Die Kirche und die Wissenschaft: Wenn Glaube den Forschergeist weckt
Serie: Die Kirche und... – Teil 12

Die Kirche und die Wissenschaft: Wenn Glaube den Forschergeist weckt

Galileo Galilei lässt grüßen: Nach wie vor gilt die Kirche vielen als natürliche Gegnerin von Fortschritt und Wissenschaft. Doch bei genauerer Betrachtung stellten sich die Dinge ganz anders dar, schreibt unser Autor Josef Bordat. Zudem seien viele berühmte Forscher gläubige Christen gewesen.

Von Josef Bordat |  Bonn - 30.05.2021

HTML-Elemente (z.B. Videos) sind ausgeblendet. Zum Einblenden der Elemente aktivieren Sie hier die entsprechenden Cookies.

Glauben und Denken – geht das zusammen? Religion und Wissenschaft? Die Antwort, die heute oft vorschnell gegeben wird, lautet unmissverständlich "Nein!", zumal, wenn der Glaube der christliche katholischer Prägung ist. Denn, auch das steht heute für viele fest: Die Kirche ist die natürliche Gegnerin von Vernunft, Fortschritt und Wissenschaft. Um die systematische Wissenschaftsfeindlichkeit der katholischen Kirche zu zeigen, wird oft auf den Inquisitionsprozess gegen Galileo Galilei verwiesen. Bei genauerer Betrachtung stellen sich jedoch die Dinge ganz anders dar.

Der Galilei-Prozess markiert nicht die vermeintliche Bruchstelle zwischen Kirche und Wissenschaft (oder gar Religion und Vernunft!), als die er so oft und gern herbeizitiert wird, sondern verdeutlicht vor allem die Differenz von Theorie und Tatsache, einen Unterschied, auf den die Kirche (insbesondere deren Verfahrensbevollmächtigter Robert Kardinal Bellarmin) im Gegensatz zum Angeklagten größten Wert legte, eine Haltung, die auch von der gegenwärtigen Wissenschaftsphilosophie eingefordert wird. Ob Karl Popper, Paul Feyerabend oder Carl Friedrich von Weizsäcker – sie alle billigen der Kirche des 17. Jahrhunderts implizit oder explizit zu, was der Wissenschaft des 20. Jahrhunderts selbstverständlich werden sollte: Eine Theorie ist keine Tatsache. Paul Feyerabend meinte: "Die Kirche zur Zeit Galileis hielt sich viel enger an die Vernunft als Galilei selber, und sie zog auch die ethischen und sozialen Folgen der Galileischen Lehren in Betracht. Ihr Urteil gegen Galilei war rational und gerecht, und seine Revision lässt sich nur politisch-opportunistisch rechtfertigen" (Wider den Methodenzwang. Frankfurt 1976, S. 206).

Mit der Sache selbst (heliozentrisches Weltbild) hatte die Kirche kein Problem – das war ein alter Hut. Nikolaus Kopernikus' Hauptwerk "De revolutionibus orbium coelestium", in dem er das heliozentrische Weltbild als Hypothese vorstellte, war bereits 1543 erschienen. Kopernikus hatte es Papst Paul III. gewidmet und es bildete die Grundlage für die Kalenderreform durch Papst Gregor XIII. (1582). Zwei Päpste, eine Meinung: kein Problem. Erst als Galileo Galilei aus der fast 80 Jahre alten und von der Kirche als solche akzeptierten Theorie eine Tatsache machen wollte, schritt Rom ein. Kopernikus hingegen blieb zeitlebens im Dienst der Kirche. Es ging also gar nicht um Inhalte, sondern um die korrekte wissenschaftliche Methodologie. Als deren Anwalt trat die Katholische Kirche in Erscheinung. Sehr wissenschaftlich, sehr fortschrittlich.

Bild: © KNA

"Die Kirche zur Zeit Galileis hielt sich viel enger an die Vernunft als Galilei selber, und sie zog auch die ethischen und sozialen Folgen der Galileischen Lehren in Betracht. Ihr Urteil gegen Galilei war rational und gerecht, und seine Revision lässt sich nur politisch-opportunistisch rechtfertigen", schrieb der Philosoph Paul Feyerabend.

Das Beispiel Nikolaus Kopernikus zeigt: Wer seine Theorien als solche vorstellte, hatte von der Kirche nichts zu befürchten. Warum auch? Seit jeher sind die Kirche und die Wissenschaft kultur- und sozialhistorisch eng verbunden. Als Buchreligion brachte das Christentum die Notwendigkeit einer tradierten Schriftkultur mit sich. Christliche Missionare gründeten Schulen (zum Lesen lernen) und Bibliotheken (für das zu Lesende). Nördlich der Alpen war so was bis dahin unbekannt. Ohne die Kirche (das heißt: die Klöster) hätte es im mittelalterlichen Europa keine Universitätsgründungen gegeben, nicht in Bologna, nicht in Paris, nicht in Köln. In den Wahlsprüchen renommierter Einrichtungen ist die christliche Grundierung heute noch erkennbar: "Dominus Illuminatio Mea" (Der Herr ist mein Licht), Psalm 27,1 ziehrt das Wappen der Universität Oxford. Und es hätte auch im Rest der Welt keine Universitätsgründungen gegeben; das europäische Bildungsmodell gelangte über die Missionsorden nach Übersee. Noch heute sind die Dominikaner, Franziskaner und Jesuiten Träger vieler Bildungseinrichtungen in Amerika, Afrika, Asien und Australien.

Das allein könnte noch unter die Herrschaftspolitik des Westen subsumiert werden. Doch der Konnex von Glauben und Denken, von Religion und Wissenschaft ist stärker als die geschichtlich gewachsene institutionelle Verbindung von Kirche und Universität. Die Metathese der Naturwissenschaft lautet, dass es universale Gesetzmäßigkeiten gibt, die überall gelten, auf der Erde, aber auch im Weltraum. Ohne diese lohnte sich die Forschung nicht, geht es doch dabei gerade um die Erkenntnis der Naturgesetze. Im Glauben der christlichen Forscher des 16. und 17. Jahrhunderts, also im Glauben eines Kopernikus, eines Kepler, eines Newton oder eines Leibniz ist Gott der Garant dieser stabilen Verhältnisse. Viele dieser herausragenden Köpfe der Wissenschaftsgeschichte betrieben auch intensive theologische Studien, verbanden also ihre Forschungstätigkeit mit ihrem religiösen Glauben, ohne den sie wiederum gar nicht angefangen hätten, nach Naturgesetzen zu suchen. Wissenschaft ist also methodologisch untrennbar mit dem Glauben an Gott verbunden. Hinzu kommt, dass die betrachtete Natur als Schöpfung begriffen wurde und die Forschung damit auch als Annäherung an den Schöpfer. Die Welt zu verstehen hieß, Gott zu verstehen. Diese Motivation überstieg das mit dem Glauben an Gott unterstellte notwendige Minimum an struktureller Verlässlichkeit der Welt und trieb die Forschung weiter an. Nur so lässt sich erklären, zu welchen Leistungen die genannten Genies fähig waren, Leistungen, von denen wir bis heute profitieren – oft, ohne uns dessen bewusst zu sein. Kein Computer und kein Smartphone liefen heute, wäre Leibniz nicht ein frommer Christ gewesen, der den Binärcode aus einer theologischen Überlegung heraus entwickelte: Gott (1) schafft aus Nichts (0) die Welt (alle Zahlen).

Fromme Forscher – und Forscherinnen

Nun war Leibniz bekanntlich Protestant (wenn auch mit ökumenischer Ader) – was aber ist mit der Katholischen Kirche? Wenn dem so ist, dass der Glaube das Forschen motiviert, müsste es ja vor katholischen Forscherpersönlichkeiten in Naturwissenschaft und Technik nur so wimmeln. Tut es auch. Und ebenfalls mit Wirkung auf unsere gegenwärtige Lage.

Heute sprechen alle von der Corona-Impfung. Das Impfprinzip entdeckte der Katholik Louis Pasteur. Heute sprechen alle von den Chancen einer medizinischen Revolution, die Gentherapien entwickelt, individuell abgestimmt auf den einzelnen Menschen. Die Grundlagen der Genetik entdeckte ein Augustiner, Gregor Mendel. Heute sprechen alle von der grünen Mobilitätswende und vom Elektro-Auto. Den ersten Elektromotor baute ein Benediktiner, Ányos Jedlik. Heute sprechen alle davon, der "Big Bang" sei die plausibelste Weltentstehungstheorie; den Begriff führte ein katholischer Geistlicher in die astronomischen Debatten ein: Georges Lemaître, lange Zeit Präsident der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften. Viele Menschen, die heute an Diabetes leiden, können mit der Insulin-Therapie behandelt werden, entwickelt von Giuseppe Moscati, den die Kirche als Heiligen verehrt. Der katholische Priester John Augustine Zahm befasste sich – nur wenige Jahre nach Darwin – mit der Evolutionstheorie, der fromme Katholik Louis-Victor Pierre Raymond de Broglie entwickelte die Theorie der Materiewellen, der ehemalige Präsident der Päpstlichen Akademie für das Leben, Jérôme Lejeune, entdeckte die genetische Ursache des Down-Syndroms. Ein katholischer Priester war der erste, der einen Planetentransit beobachtete und außerdem noch das Trägheitsprinzip und den Energieerhaltungssatz formulierte: Pierre Gassendi. Und wer erfand den nützlichen Synthesekautschuk Neopren? Richtig: ein katholischer Priester – Julius Arthur Nieuwland.

Der französische Genetiker und Lebenschützer Jérôme Lejeune.

Der französische Genforscher Jérôme Lejeune gilt als Mit-Entdecker der genetischen Ursache des Down-Syndroms. Im Seligsprechungsprozess des engagierten Lebensschützers erkannte Papst Franziskus am 21. Januar 2021 dessen "heroischen Tugendgrad" an.

Die Verbindung von Katholizität und Universität hat zudem in der Geschichte der Geschlechtergleichstellung positive Spuren hinterlassen. Einige herausragende Frauen in der Wissenschaft waren eng mit der Kirche verbunden: Die erste Frau mit einem Doktortitel in Medizin war eine Katholikin (Maria Dalle Donne), ebenso wie die erste Professorin in Oxford oder Cambridge (Dorothy Annie Elizabeth Garrod), während Schwester Mary Kenneth Keller als erste Informatikprofessorin in den USA wirkte. Schwester Miriam Michael Stimson, eine Chemikerin und DNA-Expertin, war immerhin die zweite Professorin an der Pariser Sorbonne.

Und nun denken wir erneut über die postulierte Wissenschaftsfeindlichkeit der Kirche nach: Hätten diese Menschen, die zum Teil bahnbrechende Entdeckungen machten, unter dem Dach einer ihrem Forschungsdrang feindselig gegenüberstehenden Institution leben und arbeiten können?

Fake-News aus Amerika

Woher kommt dann aber die Einschätzung, die Kirche sei eine wissenschaftsfeindliche Institution, und warum hält sie sich so hartnäckig? Zum Teil stammt das antiklerikale Klischee aus kulturell tief verankerten Narrativen des 18. und 19. Jahrhunderts, die allerdings Fake-News sind, etwa die Vorhaltung, die Kirche glaube an die Scheibenform der Erde. Zu den Promotoren des Scheibenmythos zählen unter anderem Thomas Paine, einer der Gründerväter der USA, und der US-amerikanische Schriftsteller Washington Irving. Fakt hingegen ist, dass die Kirche, seit es sie gibt, weder in ihrer offiziellen Lehrposition noch mehrheitlich in Konzilien die Auffassung vertrat, die Erde sei eine Scheibe. Die Kirche hielt vielmehr an der antiken Vorstellung einer kugelförmigen Erde fest, als die sie Pythagoras, Platon, Aristoteles und andere Gelehrte des Altertums beschrieben hatten. Kirchenväter der Spätantike wie Ambrosius von Mailand und Augustinus von Hippo vertraten die Kugelthese ebenso wie Isidor von Sevilla im 7. Jahrhundert. Folgerichtig hielt Karl der Große im Jahr 800 als Zeichen seiner Universalherrschaft eine Kugel in der Hand (den "Reichsapfel") – und keinen Teller. Das bekannteste Astronomiebuch des Mittelalters (erschienen im 13. Jahrhundert) hieß "Liber de Sphaera" (Buch der Kugel). Der vielleicht einflussreichste Katholik des zweiten Jahrtausends, Thomas von Aquin, vertrat (ebenfalls im 13. Jahrhundert) auch eine kugelförmige Erdgestalt: "Astrologus demonstrat terram esse rotundam per eclipsim solis et lunae" (Der Sternenkundige beweist durch Sonnen- und Mondfinsternis, dass die Erde rund ist; Summa theologica I 1, 1, 2).

Diese Beispiele aus der Kirche, vor allem aber die methodologische Weitsicht der Kirche zeigen, dass Religion und Wissenschaft als Ausdrucksformen der menschlichen Vernunft beide eine berechtigte Rolle bei dem Versuch spielen können, zu einer Selbstvergewisserung und einer Orientierung in der Welt zu gelangen. Die ganze Wahrheit gibt sich der Vernunft nur zu erkennen, wenn sich das Beweiswissen der Wissenschaft mit dem Offenbarungswissen der Religion eint. Religion und Wissenschaft schließen sich also nicht gegenseitig aus, sie ergänzen sich vielmehr. Es zeigt sich immer deutlicher, auch in der Wissenschaft selbst (etwa in der Physik), dass der Anspruch des Szientismus, mit (natur-)wissenschaftlicher Forschung Ursache und Wesen der Welt gänzlich und abschließend zu erklären und damit jedes religiöse Interpretament mit der instrumentellen Vernunft vollständig einzuholen, nicht gerechtfertigt ist, jedenfalls nicht mehr oder weniger als der religiöse Glaube selbst, wie ihn die katholische Kirche vertritt.

Von Josef Bordat

Der Autor

Josef Bordat studierte Wirtschaftsingenieurwesen, Soziologie und Philosophie mit anschließender Promotion. Er arbeitet als freier Publizist in Berlin.