Wir brauchen einen "anderen Advent", der Trost und Orientierung gibt
Der spirituelle Adventskalender in der Corona-Krise

Wir brauchen einen "anderen Advent", der Trost und Orientierung gibt

Gerade in der Corona-Krise brauchen viele Menschen Trost und Orientierung. In der Adventszeit kann diese Hilfe durch Zeitunterbrecher zuteil werden, wie liebevoll gestaltete Adventskalender oder Lieder voller Sehnsucht, glaubt Martin Ramb.

Von Martin W. Ramb |  Limburg - 19.12.2020

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Haben Sie noch einen der über 700.000 Adventskalender "Der andere Advent" ergattern können? Ich bin in diesem Corona-Jahr leider leer ausgegangen. Gerade jetzt hätte ich Tag für Tag den adventlichen Zuspruch dieses so liebevoll gestalteten Zeitunterbrechers gebraucht – "Kündet allen in der Not, fasset Mut und habt Vertrauen" (GL 221), wie es in einem alten adventlichen Kirchenlied so schön heißt. "Der andere Advent" ist seit November bereits ausverkauft. Darüber sollte man sich freuen. Für mich ein Hoffnungszeichen in dieser auch vor Larmoyanz geprägten Corona-Zeit.

Schon seit 1995 schreibt die in Hamburg ansässige ökumenische Initiative zum Kirchenjahr "Andere Zeiten" mit ihrem inspirierenden Kalender eine weitgehend unbemerkte Erfolgsgeschichte fort. Jahr für Jahr begeistern sich immer mehr Menschen für dieses unaufgeregt sympathische Projekt engagierter Christinnen und Christen, das diskret über Mund-zu-Mund-Propaganda für eine andere Feierkultur wirbt. Der gemeinnützige Verein "Andere Zeiten" lädt zu nicht mehr, aber auch zu nicht weniger ein, als die Zeiten im Kirchenjahr bewusst zu erleben und zu gestalten.

Er trifft damit gerade in diesem Ausnahme-Advent offenbar einen Nerv und auf eine Sehnsucht, die Tage vor Weihnachten im Zeichen der Pandemie bewusst anders zu begehen: Abseits vorweihnachtlich süßer Überformung im Sinne des Liedes "Süßer die Glocken nie klingen" und näher dran an der ursprünglichen Bedeutung des Advents: stiller, ruhiger nachdenklicher. Advent als eine andere Zeit, die uns auf das Weihnachtsfest wirklich vorzubereiten weiß, die dem Warten und der Ungeduld Ausdruck verleiht und sie damit kultiviert – "Veni, veni, Emmanuel" – die aber auch deutlich von der Verletzlichkeit und Unvollkommenheit der Menschen spricht, die sich nach Heilung und Erlösung sehnen – "Allen Menschen wird zuteil Gottes Heil“ (GL 221).

Ein anderer Advent kann dann auch die Nöte und Ängste der Menschen aufnehmen, die in dieser Corona-Zeit für sich nach Trost und Orientierung suchen. Weil biblische Texte immer auch "Krisentexte" sind, die Not und Leid nicht ausblenden und uns Menschen in Entscheidungssituationen vorstellen, können sie uns gerade heute und besonders in ihrer adventlichen Tonalität zu einem tröstlichen Schutzraum werden. Wir können uns auch in diesen alten Texten wiederfinden, weil sie uns etwas Grundlegendes über den Menschen und die Welt lehren. Auch wenn Not und Leid uns niederdrücken, leben wir aus der Hoffnung – "Gott wird wenden Not und Leid" (GL 221). Gottes Geschichte mit uns und seiner Schöpfung ist nicht am Ende, sondern ein Versprechen auf Zukunft hin: Emmanuel. Gott ist mit uns. Weihnachten.

Von Martin W. Ramb

Der Autor

Martin W. Ramb leitet die Abteilung Religionspädagogik, Medien und Kultur im Bischöflichen Ordinariat Limburg, ist Chefredakteur des Limburger Magazins für Religion und Bildung "Eulenfisch" und ist mit Holger Zaborowski Begründer des kulturellen Diakonieprojekts "Denkbares".

Hinweis

Die Texte erscheinen in Kooperation mit dem kulturellem Diakonieprojekt "Denkbares".