Weihnachten ist nicht postfaktisch
Der spirituelle Adventskalender in der Corona-Krise

Weihnachten ist nicht postfaktisch

Terroranschläge, Pandemie, Sorge um die Gesundheit: Ist Weihnachten ein postfaktisches Ereignis, der Versuch abzulenken und Wahrheit vorzutäuschen? Ganz im Gegenteil, stellen Christof May und Juliane Schlaud-Wolf klar.

Von Christof May und Juliane Schlaud-Wolf |  Limburg - 05.12.2020

HTML-Elemente (z.B. Videos) sind ausgeblendet. Zum Einblenden der Elemente aktivieren Sie hier die entsprechenden Cookies.

Krippe, Tannenbaum, Plätzchen, Festessen, Spieleabende… Dieses Jahr erst recht: Atmosphäre für das Fest zu Hause.

Für ein paar Stunden die Dinge einfach mal ausblenden, die uns in den vergangenen Monaten bewegten: die Anschläge von Nizza, Paris und Wien, die wirtschaftlichen Bedrohungen durch die Pandemie, jene, die erkrankt sind, unsere eigenen Sorgen. Vielleicht gehen wir bewusst in die Quarantäne, um andere und uns zu schützen. Weihnachten in kleinster Runde, ob es zu einem "wir" in unseren Familien kommt, ist ungewiss. Die grausamen Fakten lassen wir – postfaktisch – hinter uns und geben uns erst recht aus tiefer innerer Sehnsucht ganz der weihnachtlichen Atmosphäre hin.

Bei Wikipedia lesen wir sinngemäß: "Postfaktisch ist ein Denken und Handeln, bei dem Fakten nicht im Mittelpunkt stehen. Die Wahrheit einer Aussage tritt hinter den Effekt der Aussage auf die eigene Klientel zurück. In einem postfaktischen Diskurs wird gelogen, abgelenkt oder verwässert, ohne dass dies entscheidende Relevanz für das Zielpublikum hätte."

Ist Weihnachten als das Fest der Liebe ebenfalls ein postfaktisches Ereignis, der Versuch abzulenken, Wahrheit vorzutäuschen?

Besinnlich und gemütlich ging es vor 2.000 Jahren gewiss nicht zu; und wir können uns nicht vorstellen, dass der Effekt der Aussage "Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Messias der Herr" die Wirklichkeit verwässerte.

Weihnachten, das Fest der Menschwerdung Gottes, ist nicht postfaktisch, sondern faktisch:

"Et verbum caro factum est et habitavit in nobis!" – "Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt." Gott schafft in der Fleischwerdung des Wortes Fakten – unverbrüchlich, kompromisslos wahr und endgültig.

In einer Welt, in der es immer schwieriger ist, Orientierung und Halt zu finden, trägt diese Zusage der Weihnacht. Sie blendet nicht aus, sondern leuchtet ein – in die Dunkelheiten der Einsamkeit und Quarantänen von Corona. Gott bleibt nicht außen vor, sondern Immanuel – Gott mit uns – geht mitten rein: in das Leiden am Terror, in die Trauer, in den Schmerz, in die Pandemie!  

Weihnachten ist nicht postfaktisches Heile-Welt-Szenario, sondern wirkliches Herzstück im Menschen – Gott ist mit uns! Auch in diesem Jahr staunen wir voller Dankbarkeit über diese heilsame Zusage. 

Von Christof May und Juliane Schlaud-Wolf

Die Autoren

Christof May und Juliane Schlaud-Wolf sind Bischöfliche Beauftragte für Kirchenentwicklung im Bistum Limburg.

Hinweis

Die Texte erscheinen in Kooperation mit dem kulturellem Diakonieprojekt "Denkbares.