Eine Statue von Paul V. in Rimini
Serie: Die Kirche und... – Teil 9

Die Kirche und die Macht: Drinnen hierarchisch, draußen ohne Einfluss?

Wie viel Macht hat die Kirche heutzutage noch? Nach außen hin ist sie sehr eingeschränkt. In ihrer hierarchischen Ordnung hingegen spiegele sich der Wesenskern des christlichen Glaubens wider, schreibt unser Autor Josef Bordat. Dabei gehe es in der Kirche gar nicht um Macht.

Von Josef Bordat |  Bonn - 01.01.2021

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Die Macht der Kirche ist ein beliebter Topos antiklerikaler Polemik. Dabei geht es einerseits um Machtstrukturen in der Kirche, andererseits um die vermeintliche oder tatsächliche Macht der Kirche als Institution innerhalb der Gesellschaft. Die Macht der Bischöfe und des Papstes wird – auch im ökumenischen Dialog – als "unbiblisch" und "undemokratisch" kritisiert, eine "Einmischung" der Kirche in staatliche Angelegenheiten per se als missbräuchlich gebrandmarkt. Oder zumindest dann, wenn es inhaltlich ungelegen kommt.

Schauen wir zunächst in die Kirche. Dort finden wir eine strenge Hierarchie vor. Hierarchie bedeutet Ordnung, genauer: die Rangordnung der geistlichen Gewalten in ihrer Gesamtheit. "Hieratisch" bedeutet im eigentlichen historischen Wortsinne "heilig" oder "priesterlich"; die hieratische Schrift war die Schrift der altägyptischen Priesterkaste. Hierarchie und Religion hängen also eng zusammen. Die Kirche übernimmt hier Vorstellungen aus vorchristlicher Zeit, dass nämlich die Religion ein Ordnungsinstrument ist, das zugleich selbst eine klare Ordnung braucht, die sich in gestufter Autorität zeigt, welche zunächst nach innen wirken muss, um nach außen wirksam zu sein.

Hierarchie gibt es auch in Vereinen

Hierarchie gibt es nicht nur in der Kirche. Die meisten menschlichen Gemeinschaften sind hierarchisch geordnet. Sportclubs, Kulturvereine, Parteien, Berufsverbände – sie alle haben Vorsitzende und Vorstände. Auch eine Doppelspitze oder ein Leitungsgremium begründet eine Hierarchie. Experimente mit (weitgehend) herrschaftsfreien Strukturen misslangen. Sie scheiterten an unklaren Verantwortungszuschreibungen und fehlenden Zuständigkeiten. Die Internet-Branche, die in einer ersten Phase auf extrem flache Hierarchien setzte, scheiterte um die Jahrtausendwende kollektiv – auch an den unklaren, unverbindlichen Strukturen. Ebenso scheiterten alternative Parteien wie die "Piraten" an einem überzogenen Willen zur Gleichrangigkeit. Die "Grünen" haben das Problem der Hierarchielosigkeit rechtzeitig in den Griff bekommen – und sind heute eine feste Größe in der Parteienlandschaft.

Zwar ist die Kirche keine nur-menschliche Gemeinschaft, doch wirken in ihr Menschen. Die Kirche braucht eine Ordnung wie jede Gemeinschaft, in der Menschen wirken. Papst Paul VI. hat die Notwendigkeit der Leitungsfunktion in der Kirche und für die Kirche herausgestellt: "Doch das Gottesvolk kann nicht ohne Führung auf seinem Weg voranschreiten. Es gibt daher die Hirten, die Theologen, die Lehrmeister des geistlichen Lebens, die Priester und all jene, die mit ihnen an der Erhaltung und Förderung des Lebens der christlichen Gemeinden mitarbeiten. Ihre Sendung besteht darin, ihren Brüdern zu helfen, den Weg der christlichen Freude einzuschlagen, inmitten der Gegebenheiten, die ihr Leben bestimmen und denen sie nicht aus dem Weg gehen können" (Gaudete in Domino, Nr. 49).

Papst Paul VI. im Portrait

Papst Paul VI. hat in seinem Apostolischen Schreiben "Gaudete in Domino" (1975) die Notwendigkeit der Leitungsfunktion in der Kirche und für die Kirche herausgestellt.

Zugleich muss diese Ordnung ihre letzte Rechtfertigung in der göttlichen Abkunft der Kirche finden. Es ist also eine göttliche Ordnung in menschlichen Konzepten. Diese ist nicht einfach durch den Menschen frei gestalt- und veränderbar. Denn Macht soll in der Kirche letztlich nur einer haben: Gott – der Vater, der Sohn, der Heilige Geist. Gott gibt der Kirche Seine Ordnung und bindet sie daran. Das unterscheidet die Kirche vom Staat, der seiner Gewalt die unterschiedlichsten Ordnungssysteme zugrunde legen kann, von der Tyrannei eines Diktators bis hin – zumindest theoretisch – zur Basisdemokratie.

Die Kirche ist von ihrem Wesen, also ihrer Gründung, ihrer Sendung und ihrem Auftrag her nicht demokratisch. Das kann sie auch nicht sein, denn ihr Gegenstand – der Glaube an Gott – obliegt keinem konventionalistischen Zugriff. Es hätte zum Beispiel keinen Sinn, in einem Parlament darüber abstimmen zu lassen, ob Gott existiert. Ebenso wenig lässt sich über die aus der Gott-Mensch-Beziehung resultierenden ethischen Grundannahmen verhandeln, auch wenn diese Bestandteil des weltlichen Rechts demokratischer Systeme oder gar für die Staatsgewalt zum unmittelbar bindenden Auftrag wurden, etwa in der Figur der Menschenwürde.

Wahrheit, nicht Mehrheit

Der Kirche geht es um Wahrheit, nicht um Mehrheit. Die Wahrheit erkennt die Kirche in der Person und Lehre Jesu Christi. Über Wahrheiten kann man nicht abstimmen, die Wahrheit benötigt auch keine Mehrheit. Man kann die Wahrheit nur annehmen oder ablehnen. Kompromisslos. Der Kompromiss jedoch ist die praktische Grundlage der Demokratie. Die Kirche kann also nicht demokratisch sein, soweit es ihr um das kompromisslose Eintreten für die Wahrheit geht. Es ist also nicht mehr und nicht weniger als der Wesenskern des christlichen Glaubens, der sich in der hierarchischen Ordnung der Kirche widerspiegelt. Diese Ordnung bedeutet nun weder, dass in der Kirche stets von oben herab "durchregiert" werde, noch, dass ein einfaches Kirchenmitglied ohne Amt und Funktion jeder Verantwortung in der Kirche und für die Kirche ledig sei. Das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) formuliert etwa das Prinzip des Allgemeinen Priestertums für den Laienstand.

Das Ordnungsdenken der Kirche ist petrinisch, das heißt, so wie Petrus aus dem Kreis der Apostel hervorgehoben wird und dennoch einer von ihnen bleibt, so soll jedem kirchlichen Kollegium ein Erster zugeordnet sein, der dieses mit Vollmacht (von Gott her) konstituiert, und so erst als ein Kollegium von Gleichen wirksam macht, in dem Gehorsam erstrebenswert wird, weil Einheit möglich ist. Letztlich ist es jedoch der gemeinsam geteilte Gehorsam gegenüber Gott und Gottes Weisungen, der die Menschen in der Kirche, auf welcher Hierarchiestufe sie auch stehen mögen, fest zusammenhalten lässt. Denn das Haupt der Kirche ist und bleibt Christus selbst. Ihm unterstehen alle. Und seine Macht ist die Ohnmacht des Kreuzes. Er sagt uns: Es geht in der Kirche um Dienst, nicht um Macht. Dort, wo Menschen in der Kirche davon abweichen, ist Kritik gerechtfertigt, ja, sogar notwendig.

Die Macht Jesu ist die Ohnmacht des Kreuzes.

Der heilige Papst Johannes Paul II. hat 1987 in einer Rede vor der römischen Kurie (also an die Spitze der Hierarchie gerichtet) dazu aufgerufen, der petrinischen Struktur ein marianisches Profil zu geben, ganz im Sinne der Theologie Hans Urs von Balthasars, der betont hatte, Maria sei in gewisser Hinsicht wichtiger als die Apostel: "Dieses marianische Profil ist charakterisierend für die Kirche und ist mit dem apostolischen und petrinischen Profil eng verbunden. Die marianische Dimension der Kirche geht der petrinischen voran, ist gleichzeitig mit ihr verbunden und komplementär. Die unbefleckte Maria steht vor allen, auch vor Petrus und den Aposteln: Nicht nur weil Petrus und die Apostel aus der Masse der sündigen Menschen stammen und ein Teil der Kirche 'sancta ex peccatoribus' sind, sondern auch, weil ihr dreifaches 'Munus' auf nichts anderes abzielt, als die Kirche zu bilden und das Ideal der Heiligkeit, das bereits in Maria vorgeformt und vorweggenommen ist." Johannes Paul II. greift in diesem Zusammenhang auf, was "ein zeitgenössischer Theologe", nämlich Hans Urs von Balthasar, in seinem Buch Neue Klarstellungen (1979) geschrieben hat: "Maria ist die 'Königin der Apostel', ohne apostolische Befugnisse zu beanspruchen. Sie hat anderes und mehr." Auch Papst Franziskus nimmt diesen Gedanken Hans Urs von Balthasars gelegentlich auf. Marianisch werden, petrinisch bleiben – Christus wieder neu zur Welt, zu den Menschen bringen, zu den ahnungslosen Hirten, zu den stolzen Königen, zugleich aber das Wesen der tradierten Lehre bewahren. Das ist der Auftrag für die Kirche der Zukunft, für den es eine klare strukturelle Ordnung braucht.

Nach außen hin ist die Macht der Kirche rechtlich und faktisch sehr eingeschränkt. Im Kontext gesellschaftlicher Prozesse wird die Rolle der Kirche völlig überschätzt. Jedes Vorstandsmitglied eines Wirtschaftsunternehmens hat persönlich mehr Macht und Möglichkeit, die Welt zu verändern, als der Papst und sämtliche Bischöfe der Kirche zusammen. Die Kirche verfügt über gewissen Einfluss, über Macht hingegen verfügt sie kaum noch.

Schon gar nicht in Deutschland. Angebliche "Sonderrechte" wie die Selbstverwaltung, der Steuereinzug und das "Kirchenasyl" gelten grundsätzlich auch für andere Institutionen. Auch die diskursive Einflussnahme ist kein Alleinstellungsmerkmal der Kirche. Sie trägt damit auch nur ihre Sichtweise in die Debatte ein, wie der ADAC, der FC Bayern oder die Kassenärztliche Vereinigung das ebenso tun, soweit Gesetzesvorhaben sie angehen. Warum sollte also die Kirche schweigen, wenn es um Fragen geht, die die Schöpfung betreffen und das Leben des Menschen? Und warum sollten katholische Politiker ausgerechnet ihren Glauben ausklammern, wenn es um die Meinungsbildung zu diesen Fragen geht?

Kirche und Staat: Wohlwollende Neutralität

Hinter solchen Forderungen steht das Konzept eines strikten Laizismus, der Kirche und Staat mit dem Rasiermesser voneinander trennt. Das ist aber nicht das deutsche Konzept eines angemessenen Verhältnisses von Kirche und Staat. Hierzulande ist "wohlwollenden Neutralität" (Udo Di Fabio) das Stichwort, was bedeutet, dass Kirche und Staat dort zusammenwirken, wo es sozialpolitisch und wirtschaftlich sinnvoll ist und zum Nutzen der Gesellschaft geschieht. Die Deutsche Bischofskonferenz stellt dazu klar: "Der Staat subventioniert nicht die Kirche als Religionsgemeinschaft. Wo der Kirche staatliche Gelder zufließen, wird im gemeinsamen Interesse von Staat und Kirche z. B. das soziale oder kulturelle Engagement der Kirche unterstützt. Viele soziale Dienstleistungen können nur mit Hilfe eines kirchlichen Eigenanteils realisiert werden (z. B. Kindertagesstätten oder Hilfen für Menschen in besonderen Lebenslagen, wie wohnungslose Menschen). Oft mobilisieren kirchliche Dienste Kräfte für die Allgemeinheit, vor allem in Form von ehrenamtlicher Arbeit, aber auch von Spenden. Diese Leistungen entlasten den Staat erheblich und stellen eine beachtliche Leistung der Gläubigen an die Gesamtgesellschaft dar."

Man kann über alles reden – auch über die Kirchensteuer. Die Kritik am Verhältnis von Kirche und Staat – auch die theologische – verdient Beachtung. Allerdings sollte die Debatte sachlich und faktenbasiert verlaufen. Und zu den Fakten gehört eben auch, dass es sich bei dem, was zwischen Staat und Kirche läuft, um ein gesetzlich, vertraglich, mithin rechtlich geregeltes Miteinander zum Wohle vieler Menschen handelt. Mit Macht hat das nichts zu tun.

Von Josef Bordat

Der Autor

Josef Bordat studierte Wirtschaftsingenieurwesen, Soziologie und Philosophie mit anschließender Promotion. Er arbeitet als freier Publizist in Berlin.