Himmelklar – Der katholische Podcast

Vatikan-Experte Politi: Kirche befindet sich in einem Bürgerkrieg

Aktualisiert am 07.09.2022  –  Lesedauer: 

Rom ‐ Vor der vierten Synodalversammlung rücken die großen Spannungen in der Kirche in den Fokus. Der Vatikan-Experte Marco Politi blickt auf die kirchlichen Konflikte aus italienischer Sicht – und sieht einen "schwelenden Untergrund-Bürgerkrieg in der katholischen Kirche".

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Kurz vor der anstehenden vierten Synodalversammlung verrät der Journalist Marco Politi im Interview seine Sicht auf die Spannungen zwischen Deutschland und dem Vatikan. Der Vatikan-Experte nennt die Reibungen zwischen "Reformern" und "Bremsern" einen "schwelenden Untergrund-Bürgerkrieg" in der katholischen Kirche und geht fest davon aus, dass 70 Prozent der Kurie im Moment nur auf den nächsten Papst wartet. Mit einer Entscheidung zu Kardinal Woelki rechnet er frühestens nach Ende des Synodalen Wegs.

Frage: Papst Franziskus steht in seinem zehnten Amtsjahr. Ist bei ihm ein wenig die Luft raus? Das Erzbistum Köln hat noch immer keine Entscheidung zu Kardinal Woelki, ähnlich sah es mit Kardinal Barbarin in Lyon aus. Hat der Papst keine Lust mehr auf die Konflikte, die solche Entscheidungen mit sich bringen?

Politi: Bei Kardinal Barbarin haben wir gesehen, dass Franziskus manchmal ein Taktierer ist. Er lässt auch Zeit vergehen, um dann zu einer Entscheidung zu kommen. Barbarin musste im Endeffekt doch zurücktreten. Meine persönliche Einschätzung ist: In diesem Moment, in dem es noch die Diskussion in der deutschen Kirche über den Synodalen Weg gibt, will er nicht eingreifen. Er will nicht einen der Protagonisten von einem Flügel der Diskussion entfernen. Deswegen muss man sehen, was hinterher passieren wird.

Andererseits würde ich aber sagen, es ist ein Fehler, Konflikte in der Kirche so zu deuten, dass ein Land, wie Deutschland, dem Papst in Rom als großem Monarchen gegenübersteht, der alles entscheidet. Die Päpste sind heute nicht mehr allmächtig. Das haben wir auch bei Ratzinger gesehen. Die Päpste konnten in den vergangenen Jahrzehnten vielleicht noch autokratisch sein, wenn sie konservativ waren. Aber wenn es darum geht, Reformen umzusetzen, dann müssen die Päpste auch einschätzen, wie die Kräfteverhältnisse innerhalb der Weltkirche aussehen. Das bedeutet, dass man es als Papst mit verschiedenen Ländern und deren Klerus zu tun hat. Man hat mit Bischöfen zu tun, die verschiedenen Tendenzen angehören.

Es wird oft vergessen, dass es im Pontifikat von Franziskus von Anfang an, bei der ersten großen Reformdiskussion über die Familie, bei der Frage der Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene, eine sehr große internationale Opposition gab. Diese Opposition war auch erfolgreich. Wenn man die Dokumente der zwei Synoden 2014 und 2015 betrachtet, steht nirgendwo, dass man den wiederverheirateten Geschiedenen die Kommunion geben kann. Der Reformflügel hat es nicht geschafft, eine Zweidrittelmehrheit zu erzielen. Der Papst hat dann entschlossen, mit einer kleinen Hintertür zu handeln, in seinem Dokument "Amoris laetitia", in einer Fußnote. Die hat dann den Weg dafür geöffnet, dass man heute überall, wenn der Priester es will und der Bischof einverstanden ist, den wiederverheirateten Geschiedenen die Kommunion gibt.

Das hat aber gezeigt, wie die Kräfteverhältnisse innerhalb der katholischen Kirche stehen. Das hat sich nicht geändert in den letzten Jahren. Man könnte sogar sagen, dass es nach der Familiensynode noch schlimmer geworden ist. Zur Familiensynode 2015 hat es zum Beispiel viele Bischöfe und Kardinäle gegeben, die Bücher geschrieben haben, um bei der alten Lehre zu bleiben. Es hat nicht dieselben Appelle gegeben vonseiten der Reformer. Die Bremser haben unter Kardinal Burke 800.000 Unterschriften gesammelt. Vor ein paar Jahren wurde im deutschsprachigen Raum eine Initiative begonnen, um Papst Franziskus mit einem Appell zu unterstützen. Da gab es keine 100.000 Unterschriften.

Franziskus bekommt viel Zustimmung innerhalb der Kirche, aber auch außerhalb der Kirche. Das liegt an seiner Linie einer Kirche, die nicht autoritär ist, sondern eine barmherzige Kirche ist, die sich um die Menschen kümmert und die sich auch um die soziale Ungerechtigkeit kümmert oder um die Auswirkungen des Umweltschadens auf die soziale Situation der Menschen. Wenn es aber darum geht, innerkirchlich Partei zu ergreifen, sind die Bremser, die Konservativen, viel stärker darin, von sich reden zu lassen als die Reformer. Deswegen gibt es jetzt seit Jahren einen schwelenden Untergrund-Bürgerkrieg in der katholischen Kirche.

Frage: Welche Rolle spielt da der Synodale Weg und auch die Spannungen, die es zwischen dem Vatikan und Deutschland gibt?

Politi: Der Vorwurf ist, dass Deutschland hier einen Alleingang macht. Dasselbe passiert aber zum Beispiel auch in den Vereinigten Staaten bei der Frage der Kommunion für Politiker, die eine liberale Haltung beim Thema Abtreibung einschlagen. Da passiert es umgekehrt aber nicht, dass europäische oder afrikanische Bischöfe etwas sagen, ihren Unmut äußern, was beim Synodalen Weg passiert. Es gibt zurzeit wenig Diskussion auf der Ebene der Weltkirche. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum Franziskus eine Weltsynode will, in der man über Kommunion, Gemeinschaft, Teilhabe und Mission spricht. Wir müssen nur sehen, wie die Diskussion sich entwickelt.

Vergessen wir eines nicht: Die großen Änderungen des Zweiten Vatikanischen Konzils kamen nicht vom Papst. Die großen Änderungen im Konzil kamen von den Bischöfen, – aus Frankreich, aus den Niederlanden, Belgien, Deutschland und Italien. Da haben sich die Bischöfe eingesetzt. Das hat bis jetzt auf Weltebene gefehlt.

„Heute sind in der Kurie 20 Prozent offen für den Papst, zehn Prozent sind dagegen und 70 Prozent warten auf den nächsten Papst. Der springende Punkt ist: Wir wissen, wir sind in der Abendzeit dieses Pontifikats, und man hat auch keine klare Idee davon, wie der nächste Papst sein soll.“

—  Zitat: Marco Politi

Frage: Wie blickt denn der Vatikan auf Deutschland und den Synodalen Weg? Der Konflikt lässt sich ja nicht bestreiten.

Politi: Ganz bestimmt. Aber ich würde trotzdem nicht vergessen, dass es zunächst ein innerdeutscher Konflikt ist, auch wenn er sich im Vatikan abspielt. Kurienkardinäle oder ehemalige Kurienkardinäle wie Brandmüller und Müller sind ja deutsche Kardinäle, die sich von Rom aus gegen gewisse Punkte des Synodalen Weges in Deutschland aussprechen. Zum Teil tun sie das sogar sehr vehement. Es war ja Kardinal Brandmüller, der gesagt hat, der Synodale Weg sei eine Art Protestantisierung. Aus der gleichen Richtung kommt sogar der Vorwurf eines Schismas. Das ist also zunächst ein Zwist im Hause Deutschlands.

Dann gibt es zudem noch einen großen Teil der Kurie, der einfach Angst vor Neuem hat. Die haben Angst und wissen nicht, was man für eine Entscheidung treffen muss. Sie haben Angst, was passiert, wenn es beispielsweise einen verheirateten Klerus gibt und fürchten, dass man dann die Sonderstellung des zölibatären Klerus verliert. Sie haben auch theologisch Angst, vor dem Frauenpriestertum zum Beispiel. Ich würde sagen, es ist eine konservative Denkart, aber sehr viel davon ist auch eine ängstliche Einstellung.

Heute sind in der Kurie 20 Prozent offen für den Papst, zehn Prozent sind dagegen und 70 Prozent warten auf den nächsten Papst. Der springende Punkt ist: Wir wissen, wir sind in der Abendzeit dieses Pontifikats, und man hat auch keine klare Idee davon, wie der nächste Papst sein soll und was seine Richtlinien sein sollen. In den letzten 50 Jahren hat man gesehen, dass sehr interessante Persönlichkeiten mit verschiedenen theologischen Richtungen und verschiedenen philosophischen Einstellungen ihre Impulse gegeben haben. Paul VI., Johannes Paul II., Ratzinger und Franziskus haben alle ihren Impuls gegeben, aber die große strukturelle Krise der katholischen Kirche und auch der anderen christlichen Kirchen, also der traditionsstrukturierten Kirchen, ist nicht aufgehalten worden. Das ist ein Problem, mit dem man sich befassen muss.

Was nun den Synodalen Weg in Deutschland betrifft, wissen wir ja, dass Franziskus einerseits dafür ist, dass man diskutiert und sich ausspricht. Andererseits hat er natürlich auch Angst, dass es Spaltungen gibt in der Weltkirche oder in der Kurie selbst. Aber manchmal muss man auch aufpassen auf die Nuancen in den vatikanischen Gesten. Im Frühjahr kam ein Kommuniqué aus Rom, das sagte, der deutsche Synodale Weg könne keine verbindlichen Entscheidungen treffen, wenn es um die Lehre geht. Natürlich haben die deutschen Bischöfe geantwortet, das stehe nirgendwo so geschrieben. Das seien Vorschläge, die da ausgearbeitet werden.

Dieses Kommuniqué war zwar offiziell, aber kam ohne Unterschrift von der Pressestelle des Vatikan. Es war nicht von einem Bischof, Kardinal oder Kurienkardinal unterschrieben. Das zeigt etwas, das man mir schon in Buenos Aires über den Erzbischof Bergoglio sagte – Franziskus geht manchmal einen Zickzack-Kurs. Einerseits sagt er, die deutschen Katholiken sollen vorangehen. Dann sagt er, man solle vorsichtig sein. Und dann kommt so ein Kommuniqué, das zweiseitig ist, denn es soll beruhigend sein für die Bremser und trotzdem ein kleines Signal sein für die Reformer.

Frage: Worauf wird das alles hinauslaufen? Die Weltsynode endet im kommenden Herbst. Und Deutschland will mit seinem Prozess im Frühjahr 2023 fertig sein.

Politi: Ich glaube, der Synodale Weg ist ein sehr wichtiger Prozess, denn in diesem Moment steht die deutsche katholische Gemeinschaft an der Vorderfront in dem Versuch, die Kirche zu reformieren. Es sind grundlegende Reformen. Die Rolle der Frau, die Position des Priesters, aber auch, wie Autorität und Gewalt ausgeübt werden, das sind sehr grundlegende Probleme. Ich glaube, in diesem Sinne wird der Synodale Weg in Deutschland ein Meilenstein sein, der dann für die ganze katholische Weltkirche auf dem Tisch liegt, genau so, wie es bei der Amazonas-Synode war. Das sind wichtige Momente, in denen man diskutiert und nachgedacht hat und konkrete Vorschläge gemacht hat.

Die große Frage ist, was in der Weltsynode passieren wird. Bis jetzt muss ich als Beobachter sagen, dass ich nichts Besonderes auf Weltebene gesehen habe von einer Art Mobilisation, wie es sie zu Zeiten vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil gab. Damals gab es nicht nur die Bischöfe, damals gab es Theologen, Laien und Initiativen von Gruppen, die schon darüber nachdachten, wie die Reform der Liturgie aussehen soll. Sie dachten darüber nach, wie die Beziehungen zu den Juden aussehen und wie die Beziehungen zu den Schwestern und Brüdern der anderen christlichen Kirchen und zu den anderen Religionen sind. Da gab es eine große Vorarbeit.

Ich sehe nichts Besonderes von dieser Vorarbeit auf Weltebene. Ich sehe auch in Italien überhaupt nichts Besonderes. Man spricht sehr allgemein und sagt, man müsse auf die Gesellschaft hören, auch auf kirchenferne Kreise. Aber dann lese ich zum Beispiel ein Arbeitsdokument der Deutschen Bischofskonferenz, die ganz bestimmt auf deutsche Art gründlich arbeitet und sagt: Wir haben es nicht geschafft, in den Dialog zu kommen mit den Kirchenfernen. Und andererseits haben sich auch innerhalb der katholischen Gemeinschaft in Deutschland nicht so viele Leute mobilisiert, wie man erwarten konnte. Deswegen hängt vieles jetzt in diesem historischen Moment davon ab, wie sich die Weltsynode aussprechen wird. Da ist die Frage, ob es einen Moment geben wird, wo sich das Feuer der Diskussion entfacht oder ob alles nur ein bürokratischer Prozess bleibt.

Von Renardo Schlegelmilch