Schlachtgemälde aus den Kreuzzügen
Serie: Die Kirche und... – Teil 5

Die Kirche und die Kreuzzüge: Zwischen Nothilfe und Gewaltexzessen

Hexen, Ketzer, Kreuzzüge: In Kirchengeschichte und -gegenwart gab und gibt es immer wieder große Kontroversen. Diese beleuchten wir mit unserer neuen Serie. Der fünfte Teil beschäftigt sich mit den Kreuzzügen, die bis heute am Bild von der friedfertigen Kirche kratzen.

Von Josef Bordat |  Bonn - 14.06.2020

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Wenn es einen Vorwurf gegenüber der Kirche gibt, der praktisch immer verfängt, dann den, dass sie Kriege führte: die Kreuzzüge. Spätestens damit habe sie, so heißt es, den Boden des Evangeliums verlassen und Jesus Christus verraten, der zu Friedfertigkeit aufrief.

Zunächst einmal muss man dazu wissen: Um den Frieden zu fertigen, braucht es in manchen Fällen auch Gewalt. Die katholische Lehre vom "gerechten" oder "gerechtfertigten" Krieg kennt kollektive Selbstverteidigung und militärische Nothilfe. Das ist keine Perversion der Friedensbotschaft Christi, sondern ihre praktische Umsetzung. Die Aufforderung Jesu zum radikalen Gewaltverzicht in der Bergpredigt (vgl. Mt 5, 38-48) bezieht sich nicht auf konkrete Handlungen, sondern auf die innere Haltung des Menschen, die praeparatio cordis (Haltung des Herzens), wie Augustinus es ausdrückte. Die innere Haltung des Christen sagt ihm: Krieg ist ein Übel, auf das nur nach Ausschöpfung aller friedlichen Mittel zurückgegriffen werden darf. Die Voraussetzung eines Krieges ist immer die Verfehlung des Anderen, denn "nur die Ungerechtigkeit der Gegenpartei nötigt dem Weisen gerechte Kriege auf". Der Zweck (Frieden) heiligt dabei nicht die Mittel (Krieg), aber es gibt Zwecke, zu deren Erreichung Mittel erforderlich sind, die unerwünschte Nebenwirkungen haben und trotzdem in Kauf genommen werden müssen.

Freilich kommt es dabei auf die Art der Nebenwirkungen an. Sie dürfen den Zweck nicht konterkarieren. Das ist der Kerngedanke des bellum iustum-Topos, der damit einen typischen Anwendungsfall der Doppelwirkungsproblematik darstellt. Thomas von Aquin sollte diesen augustinischen Ansatz später weiter entfalten: Ein Krieg kann nur dann als "gerecht" angesehen werden, wenn die Wiederherstellung des Friedens (nur darum darf es gehen) unter Einsatz der "geringsten Mittel" erfolgt. Unter diesen Voraussetzungen aber ist der Krieg kein Übel an sich, sondern eine Option – auch für Christen.

Die politische Vorgeschichte

Wie war es nun damals? Im 10. Jahrhundert sahen sich die Christen im Nahen und Mittleren Osten zunehmender Verfolgung ausgesetzt. 966 kam es nach der Rückeroberung von Teilen Syriens durch die Byzantiner zu Übergriffen der Muslime auf Christen in Jerusalem. 969 drangen die Fatimiden, Berber aus Marokko, in Ägypten, Syrien und Palästina ein. Bei der Eroberung Jerusalems durch den Kalifen Ibn Moy (979) wurde die Auferstehungskirche in Brand gesetzt, ihre Kuppel stürzte ein, der Patriarch kam in den Flammen ums Leben. Unter dem Kalifen Abu Ali al-Mansur al-Hakim (996-1021) gerieten die Christen immer stärker unter Druck: Öffentliche Prozessionen wurden verboten, Christen zur Annahme des Islam gezwungen und etwa 30.000 Kirchen enteignet, viele davon geplündert und zerstört, darunter die Auferstehungskirche.

Im 11. Jahrhundert gab es eine neue Gefahr für Christen im Orient: die Seldschuken, ein Steppenvolk aus dem Gebiet des heutigen Turkmenistan. Es brach mordend, plündernd und brandschatzend über den Nahen und Mittleren Osten herein. Obwohl sie selber Muslime waren, fielen sie Anfang 1055 in Persien ein und stürzten am Ende desselben Jahres den Kalifen von Bagdad. 1056 wurden 300 Christen aus Jerusalem ausgewiesen, und europäischen Pilgern wurde es verboten, die Grabeskirche zu betreten. Als 1065 der Erzbischof von Mainz und die Bischöfe von Utrecht, Bamberg und Regensburg zu einer Pilgerreise ins Heilige Land aufbrachen, war dies nur noch in bewaffneter Begleitung möglich. Die Pilgerwege waren nicht mehr sicher, Übergriffe auf friedliche Wallfahrer an der Tagesordnung. 1071 schlugen die Seldschuken Byzanz und nahmen Kaiser Romanus IV. gefangen. 1076 eroberten sie Syrien, 1077 Jerusalem. Die weiter zunehmenden Überfälle auf den Pilgerrouten und die Aggressionen gegen die Pilger auf dem Weg nach Jerusalem und in Jerusalem selbst waren ein offener Bruch früher protovölkerrechtlicher Abkommen zum Schutz der christlichen Pilger, wie sie bereits Karl der Große im 9. Jahrhundert mit Harun Al Raschid, dem damaligen Kalifen von Bagdad, ausgehandelt hatte. Das ist die Lage am Vorabend der Kreuzzüge, das sind die Rahmenbedingungen, unter denen sie begannen: über ein Jahrhundert Terror gegen Christen im Orient.

Im 10. Jahrhundert wurde viele christliche Stätten im Heiligen Land zerstört und geplündert, darunter auch die Grabes- oder Auferstehungskirche in Jerusalem.

Die sich daran anschließenden Kreuzzüge umspannen einen Zeitraum von über zwei Jahrhunderten, betreffen unterschiedlichste Kriege und Auseinandersetzungen zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert und sind – gerade im angelsächsischen Raum – immer noch Gegenstand kontroverser wissenschaftlicher Forschung. Die Kreuzzüge begannen – so wird häufig gesagt – mit der berühmt-berüchtigten "Deus lo vut"-Rede Papst Urbans II. auf der Synode von Clermont (1095). Was dabei oft zu sagen vergessen wird: Die Rede Urbans war eine Reaktion auf diese Lage und den Hilferuf aus Byzanz: Kaiser Alexios I. hatte den "Westen" (und damit letztlich den Papst in Rom) um Unterstützung im Kampf gegen die Seldschuken gebeten. In seiner Rede nimmt Papst Urban II. darauf Bezug und schildert die Situation: Ein "Volk im Perserreich" (die Seldschuken) habe "die Länder der dortigen Christen überfallen, durch Mord, Raub und Brand verwüstet, die Gefangenen verschleppt oder abgeschlachtet, die Kirchen Gottes entweder völlig  zerstört oder für seinen Kult beschlagnahmt". Auf diese Lage gibt es – auch nach heutiger Auffassung der "Responsibility to Protect"-Doktrin – nur eine Antwort: militärische Nothilfe. Papst Urban II. rief also nicht willkürlich zu einem Kreuzzug auf, etwa um die Muslime zu missionieren oder deren Gebiete zu erobern, sondern forderte als einen Akt der Hilfeleistung das, was wir heute eine "humanitäre Intervention" nennen.

Gegen die Kreuzzüge kann man – entlang der Lehre vom "gerechten Krieg" – kritisch anführen, dass sie von Gewaltexzessen und militärisch unnötigen Maßnahmen (Pogrome gegen Juden) begleitet waren – ein Verstoß gegen das Proportionalitätsgebot. Zudem waren sie zunehmend von wirtschaftlichen und politischen Interessen begleitet, die nichts mit der ursprünglichen Idee einer Nothilfeleistung zu tun hatten – ein Verstoß gegen die Bedingung, dass nicht nur zu Beginn eine rechtmäßige Intention vorliegen muss, sondern alle Kriegshandlungen daran gemessen werden müssen. Wir stellen fest: Auch damals schon gab es "mixed interests", wie wir sie auch aus aktuellen Debatten um "humanitäre Interventionen" kennen (etwa im Zuge der Irak-Kriege 1991 und 2003). Entscheidend ist: Diese Auswüchse wurden kritisiert, seitens der Kirche (bis hin zum Papst). Vor allem die Eroberung und Plünderung Konstantinopels, der damals größten christlichen Stadt der Welt, durch die Kreuzfahrer im Vierten Kreuzzug (1202-1204) wurde von Vertretern der Kirche einhellig abgelehnt. Papst Innozenz III., der sich im Klaren war, dass eine Kirchenunion mit der Orthodoxie eingedenk der Ereignisse praktisch unmöglich wurde, verurteilte das Vorgehen der Kreuzfahrer aufs Schärfste. Die Judenpogrome in zahlreichen deutschen Städten während des Ersten Kreuzzugs (1096-1099) stießen auf Widerstand der Kirche. Die jeweils zuständigen Bischöfe versuchten vergeblich, die unorganisiert handelnden Kreuzritter zu zügeln. Nur in Köln fand man eine Lösung: Die Juden wurden bei befreundeten Christen versteckt. Diese Rettungsaktion wurde von der Kirche organisiert, nicht jedoch das Pogrom. Nach dem militärisch verheerenden Ausgang des Zweiten Kreuzzugs (1147-1149) mehrten sich in der Kirche die kritischen Stimmen, die sich gegen die Idee bewaffneter Verteidigungszüge wandten (Gerhoch von Reichersberg, Petrus Venerabilis, Isaak von Stella, Walter Map, Radulphus Niger). Auch "Kreuzzugsprediger" Bernhard von Clairvaux distanzierte sich. Dennoch dauerte es bis zum Ende der Kreuzzüge noch anderthalb Jahrhunderte.

Ein Mönch betet auf einem Feld einem Christus-Schrein zugewandt, während seine Mitbrüder die Ernte einholen.

Auch "Kreuzzugsprediger" Bernhard von Clairvaux (hier auf einer Glasmalerei im Kölner Dom) distanzierte sich von den Gewaltexzessen der christlichen Truppen.

Zurückblickend muss man feststellen, dass die Idee der Nothilfe nicht nur an den Exzessen scheiterte, sondern auch durch die hohen Opferzahlen konterkariert wird. Aufgrund der unklaren Quellenlage kann man nicht mit Sicherheit sagen, wie viele Menschen als Folge der Kriegshandlungen umkamen. Doch wir kennen in etwa die jeweiligen Truppenstärken bei einzelnen Schlachten. Von diesen Zahlen ausgehend sind Hochrechnungen möglich, die für die zweihundertjährige Kreuzzugsgeschichte auf insgesamt etwa 1 bis 1,5 Millionen Opfer schließen lassen. Juden, Christen, Moslems. Männer, Frauen, Kinder. Soldaten, Zivilisten – Menschen.

Die Wahrnehmung der Kriege zwischen Okzident und Orient im 11. bis 13. Jahrhundert als religiös motivierte Auseinandersetzungen, getrieben von einer durchmilitarisierten Christenheit, ist unterdessen eine Wahrnehmung der kirchenkritischen westlichen Moderne. Von den Muslimen wurden die Kreuzzüge über Jahrhunderte als "normale" kriegerische Auseinandersetzungen gesehen. Erst in der Moderne wurden die Kreuzzüge überhaupt zu einem Sinnbild für machtpolitische (nicht: "religiöse") Aggressionen des Westens (nicht: "der" Christen oder "der" Kirche); für "Kreuzzug" gab es im Arabischen nicht einmal ein zeitgenössisches Wort – al-hurub al-salibiyya ("Kreuzfahrerkriege") ist ein moderner Neologismus. Der Religionssoziologe Rodney Stark stellt klar: "Barer Unsinn ist auch die Behauptung, dass die Muslime seit praktisch einem Jahrtausend wegen der Kreuzzüge verbittert seien: Feindseligkeiten auf muslimischer Seite wegen der Kreuzzüge tauchen erst ab 1900 auf und zwar als Reaktion auf den Niedergang des Osmanischen Reiches und den Beginn eines tatsächlichen europäischen Kolonialismus im Nahen Osten."

Und die Moral von der Geschicht'?

Was bleibt? Im Zusammenhang mit den Kreuzzügen entstanden zahlreiche Ritterorden, deren Mitglieder sich neben den für Ordensgemeinschaften üblichen evangelischen Räten (Armut, Keuschheit, Gehorsam) auch auf den Waffendienst verpflichteten, um so zum Schutz, zum Geleit und zur Pflege der Pilger ins Heilige Land sowie zur Verteidigung der heiligen Stätten beitragen zu können. Die bekanntesten Ritterorden sind wohl die Malteser beziehungsweise Johanniter, die noch heute humanitäre und karitative Hilfe leisten, der Ritterorden vom Heiligen Grab und der Deutsche Orden. Soweit das Positive.

Doch das Negative überwiegt bei weitem: viele Tote, ein zunehmender Bruch mit dem christlichen Prinzip, Gewalt nur als äußerstes Mittel im Fall von Notwehr und Nothilfe anzuwenden, zerstörtes Vertrauen zwischen Christenheit und islamischer Welt, zwischen Okzident und Orient. Und zudem ein stets aktualisierbares Narrativ namens "Kreuzzug" als Kampfbegriff für Kampagnen aller Art.

Von Josef Bordat

Der Autor

Josef Bordat studierte Wirtschaftsingenieurwesen, Soziologie und Philosophie mit anschließender Promotion. Er arbeitet als freier Publizist in Berlin.