Moskau führe Krieg, "um endgültig die ukrainische Frage zu lösen"

Großerzbischof: Russlands Ideologie ähnelt Nationalsozialismus

Aktualisiert am 05.04.2022  –  Lesedauer: 

Kiew/Athen ‐ Drastische Worte des Kiewer Großerzbischofs Swjatoslaw Schewtschuk: Er wirft Russland eine "neue mörderische Ideologie" vor, "die vielleicht schlimmer ist als der Nationalsozialismus" – und begründet das.

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Der griechisch-katholische Kiewer Großerzbischof Swjatoslaw Schewtschuk hat Russland eine "neue mörderische Ideologie" vorgeworfen, "die vielleicht schlimmer ist als der Nationalsozialismus". Moskau führe den Krieg, "um endgültig die ukrainische Frage zu lösen", sagte das Kirchenoberhaupt in seiner täglichen Videoansprache am Dienstag. Unschuldige Menschen seien etwa in Kiewer Vororten gefoltert und dann getötet worden, nur weil sie Ukrainer gewesen seien oder Ukrainisch gesprochen hätten.

"Wir sehen, dass der russische Krieg gegen die Ukraine eine klare ideologische Grundlage hat – das wurde in den letzten Tagen auf höchster russischer Machtebene gesagt. Dieser Krieg ist eine Verleugnung der Existenz des ukrainischen Volkes, das viele Millionen Menschen zählt", so Schewtschuk. Er rief die Welt dazu auf, "die Augen nicht von den Wunden der Ukraine abzuwenden." Die Verbrechen gegen das ukrainische Volk seien eines internationalen Tribunals würdig, so der Großerzbischof. In diesen Tagen erlebe die Ukraine "ihr Golgatha, ihre Kreuzigung". Es spielten sich vor den Augen der ganzen Welt grausame Szenen von Kriegsverbrechen ab.

Auch das Oberhaupt der autokephalen (eigenständigen) Orthodoxen Kirche der Ukraine, Metropolit Epiphanius, hatte Russland mit dem Nationalsozialismus in Verbindung gebracht. "Die Ideologie der 'Russischen Welt' ist das gleiche wie die Ideologie des Nationalsozialismus. Sie rechtfertigt Gewalt, Mord, Krieg und Völkermord und muss daher ebenso abgelehnt und verurteilt werden wie der Nationalsozialismus, seine Ideologen und seine Verbrechen", schrieb er am Montag auf Twitter. Schewtschuk wendet sich seit dem ersten Kriegstag am 24. Februar jeden Tag mit etwa fünf Minuten langen Kriegsansprachen an die Gläubigen. Etwa neun Prozent der Ukrainer gehören der mit Rom verbundenen griechisch-katholischen Kirche an.

Erzbischof an Kyrill: Um Himmels willen, wach auf!

Unterdessen forderte der orthodoxe Erzbischof Leo von Helsinki und ganz Finnland mit eindringlichen Worten den Moskauer Patriarchen Kyrill I. zum Einlenken auf. "Erwache um Christi willen und verurteile dieses Übel", zitiert ihn das Portal "Orthodox Times" (Dienstag). Es sei "höchste Zeit für die Kirche in Russland zu erkennen, dass sie auf Abwege geraten ist".

Die Führung der russisch-orthodoxen Kirche habe bislang der Staatsführung fest zur Seite gestanden, "um diesen Krieg zu segnen und ihn sogar als legitimen, 'heiligen Krieg' darzustellen", so Erzbischof Leo weiter. Dabei habe Russland zuletzt wiederholt gezeigt, dass es zivile Opfer in seinem Krieg gegen die Ukraine nicht vermeiden wolle. Die Gräuel in Butscha und anderen ukrainischen Städten und Dörfern seien "kaum zu glauben", so der Kirchenführer. "Sie repräsentieren nicht länger die Schrecken des Krieges, sondern das schlimmste menschliche Übel." Für diese Kriegsverbrechen werde Russland "zu gegebener Zeit ein Urteil erhalten".

Weiter appelliert der finnische Bischof an den Patriarchen von Moskau: "Denken Sie an die Versprechen, die Sie als Bischof und Patriarch vor Gott gegeben haben." Weiter heißt es: "Nutzen Sie Ihren Einfluss, um den Frieden zu fördern. Tun Sie Ihr Bestes, um diesen Krieg zu beenden. Ich bete, dass Demut und Gottes Weisheit Sie leiten werden." (tmg/KNA)