Die Kirche und die Ketzer: Zwischen Duldung und Exkommunikation
Serie: Die Kirche und... – Teil 4

Die Kirche und die Ketzer: Zwischen Duldung und Exkommunikation

Hexen, Ketzer, Kreuzzüge: In Kirchengeschichte und -gegenwart gab und gibt es immer wieder große Kontroversen. Diese beleuchten wir mit unserer neuen Serie. Der vierte Teil beschäftigt sich mit dem Umgang der Kirche mit Ketzern – der in der Vergangenheit besonders tragisch war.

Von Josef Bordat |  Bonn - 19.04.2020

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"Ketzer!" – Bis heute ein populäres Schimpfwort, um Vertreter abweichender (theologischer) Meinung mundtot zu machen. Dabei ging es der Kirche nie um ein Abwürgen der Diskussion. Das Charakteristikum der Ketzerei ist nicht die Kritik an der Kirche an sich, sondern die Auffassung, diese Kritik sei von der Kirche unbedingt anzunehmen. In den Augen des Ketzers entfernt nicht er sich von der Kirche, sondern die Kirche von der Wahrheit – die er, der Ketzer, ganz genau zu kennen meint. Daraus entsteht ein Konflikt "auf Augenhöhe", wie man neudeutsch sagen würde. Ich oder die Kirche – es kann nur eine(n) geben. Die Herausforderung, bisweilen auch die Gefahr für die Kirche, ist deutlich gegeben.

Wenn nun Ketzer öffentlich in Erscheinung und damit offen in Konkurrenz zur Kirche treten, muss sich diese von ihnen abgrenzen. Das geschieht durch Klarstellung der eigenen Lehre und entsprechende Argumentation im Diskurs, das geschieht jedoch auch durch Ausschluss, durch Exkommunikation und vor allem dadurch, dass die Kirche dem Ketzer untersagt, die Menschen in ihrem Namen zu unterrichten. Das ist immer noch so. Dass damit zu bestimmten Zeiten weltliche Strafen verbunden waren, bis hin zum Tod, das ist tragisch, ändert aber nichts daran, dass die Kirche das Recht hat, festzustellen, wer in ihrem Namen spricht und wer nicht. Jede Partei und jeder Verein hält das so. Deswegen gibt es Parteiausschlussverfahren und den Tatbestand des "vereinsschädigenden Verhaltens".

Wir müssen dabei zwei Dinge unterscheiden: Erstens die Frage der Duldung abweichender Haltungen und zweitens der Umgang mit Menschen, deren abweichende Haltung nicht mehr geduldet wird. Beim Umgang mit Andersdenkenden und -glaubenden hat sich die Christenheit phasenweise wohl am weitesten von ihrem christlichen Ideal entfernt. Dass Ketzern nicht nur widersprochen wurde, dass es nicht bei Maßregelungen und Ausschlüssen aus der Gemeinschaft blieb (im Sinne des anathema; vgl. Gal 1,6-9), einer Gemeinschaft, der die Ketzer ohnehin nicht mehr angehören wollten, von der sie sich innerlich längst abgewendet hatten, dass stattdessen auch Gewalt angewendet wurde gegen Abweichler, bis zu Hinrichtungen, das ist eine schwere historische Hypothek für die Christenheit, hat aber nur teilweise etwas mit der Kirche und gar nichts mit dem Christentum tun.

Christlich: Toleranz

Zunächst ist die Toleranz gegenüber abweichenden Meinungen eine christliche Erfindung. Das Dulden und Aushalten (tolerare) ist bei den Römern auf Situationen bezogen (etwa: im Krieg in einer schwierigen Schlachtkonstellation dem Feind standhalten, Schmerz oder Hunger aushalten, in einer Krise durchhalten); so benutzt die Naturwissenschaft das Toleranzkonzept bis heute (Laktoseintoleranz, Frustrationstoleranz). Erst das Christentum bezieht den Begriff der Toleranz auf Personen und entwickelt daraus eine Tugend der Geduld gegenüber abweichendem Verhalten, nach der Maßgabe des Evangeliums, inmitten der Weizenfelder auch das "Unkraut" zu tolerieren ("wachsen zu lassen" – bis zur "Ernte"; vgl. Mt 13,24-30).

Es ging den Kirchenvätern darum, eine Ethik zu entwickeln, mit deren Hilfe der Tatsache Rechnung getragen werden konnte, dass die Wahrheit selbst eine göttliche Person ist, und mit der zudem die immer deutlicher erkennbare innere Vielgestaltigkeit der frühen Christenheit ausgehalten und ausgeglichen werden konnte. Die neue Ethik musste also die Wahrheit in Christus verteidigen und zugleich die menschliche Person (in ihrer Gottebenbildlichkeit) vor Unduldsamkeit schützen. Sie musste, kurz gesagt, dafür sorgen, dass die Ermahnung des Paulus an die Gläubigen der Gemeinde in Korinth, einander in Liebe zu ertragen (vgl. 1 Kor 13,7), in der ganzen Kirche Beachtung und Befolgung findet. Toleranz als "altchristliche Hervorbringung" (Arnold Angenendt) wird zur Leitlinie für die "innere Pluralität" der Kirche (Gerd Theissen).

Ein Stich zeigt die Verbrennung der Katharer unterhalb ihrer Festung Montsegur in Südfrankreich im März 1244.

Also: "Nicht die römischen Klassiker, sondern die Kirchenväter und frühmittelalterlichen Theologen haben aus tolerantia eine soziale Tugend, einen Leitbegriff zwischenmenschlichen Verhaltens und christlicher Gemeinschaftsbildung gemacht" (Klaus Schreiner). Rainer Forst hält diesen Bedeutungswandel "für den gesamten europäischen Diskurs der Toleranz von zentraler Bedeutung".

Umso schockierender dann der faktische Umgang mit Ketzern. Dass es trotz dieser Haltung der Toleranz und trotz des Verzichts auf Körperstrafen, mit dem die Christenheit "von der einhelligen Praxis der Antike" abwich (Angenendt) in späterer Zeit zur Verfolgung und Tötung von Ketzern kam, lag einerseits an der theologischen Gegenposition der mittelalterlichen Scholastik (die ihre Position mit einer angeblichen Nötigungsbefugnis der Kirche aus dem Gastmahl-Gleichnis in Lk 14,15-24 rechtfertigte), andererseits am wachsenden Einfluss der Legisten innerhalb der Kirche, die eine Überstellung von Ketzern an die weltliche Obrigkeit befürworteten.

So wurde die Ketzerverfolgung eine Sache des Staates, ein Thema der Staatsräson war sie längst, rechnete der weltliche Herrscher doch mit göttlicher Strafe im Falle einer Duldung von "Gottesfeindschaft" in seinem Einflussbereich. Ketzerei war also hochpolitisch. Kaiser Friedrich II. hatte daher in den Konstitutionen von Melfi (1231) Ketzerei und Majestätsverbrechen rechtlich gleichgestellt. In der Praxis arbeiteten Kirche und Staat bei der Ketzerverfolgung eng zusammen: Hatte die Kirche einen Ketzer identifiziert, wurde dieser zur Bestrafung an den weltlichen Arm übergeben, der dann nach seinen Regeln vollstreckte – einschließlich der Todesstrafe.

Die Inquisition

Die Kirche ging, schon um bei der Identifikation von Ketzerei dem Volkszorn und den Exzessen einer willkürlichen Verfolgung, wie sie in den sogenannten "Ketzerkreuzzügen" geschah, systematisch entgegenzutreten, den Weg einer Institutionalisierung mit neuer Methodik, die für Jahrhunderte zur festen Einrichtung wurde: Inquisition. Damit ist zum einen die neue Art einer besonders genauen Prozessführung gemeint (inquisitio bedeutet "Untersuchung"), zum anderen aber auch die vom Papst beauftragten Einrichtungen selbst (die "Inquisitoren"), die diesen juristischen Fortschritt (so sieht es auch heute noch der Rechtshistoriker Winfried Trusen) garantieren sollten.

Mit Aufbau, Organisation und Durchführung der Inquisition beauftragte Papst Gregor IX. insbesondere Mitglieder des vom Heiligen Dominikus 1215 gegründeten Predigerordens. Obwohl nicht nur die Dominikaner Inquisitoren stellten, steht der Orden bis heute im zweifelhaften Ruf, die Inquisition praktisch im Alleingang betrieben zu haben. Das Wortspiel domini canes ("Hunde des Herrn") vermochte diese Einschätzung weiter zu befeuern. Im Jahr 2000 baten die deutschen Dominikaner für ihre unrühmliche Rolle um Entschuldigung. In einer Erklärung der Dominikaner-Provinz Teutonia heißt es: "Deutsche Dominikaner waren nicht nur in die Inquisition verstrickt, sondern haben sich aktiv und umfangreich an ihr beteiligt. Historisch gesichert ist die Mitwirkung an bischöflichen Inquisitionen und an der römischen Inquisition. Unabhängig von den vielleicht manchmal nachvollziehbaren historischen Gründen für die Mitwirkung erkennen wir heute die verheerenden Folgen dieses Tuns unserer Brüder. Wir empfinden dies als ein dunkles und bedrückendes Kapitel unserer Geschichte."

Eine Inquisition

Eine Befragung durch eine Inquisition im Mittelalter.

Dabei war die Inquisition vergleichsweise harmlos. Arnold Angenendt resümiert den Forschungsstand dahingehend, dass Inquisitionsgerichte zurückhaltender vorgingen und weniger hart urteilten als weltliche Gerichte. Die Wahrscheinlichkeit einer Verurteilung lag aufgrund der wesentlich genaueren Prozessführung deutlich niedriger; die Freispruchquote für Inquisitionsprozesse betrug etwa 98 Prozent. Die frühneuzeitliche Römische Inquisition ließ insgesamt "nur" 97 Menschen hinrichten (das prominenteste Opfer war auch ein Dominikaner: Giordano Bruno) – während weltliche Gerichte in Europa zu dieser Zeit Menschen Jahr für Jahr zu Hunderten (schon wegen Diebstahls) zum Tode verurteilten. Zudem waren die Gefängnisse der Kirche in einem besseren Zustand und wurden humaner geführt als die weltlichen. Auf die Hexenverfolgung in Europa wirkte die Inquisition dämpfend. Ergo: "Die Inquisition war nicht jenes Horror-Szenarium, als das sie so oft ausgemalt wurde und immer noch wird" (Angenendt).

Das Bild der pausenlos und überall brennenden Scheiterhaufen und grausam bestückten Folterkammern, das mit dem "Mythos" Inquisition verbunden ist, vermittelt also einen völlig falschen Eindruck. Doch es besteht ebensowenig Grund zur Verharmlosung: Auch in Inquisitionsprozessen wurde gefoltert, mit der Einschränkung, dass dies der Wahrheitsfindung dient und beim Beschuldigten keine bleibenden Schäden hinterlässt. Das klingt zynisch, war aber ernst gemeint. Dass beide Bedingungen jedoch auf einer groben Fehleinschätzung der Wirkungsweise von Folter beruhen, wissen wir spätestens seit Friedrich Spee von Langenfeld, der die Folter als juristisch untauglich und moralisch verwerflich kritisierte und ihre Abschaffung forderte. Die Römische Inquisition schloss sich ihm an. In den Verfahren vor weltlichen Gerichten wurde hingegen weiter gefoltert; in einigen Staaten bis heute.

Kurzes Fazit

Es war nicht die Kirche allein, es war auch der Staat – Ketzerverfolgung war (und ist, wo sie heute noch stattfindet) eine Melange aus theologischer Hybris und politischem Kalkül. Dass es im Wirkungsbereich des Christentums überhaupt zur gewaltsamen Verfolgung von Menschen mit anderen theologischen Ansichten kam, ist ein Skandal der Kirchengeschichte – und der europäischen Kulturgeschichte insgesamt. Die Kirche muss sich vorhalten lassen, vom eigenen Toleranzbegriff abgewichen zu sein. Das wiegt schwer und ist eine Hypothek für die Zukunft, gerade auch in der Beurteilung heutiger "Abweichler".

Von Josef Bordat

Der Autor

Josef Bordat studierte Wirtschaftsingenieurwesen, Soziologie und Philosophie mit anschließender Promotion. Er arbeitet als freier Publizist in Berlin.