alle sind angesprochen. "Das Licht Gottes, das ist des Menschen Seele", schreibt Franz Rosenzweig in seinem Buch "Stern der Erlösung". Lassen Sie uns gemeinsam aktiv werden, um die Finsternis aus unserer Gesellschaft zu vertreiben.

Von Rabbiner Walter Homolka

Der Autor

Rabbiner Walter Homolka ist Professor für Jüdische Theologie an der Universität Potsdam

Hinweis

Die Texte erscheinen in Kooperation mit dem kulturellem Diakonieprojekt "Denkbares".