Ordinariatsrätin Friederike Maier aus dem Bistum Magdeburg im Interview

Weltsynoden-Beauftragte: Synodale Prozesse sind für uns nichts Neues

Aktualisiert am 03.06.2022  –  Lesedauer: 
Die Kathedrale St. Sebastian in Magdeburg
Bild: © KNA/Dominik Wolf

Magdeburg ‐ Das kleine Diasporabistum Magdeburg gehört zu den Diözesen mit den wenigsten Katholiken in Deutschland. Wie der weltweite synodale Prozess dort umgesetzt wurde, erklärt die Ansprechperson für den Prozess Friederike Maier im katholisch.de-Interview. Für sie geht es nicht nur um Fragebögen und Texte.

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Synodalität spielt im Bistum Magdeburg schon seit Jahren eine große Rolle, sagt Friederike Maier. Sie ist seit 2015 Leiterin des Fachbereichs Pastoral in Kirche und Gesellschaft und Ansprechperson für den weltweiten synodalen Prozess im Bistum Magdeburg. Außerdem ist sie Beraterin für das Synodalforum "Frauen in Diensten und Ämtern in der Kirche" beim Synodalen Weg. Im katholisch.de-Interview spricht sie außerdem darüber, warum ...

Frage: Frau Maier, wie sind Sie im Bistum Magdeburg die diözesane Phase des weltweiten synodalen Prozesses angegangen? Was haben Sie konkret gemacht?

Maier: Uns war von Anfang an klar, dass der Zeitraum nicht besonders groß ist und wir deshalb nicht viele Sonderaktionen machen können. Wir haben deshalb auch synodale Prozesse und Beratungen aus früheren Zeiten mit in den Bericht an die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) aufgenommen. Das Markanteste, das wir initiiert haben, waren drei Online-Hearings mit dem Titel "Auf ein Wort mit dem Bischof" mit jeweils rund 50 bis 60 Teilnehmern. Wir wollten da nicht alle Fragen diskutieren, die im Vorbereitungsdokument des Vatikan stehen, sondern ermöglichen, dass man sich beteiligt und dass der Bischof unterschiedliche Stimmen hören kann. Dabei ging es um die drei Grunddienste der Kirche: Liturgie, Caritas und Verkündigung. Diese spielen auch in unseren Zukunftsbildern eine große Rolle. Darüber hinaus haben wir die Ergebnisse gesichtet, die in unseren synodalen Gremien wie dem Katholikenrat entstanden sind.

Frage: Viele andere deutsche Bistümer haben Umfragen unter den Gläubigen gemacht. Was war für Sie der Grund, das nicht zu tun, sondern virtuelle Gesprächsforen zu veranstalten?

Maier: Das Dokument des Papstes zum synodalen Prozess habe ich so verstanden, dass es nicht darum geht, Fragebögen auszufüllen und Texte zu erarbeiten, sondern aufeinander zu hören, miteinander auf dem Weg zu sein und gemeinsam zu träumen. Auf der Website der Arbeitsstelle für  Jugendpastoral in unserem Bistum "synodalerwerden.de" kann man zum deutschen Synodalen Weg seine Visionen von Kirche äußern. Vielleicht täusche ich mich, aber uns schien es kein Mehrwert zu sein, dass man jetzt noch einmal Fragebögen verschickt, die abgearbeitet werden. Es war eine Grundsatzentscheidung, dass wir lieber Formate schaffen wollten, um miteinander zu sprechen.

Frage: Was waren die zentralen Ergebnisse, die dabei herausgekommen sind?

Maier: In den Hearings mit dem Bischof war das beim Thema Liturgie zum Beispiel der Wunsch nach mehr Experimentierfreudigkeit, etwa dass das Volk Gottes im Gottesdienst stärker beteiligt wird oder dass man eine Sprache findet, die näher an den Menschen ist. Auch das Thema Laienpredigt kam auf und insgesamt der Wunsch nach Wertschätzung der Laien. Beim Thema Verkündigung wurde über die Frage diskutiert, ob wir nach unserem Glauben gefragt werden oder nicht. Darin wurde deutlich: Es ist gewünscht, dass sich die Kirche an gesellschaftlichen Debatten beteiligt, dass man auf Menschen in Krisen- und Notsituationen hört und davon spricht, was der Glaube einem bedeutet. Gerade in einem Diasporabistum wie Magdeburg haben wir oft mit konfessionslosen Menschen zu tun, von denen wir lernen können und merken, ob unser Glaube überhaupt authentisch ist.

Die Ansprechperson für den synodalen Prozess im Bistum Magdeburg Friederike Maier
Bild: ©Bistum Magdeburg

Der Synodale Weg in Deutschland und der weltweite synodale Prozess klingen nicht nur ähnlich – sie gehören für Friederike Maier auch zusammen: "Für mich sind das keine zwei getrennten Prozesse."

Frage: Viele der Dinge, die Sie in Ihrer Zusammenfassung genannt haben, erinnern an die Themen des Synodalen Wegs in Deutschland. Hat Sie diese Doppelung überrascht?

Maier: Nein. Manche Bistümer haben sich ja bereits die Frage gestellt, wie man den weltweiten synodalen Prozess neben dem Synodalen Weg noch unterbekommen soll. Für mich sind das keine zwei getrennten Prozesse. Der Unterschied ist aus meiner Sicht, dass man beim Synodalen Weg in Deutschland aufgrund der Missbrauchsstudien entdeckt hat, an welchen Strukturen man arbeiten muss und welche Themen zur Reform der Kirche obenauf liegen. Der weltweite synodale Prozess ist mehr ein Impuls, das christliche Leben im Ganzen in den Blick zu nehmen.  Die Themen der Synodalität, bei denen sich die Kirche weiterentwickeln muss, sind aber sehr ähnlich.

Frage: An vielen Stellen liest sich Ihre Eingabe wie eine Bestandsaufnahme dessen, wie im Bistum Magdeburg Kirche gelebt wird. Warum haben Sie das so gestaltet?

Maier: Es gab meines Wissens nach keine Vorgabe dafür, wie dieser Bericht aufgebaut sein soll – was auch ein bisschen verunsichernd war. Wir haben dann beschlossen, dass wir die besondere Situation im Bistum Magdeburg voranstellen, um auch deutlich zu machen, dass wir seit 2010 – und auch schon davor – synodale Wege gehen. Der weltweite synodale Prozess ist für uns kein solitäres Ereignis, sondern darin eingebettet. Ab dem dritten Kapitel haben wir dann die Veranstaltungen und die konkreten Dinge benannt, die wir jetzt für die Zukunft der Kirche sehen.

Frage: Ihre Rückmeldung ist auch verhältnismäßig kurz: Das ganze Dokument ist fünfeinhalb Seiten lang, die konkreten Forderungen machen dabei rund zwei Seiten aus. Gab es einen Grund dafür, dass Sie sich so kurzgefasst und nicht die "erlaubten" zehn Seiten ausgereizt haben? 

Maier: Uns war klar, dass unsere Eingabe bei der DBK sowieso noch einmal eingedampft werden muss und nur eine homöopathische Dosis in Rom ankommen wird. Und wir wollten auch, dass sich der Text zügig liest. Wir haben uns in der Vorbereitungsgruppe deshalb dazu entschieden, konkrete Punkte zu benennen, die wir als wichtig erachtet haben. Wir haben eben diese drei Hearings zusammengefasst, ein paar Erkenntnisse ergänzt, die wie von der Website "synodalerwerden.de" und aus Interviews zur Zukunft der Kirche bei unserem letzten Pastoraltag gewonnen haben und pensionierte Priester aus unserem Bistum haben noch etwas zum Thema Priestersein eingegeben.

„Diese Vorgabe liest sich schön, aber ich fand sie nie wirklich realistisch.“

—  Zitat: Friederike Maier

Frage: Im Vademecum ruft der Vatikan auch dazu auf, möglichst alle Getauften am Prozess zu beteiligen. Sie haben die Diaspora-Situation in Ihrem Bistum angesprochen. Inwiefern konnten Sie diese Vorgabe umzusetzen?

Maier: Zunächst einmal stelle ich infrage, ob das überhaupt geht. Diese Vorgabe liest sich schön, aber ich fand sie nie wirklich realistisch. Aus meiner Sicht ist das eher eine Vision, dass alle miteinander reden. Sicherlich hätten wir noch mehr anstoßen und auch versuchen können, Konfessionslose zu beteiligen. Letztlich waren wir aber darauf angewiesen, in der Kürze der Zeit etwas umzusetzen. Wir haben kontroverse Stimmen – auch zum Synodalen Weg – und es ist wichtig, möglichst viele davon zu hören. Aber es ist auch wichtig, am Ende eine Entscheidung zu treffen und zu sagen: Diese Stimmen sind sehr stark und damit versuchen wir jetzt die Kirche in eine Richtung weiterzuentwickeln.

Frage: Aus anderen Bistümern hört man, dass der weltweite synodale Prozess gerade von den Menschen an der Basis kaum wahrgenommen wird. Wie ist das in Ihrem Bistum?

Maier: Ich denke, dass der weltweite synodale Prozess wenig wahrgenommen wird, weil vielen nicht so genau klar ist, was dieser Prozess möchte und er unkonkreter ist als zum Beispiel der Synodale Weg in Deutschland. Es gibt Länder, in denen es überhaupt nicht eingeübt ist, dass der Bischof auf die Gläubigen hört. Dem darf man immer wieder entgegenhalten, dass wir in Deutschland schon sehr weit sind mit Beteiligungsformen und dass der Bischof gerade in so einem kleinen Bistum auch sehr viel vor Ort mitbekommt. Wir haben auch verschiedene Formate, um mit konfessionslosen Menschen und mit Suchenden ins Gespräch zu kommen, aufeinander zu hören, miteinander auf dem Weg zu sein. Das ist unser tägliches Geschäft – das hat aber nicht immer den Titel synodaler Prozess.

Frage: Jetzt ist die diözesane Phase für Ihr Bistum mit der Zusammenfassung abgeschlossen. Wie geht es trotzdem weiter – auch mit den Ergebnissen, die Sie gesammelt haben?

Maier: Das ist ein Zwischenschritt auf dem Weg, dem wir uns sowieso stellen müssen. Die Weltsynode hat noch einmal die Ermutigung gebracht, miteinander zu sprechen, aber das ist – und das haben wir in unserem Bericht versucht deutlich zu machen – nichts völlig Neues, sondern das liegt auf dem Weg der Bistumsentwicklung. Bestimmte Themen dabei sind auch mit dem Synodalen Weg in Deutschland verbunden: Gleichberechtigung, die Frage des Zugangs zum Priesteramt, der Umgang mit Macht und Partizipation. Wir haben in unserem Bistum längst Pfarreien mit ehrenamtlichen Leitungsteams mit geteilter Verantwortung im Team. Das ist notgedrungen auch durch den Priestermangel bedingt, aber wir erkennen dabei immer mehr die Chance, das gemeinsame Priestertum wirklich ernst zu nehmen und die Kirche "auf die Füße zu stellen". Das sind Themen, die die Menschen in unserem Bistum sehr beschäftigen und da muss es weitergehen – auch deutschlandweit.

Von Christoph Brüwer