Bruno Kant ist als Kind fast ertrunken – nun ältester Mann Deutschlands

109-jähriger Pfarrer: "Herrgott, jetzt reicht es!"

Veröffentlicht am 28.11.2025 um 00:01 Uhr – Von Madeleine Spendier – Lesedauer: 

Fulda ‐ Das Beten hält ihn jung, sagt der 109-jährige Ruhestandsgeistliche aus Fulda. Drei Geschwister von Bruno Kant sind 100 Jahre und älter geworden. Dass er mal der älteste Mann Deutschlands sein würde, hätte er früher nicht gedacht. Als Kind ist er einmal fast gestorben.

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Draußen hat es Minusgrade und drinnen im Pfarrhaus in Löschenrod sitzt Bruno Kant eingewickelt in eine Wolldecke. Der 109-Jährige blättert in einem abgegriffenen Buch. "Mein Brevier", erklärt der betagte Priester. "Das ist der letzte Rest, der kostbare Rest, der mir geblieben ist". Mehrmals täglich betet der Geistliche das Vaterunser, das Gegrüßet seist du Maria und das Glaubensbekenntnis. "Durch das Beten bleibe ich jung", so der Ruhestandsgeistliche aus dem Bistum Fulda. 

Weil Pfarrer Kant nicht mehr so gut hören kann, ist er froh, wenn jemand laut mit ihm spricht. Er mag es aber nicht so gerne, wenn ihm jemand dazu gratuliert, dass er jetzt der älteste Priester Deutschlands ist. Zwei seiner sieben Geschwistern sind wie er über 100 Jahre alt geworden, berichtet seine Nichte, Beate Kant, die an diesem Tag zu Besuch bei ihm im Pfarrhaus neben der Kirche von Löschenrod ist. Die Verwandte kümmert sich liebevoll um "den Onkel", wie sie ihn nennt.  

Als Kind beim Spielen am Strand fast ertrunken

Aufgewachsen ist Bruno Kant in Zoppot, nahe Danzig im heutigen Polen. Seine Familie war wohlhabend und gebildet. Der Vater arbeitete als Schuldirektor an einem städtischen Gymnasium. "Meine Eltern und meine Geschwister waren immer gut zu mir", blickt der Pensionär zurück. Seine Nichte erinnert sich an Erzählungen aus der Familie, dass ihr Onkel einmal als Kind beim Spielen mit anderen Kindern am Meer fast ertrunken wäre. Das "Brunchen", wie er von der Familie gerufen wurde, habe damals überlebt, weil er vom Wasser zurück an den Strand gespült wurde. Als Kind war er "von seiner Gesundheit her eher kränklich". Die Ärzte damals glaubten, dass er nicht alt werden würde, erzählt seine Nichte.  

Schon mit neun Jahren wollte Bruno Kant später einmal Priester werden. Der betagte Geistliche berichtet, dass er früher jeden Tag mit dem Bus von seinem Heimatort nach Danzig in die Schule gefahren ist, um Latein und Griechisch zu lernen. Seine schulischen Leistungen seien immer gut gewesen, erinnert er sich. Noch heute kann er das Vaterunser auf Lateinisch auswendig. Er sagt es auf, doch der Schluss des Gebets fällt ihm nicht mehr ein. "Meine Demenz", entschuldigt er sich. 

Nach dem Abitur studiert er wenige Semester im ostpreußischen Priesterseminar Braunsberg in Ermland Theologie. Als Seminarist lernt er Polnisch, bevor er wegen des Krieges zum Arbeitsdienst verpflichtet wird. Später kam er als Soldat an die Front und "mitten in die Schießereien hinein". Das war schlimm für ihn, sagt Bruno Kant. Er überlebt den Krieg, verbringt vier Jahre in russischer Gefangenschaft auf der Insel Krim. Damals kehrt er "abgemagert wie ein Skelett" nach Deutschland zurück. Durch Zufall erfuhr er von einer Postbotin die neue Adresse seiner Familie, die nach Gelnhausen geflohen war. Sein Vater kehrt aus dem Krieg nicht mehr zurück. Er soll in einem Lager gefangen gewesen und dort gestorben sein. Der frühe Verlust des Vaters bedrückt Bruno Kant lange. "Ich hatte immer einen starken Glauben, aber ich habe mich schon gefragt, wie der liebe Gott so viel Unsinn, Unglück und Bosheit in der Welt zulassen kann", so der Geistliche.  

Bild: ©katholisch.de / msp

Täglich löst Bruno Kant ein Sudoku aus seinem Rätselbuch. Neben seinem Gebetsbuch, dem Brevier, liegt ein Rosenkranz.

Nach dem Krieg 1948 tritt Bruno Kant in das Priesterseminar ein und studiert Theologie in Fulda. Ein Semester ist er sogar auswärts in Freiburg. "Ich wollte Priester werden, weil ich dachte, dass ich nach all den Enttäuschungen, die ich erlebt habe, die Welt vielleicht ein bisschen verbessern kann", erklärt der 109-Jährige. Dann wird er 1950 im Fuldaer Dom zum Priester geweiht. Auf dem schwarz-weißen Foto von dem Weihegottesdienst damals erkennt er die anderen Priesterkandidaten mit Namen wieder. "Ich sah immer schon jünger als die anderen aus", stellt der betagte Seelsorger fest und lächelt ein wenig.   

Als Kaplan kommt er dann nach Blankenau, Gelnhausen und Kassel. Danach ist er viele Jahre als Pfarrer in Marbach tätig. Bruno Kant zeigt zu einem Bild an der Wand. "Das ist meine Pfarrkirche, an die denke ich immer. Die ist mir immer am Herzen." Noch heute würden ihn ehemalige Gemeindemitglieder von damals besuchen, freut sich der Priester. Eine Straße in der Kirchengemeinde dort ist sogar nach ihm benannt, erwähnt Guido Pasenow, der als Pfarrer in Eichenzell arbeitet und auch zu Besuch bei Bruno Kant ist. Regelmäßig bringt er dem betagten Seelsorger die Krankenkommunion. Der Platz vor der Kirche, neben dem Pfarrhaus, in dem Bruno Kant wohnt, trägt ebenso seinen Namen. "Und das schon zu Lebzeiten", bemerkt der 49-jährige Pasenow.  

Als Bruno Kant so jung war wie sein Amtskollege, hat damals das Zweite Vatikanische Konzil in Rom stattgefunden. "Daran war ich aber nicht beteiligt", bemerkt der 109-Jährige und lacht in die Runde. Seine Besucher lachen mit ihm. Auf die Frage, ob er denn zustimmen würde, wenn es in der katholischen Kirche eines Tages Frauen als Priesterinnen geben würde, hebt Kant seine Schultern. "Ich habe eine gute Mutter gehabt, gute Schwestern, ich habe liebevolle Menschen aus Polen, die mich umsorgen und ich habe eine Nichte, die mir treu zur Seite steht. Ich habe nichts gegen Frauen", sagt er dazu. "Ich war immer glücklich als Priester und habe es nie bereut", ergänzt Kant. 

Kant spielt Schach, Sudoku und macht täglich Turnübungen 

In der Küche ist seine Pflegerin zu hören, die das Mittagessen zubereitet. Pfarrer Kant mag polnische Speisen und er beherrscht bis heute die polnische Sprache. Das erinnert ihn alles an seine Kindheit in Polen, erklärt seine Nichte. Sie berichtet weiter, dass ihr Onkel jeden Tag mindestens ein Sudoku-Rätsel löst und gerne Schach spielt. Nur fehle ihm der passende Spielpartner, ergänzt der Pensionär selbst mit verschmitztem Lächeln. Außerdem dreht er jeden Tag mit dem Rollator seine Runden im Wohnzimmer. Und macht fleißig Turnübungen. Bruno Kant hebt zum Beweis seine Arme nach oben und unten.  

Das Autofahren hat er aber schon aufgegeben, mit 102 Jahren. Seit wenigen Jahren verzichtet er auf die regelmäßige Feier der heiligen Messe mit der Gemeinde am Mittwochabend. Kankenbesuche hat er aber so lange gemacht, wie es ihm möglich war. Jetzt geht das nicht mehr. 

"Im Februar wirst du 110 Jahre alt", sagt ihm seine Nichte ins Ohr. "Das schaffen wir auch noch", ist sie überzeugt. Ihr Onkel winkt ab. "Wenn mich der Herrgott jetzt zu sich holen würde, dann wäre es ein Geschenk", erwidert er. Im Wohnzimmer wird es still. "Ich habe immer an den Herrgott geglaubt, weil mir das Sinn und Hoffnung gegeben hat", so der 109-Jährige. Ohne Glauben wäre alles sinnlos, ergänzt er. "Ich habe es mir nicht ausgesucht oder darum gebeten, dass ich so alt werde. Ich habe nur gedacht, dass ich es einigermaßen gut mache", meint der betagte Priester. Auch wenn der Herrgott ihm manche schwierigen Situationen zugemutet habe, vor allem in der Gefangenschaft, "verdanke ich ihm alles, auch dass ich noch da bin." Drei Mal sagt Bruno Kant dann Danke. "Vergelt´s Gott, dass ich so ein langes Leben habe", nickt er und ergänzt: "Weil es sich lohnt, zu leben."

Wenn er dem Herrgott etwas sagen könnte, dann das: "Jetzt ist es genug", so der Geistliche. "Ich rechne jeden Tag damit, dass ich sterbe. Ich bin nicht mehr weit davon entfernt", schließt er. Seine Pflegerin kommt zu ihm, rückt seine Decke zurecht und streichelt ihm über die Wange. Seine Nichte umarmt ihn, bevor sie geht. Bruno Kant greift zu seinem Sudoku-Buch und nimmt den Stift in die Hand.  

Von Madeleine Spendier