DBK-Vorsitzender für dauerhafte synodale Beratungen von Bischöfen und Laien

Bätzing: Nach meinem eigenen Verständnis bin ich gut konservativ

Aktualisiert am 14.04.2022  –  Lesedauer: 

Limburg ‐ Wenn er progressiv und reformorientiert genannt wird, muss Bischof Georg Bätzing schmunzeln. Im Interview spricht der DBK-Vorsitzende über einen dauerhaften "Synodalen Weg", Frauen in kirchlichen Ämtern und die großen Krisen der Gegenwart.

  • Teilen:

Krieg, Pandemie und Klimawandel – Krisen sind das neue Normal. Das spürt auch der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), Georg Bätzing, wie er im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) erzählt. Der 61-Jährige empfängt im Bischofssitz in Limburg. Mit dem epd sprach er über die Hoffnung, die ihm Ostern gibt, über die Gewalt als Teil der menschlichen Existenz und warum er schmunzeln muss, wenn man ihn progressiv nennt.

Frage: Ukraine-Krieg, Corona-Pandemie, Energie-Unsicherheit – viele Menschen haben das Gefühl, ihr Leben wird nie wieder, wie es einmal war. Wo finden Sie Hoffnung in diesen Zeiten?

Bätzing: Es geht mir ebenso. Viele Sicherheiten der vergangenen Jahre sind weg. Durch den Krieg verschärft sich die Unsicherheit weiter. Gerade in dieser Situation schenkt uns Ostern viele Impulse und Hoffnung. Ich bin dankbar, dass wir das feiern und die Botschaft von der Auferstehung Jesu verkünden können: Der Tod und seine Kumpanen, die Kriegsverbrechen, das Leiden der Unschuldigen – das alles wird nicht das letzte Wort sein. Die Opfer der Geschichte bekommen Gerechtigkeit. Gott schafft diese Gerechtigkeit. Jesus hat den Weg der Gewaltlosigkeit gelebt. Er hat sich hingegeben, das hat ihn zur Auferstehung geführt – er ist unser Vorbild. In einer gewaltdurchtränkten Welt können wir nicht immer diesen Weg gehen, wenn wir die unschuldigen Opfer nicht allein lassen wollen. Trotzdem muss die Gewaltlosigkeit Jesu immer Ziel unserer Sehnsucht und Impuls unseres Handelns bleiben. Deswegen unterstütze ich den jüngsten Aufruf des Papstes zu einer österlichen Waffenruhe.

Frage: Viele Menschen sind heute sprachlos angesichts der Bilder der Massengräber in ukrainischen Städten und Dörfern. Müssen Christen diese Bilder einfach aushalten?

Bätzing: Christsein ist eine Lebenseinstellung, die sich jeden Tag bewähren muss. Das ist nicht nur Hoffen auf eine andere Zeit, sondern das Schaffen einer gerechteren Welt hier und jetzt. Die Gewalt gehört leider zum menschlichen Leben dazu. Wir können ganz Großes erschaffen und sind die schrecklichsten Lebewesen, die es geben kann, wenn wir anderen in dieser Weise ungerechte Gewalt zufügen. Gleichzeitig ist Jesus genau gegen diese Gewalt eingestanden. Er ist Opfer des Hasses von Menschen geworden, weil er die bedingungslose Liebe Gottes gepredigt hat. Christen stehen ein für Versöhnung, Vergebung, Gewaltlosigkeit. Sie treten ein für Gerechtigkeit.

Frage: Steckt der Pazifismus derzeit in einer Krise?

Bätzing: Das Wort Pazifismus ist mehrdeutig. In jedem Falle gilt: Es gibt keinen gerechten Krieg, nur der Friede ist gerecht. Ihn zu suchen und zu unterstützen ist die Aufgabe aller Christen. In der Zeit des Kalten Krieges, zur Zeit des Nato-Doppelbeschlusses Anfang der 1980er Jahre etwa, war der Pazifismus – verstanden als Primat der Gewaltlosigkeit – genau wie heute auch in der Krise. Ich bin aber dankbar, dass es Gruppen in der Kirche gibt, die nicht müde werden zu sagen, dass Waffen die Gewalt verschärfen. Wir ringen uns als Kirche trotzdem zu der Position durch: Wo ungerecht angegriffen wird, müssen wir Unterstützung leisten – und manchmal wohl auch durch Waffen. Das ist die Ultima Ratio, aber das ist zugleich unser Dilemma. Denn Gewalt, auch wenn sie legitim ist, schafft immer neue Gewalt. Das ist genau die skandalöse Kette, die Jesus durch seine Gewaltlosigkeit unterbrochen hat. Ihm nachzufolgen bedeutet, über das hinauszugehen: Liebt eure Feinde!

Frage: Wächst die Solidarität und die Bereitschaft, Verantwortung für andere zu übernehmen, in Zeiten des Krieges und der Pandemie, oder lässt sie eher nach?

Bätzing: Die Bereitschaft zu Verantwortung und Solidarität ist enorm. Wir sehen die offenen Hände und Herzen, mit denen die Geflüchteten aus der Ukraine aufgenommen werden. Das bewegt mich sehr. und es berührt mich positiv, denn nicht selten sind es unsere christlichen Glaubensgeschwister, die das tun.

Frage: Es gibt Menschen – auch in der Kirche –, die kritisieren, dass die Flüchtlinge in griechischen Lagern, an der polnisch-belarussischen Grenze oder auch in Afghanistan aus dem Blick geraten.

Bätzing: Das ist ein Phänomen des Blickwinkels. Wenn der Lichtkegel auf eine Region fällt, geraten die anderen Zonen in den Schatten. Das darf nicht so sein. Denn die Fluchtbewegungen weltweit aus Kriegsgebieten oder Unrechtsstaaten dürfen wir nicht aus dem Blick verlieren. Die Ukraine ist uns sehr nah, nicht nur weil viele Ukrainerinnen hier schon leben und integriert sind, sondern auch weil es Europa ist. Die anderen Regionen brauchen aber auch unsere Aufmerksamkeit – politisch, wirtschaftlich und auch in der Solidarität unserer Hilfswerke.

Frage: Schwangerschaftsabbruch, Sterbehilfe – dazu gibt es unterschiedliche Positionen in der evangelischen und katholischen Kirche. Ist das für Sie eine Herausforderung in der Ökumene?

Bätzing: Wir sprechen über diese Unterschiede. Das vertrauensvolle ökumenische Gespräch ist das A und O. In der Frage des Lebensschutzes – sowohl am Anfang als auch am Ende des Lebens – sind wir in vielen Punkten nah beieinander. Vielleicht kann man es so sagen: Die katholische Kirche bleibt stärker prinzipiell: Menschliches Leben ist schützenswert vom ersten bis zum letzten Augenblick. Als Gesprächspartner im gesellschaftlichen Diskurs sollten wir aber deutlich machen, dass wir uns als christliche Kirchen nicht im Grundsatz auseinanderdividieren lassen. Wir übernehmen gemeinsam die politische Anwaltschaft für schutzbedürftiges Leben jeglicher Art.

Das Präsidium des Synodalen Wegs bei der dritten Synodalversammlung
Bild: ©Synodaler Weg/Maximilian von Lachner (Archivbild)

"Es ist mein Wunsch, den Synodalen Weg in ein Kontinuum zu überführen", sagt Bischof Bätzing.

Frage: Der Diakonie-Präsident und auch Teile des EKD-Rates stehen einer Suizidassistenz-Regelung in evangelischen Einrichtungen offen gegenüber. Passt das mit Ihrer Position zusammen?

Bätzing: Wir machen eine andere Position stark, die auch von Teilen der evangelischen Kirche eingebracht wird. Die Diskussion über eine gesetzliche Neuregelung der Suizidhilfe hat begonnen. Wir treten dafür ein, gesetzlich vorzusehen, dass Einrichtungen in ihren Räumlichkeiten Suizidhilfe nicht zulassen müssen, wenn sie dies transparent machen und mit den Bewohnern vereinbaren. Menschen müssen Einrichtungen finden können, in denen sie sicher auch vor jedem unterschwelligen Druck sind, Suizidhilfe in Anspruch zu nehmen. Ich denke da zum Beispiel an unsere kirchlichen Pflegeheime, Palliativstationen und Hospize.

Frage: Sie gelten als progressiv und reformorientiert, müssen in der Bischofskonferenz und im Vatikan die Notwendigkeit von Reformen immer wieder verteidigen. Sind Sie davon genervt?

Bätzing: Darüber muss ich schmunzeln: Nach meinem eigenen Verständnis bin ich gut konservativ. Ich bin bis in die Knochen geprägt von der katholischen Kirche, so wie sie gewesen ist. Es gibt aber auch Risse darin, die mich ins Nachdenken gebracht haben. Der entscheidende Riss war die Missbrauchsstudie 2018. Es gibt systemische Faktoren in der katholischen Kirche, die solche Verbrechen möglich gemacht haben. Wir müssen die Kirche so verändern, dass Kinder und junge Menschen sicher unter uns leben können. Ein zweiter Punkt ist meine Zeitgenossenschaft. An Jesus Christus gegenwärtig zu glauben, heißt, der Gegenwart kritisch zu trauen. Denn auch in ihr ist er präsent. Wir finden ihn nicht in den Geschichtsbüchern, sondern als einen auferstandenen Herrn jetzt und hier. Dann hat uns diese Zeit mit ihren Fragen etwas zu sagen, das uns in Bewegung bringt. Deswegen bin ich gern in unserem Reformdialog, dem Synodalen Weg, unterwegs, weil ich da viele Wegbegleiter und Wegbegleiterinnen finde, die das ähnlich sehen. Dass es Kritik gibt, damit habe ich gerechnet. Das heißt nicht, dass mich das auch manchmal nervt. Aber das gehört dazu.

Frage: Könnten Sie sich vorstellen, eine Art synodales Forum dauerhaft für die katholische Kirche in Deutschland zu verankern?

Bätzing: Eindeutig. Dazu gibt es jetzt schon Überlegungen. Die Zeit steht nicht still. Diese Form von Beteiligung können wir nicht einfach wieder aussetzen. Es ist mein Wunsch, den Synodalen Weg in ein Kontinuum zu überführen. Auch der Papst spricht von der "synodalen Kirche", und sie übt sich jetzt darin.

Frage: Denken Sie, dass Frauen noch in Ihrer Zeit als Bischof gleichberechtigt Ämter und Aufgaben in der katholischen Kirche übernehmen dürfen?

Bätzing: Ich glaube an einen gestuften Weg. Über den Synodalen Weg wollen wir das Diakonat für die Frau nach vorne bringen. Das wäre ein wichtiger Schritt. Ich weiß aber auch, dass ein solcher Schritt nicht alle beruhigt, die wirklich Gleichberechtigung, das heißt auch den Zugang zum Priesteramt, fordern. Ich tue viel dafür, Frauen alle jetzt möglichen Aufgaben und Ämter anzutragen. Aber mir ist bewusst, das reicht nicht.

Frage: Gibt es für Sie wissenschaftliche Gründe, die noch gegen Frauen in priesterlichen Ämtern sprechen?

Bätzing: Für mich überwiegen die Argumente, dass auch Frauen diese Ämter wahrnehmen können. Die Päpste seit Johannes Paul II. haben sich in ihrer Autorität dagegen ausgesprochen. Wenn man jetzt überstürzt diese Frage positiv beantworten würde, gäbe es eine Kirchenspaltung. Nicht nur mit Blick auf andere Kulturen und Kontinente, auch in der katholischen Kirche in unserem Land gibt es dagegen Vorbehalte. Für mich bedeutet das nicht, diese Frage auf die lange Bank zu schieben. Jetzt ist der Punkt erreicht, die Argumente zu bündeln, die dafür sprechen, alle Ämter für Frauen zu öffnen.

Frage: Hat es für Sie eine Bedeutung, wenn in diesem Jahr vielleicht erstmals weniger als die Hälfte der Menschen in Deutschland der evangelischen oder katholischen Kirche angehören?

Bätzing: Das hat eine Signalwirkung. Unser Land ist ein Kernelement des europäischen, jüdisch-christlich geprägten Abendlandes. Damit ist auch ein Abschied verbunden, wenn wir nicht mehr die Mehrheit der Bevölkerung darstellen. Für uns bedeutet das, wir können in keiner Weise mehr von Privilegien ausgehen. Wir müssen deswegen stärker ökumenisch auftreten und gemeinsam für die Werte eintreten, die uns wichtig sind. Und wir müssen versuchen, Menschen dafür zu gewinnen, das mitzutragen. Mir gefällt diese Position: Also nichts ist geschenkt und selbstverständlich, sondern durch gemeinsames Auftreten erringen wir, was den Menschen in unserem Land zum Guten dient.

Von Franziska Hein (epd)

Hinweis: Die ursprüngliche Meldung wurde durch ein Wortlaut-Interview ersetzt.