"Gott begegnet uns nicht da, wo wir sein möchten, sondern wo wir sind"
Der spirituelle Adventskalender in der Corona-Krise

"Gott begegnet uns nicht da, wo wir sein möchten, sondern wo wir sind"

Lockdown, Ausgangssperre und die Diskussion um Weihnachtsgottesdienste: Unsere Realität ist derzeit massiv von der Corona-Krise geprägt. Wie gut, dass die Ankunft des Herrn nicht nur bei optimalen Bedingungen stattfindet, schreibt Martin Werlen.

Von Martin Werlen |  Einsiedeln - 15.12.2020

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Die Adventszeit ist begrenzt. Sie kann abgehakt werden, sobald das Weihnachtsfest da ist. So sind wir es gewohnt. Das aber, was die Adventszeit bezeugt, ist unbegrenzt: die Ankunft des Herrn (adventus Domini). Die Corona-Krise ist eine grosse Herausforderung für die Glaubenden, gerade diese Zeit als Adventszeit zu entdecken, als eine Zeit der Ankunft des Herrn. Gott begegnet uns nicht da, wo wir sein möchten, sondern wo wir sind. Immer im Jetzt ist Zeit der Ankunft des Herrn. Auch wenn das Jetzt so ganz anders ist.

Manchmal dauert es lange, bis ich die Ankunft des Herrn bemerke. Ich muss darum ringen. Es kann sogar fast zum Verzweifeln sein. Wie dankbar bin ich für die Menschen, die mich ermutigen, mit ihnen zusammen auf der Suche zu bleiben. Das ist Erfahrung von Kirche. Diese Suche nach dem Herrn ist der rote Faden durch mein Leben – in Freude und Hoffnung, in Trauer und Angst. Aber gerade weil unsere Zeit Adventszeit ist, Zeit der Ankunft des Herrn, gebe ich nicht auf.

Die Corona-Krise kann uns helfen, vom gewohnten Ablauf des Kirchenjahres aufzuwachen und das Leben in seiner unvorstellbaren Tiefe zu entdecken, die wir Jahr für Jahr feiern. Weihnachten verliert dann viel an romantischem Duft, aber es lehrt uns das Staunen darüber, dass der Herr sein Volk auch heute im Dunkeln ein helles Licht sehen lässt. Dann merken wir plötzlich: Glaube ist Leben!

Von Martin Werlen

Der Autor

Martin Werlen OSB ist Benediktiner und war von 2001 bis 2013 der 58. Abt des Klosters Einsiedeln in der Schweiz.

Hinweis

Die Texte erscheinen in Kooperation mit dem kulturellem Diakonieprojekt "Denkbares".