Der romanische Dom St. Petrus in Osnabrück.
Serie: Unsere Bistümer

Bistum Osnabrück: Geprägt von Konflikt und Dialog der Konfessionen

Schon die Missionare Karls des Großen nahmen die Region in den Blick. Seitdem hat sich im Bistum Osnabrück ein lebendiges Glaubensleben entwickelt. Hier verhandelte man 1648 auch über das Ende des Dreißigjährigen Kriegs – mit einer kuriosen Folge für die norddeutsche Diözese.

Von Roland Müller |  Bonn/Osnabrück - 30.11.2019

Wenn sich das Bistum Osnabrück auf Wallfahrt begibt, wird dafür eigens eine Bundesstraße gesperrt. Kein Wunder, denn die Osnabrücker Wallfahrt ins münsterländische Telgte am zweiten Wochenende nach dem Hochfest Peter und Paul versammelt jedes Jahr tausende Pilger. Zum 150. Jubiläum der Wallfahrt nahmen 2002 sogar mehr als 11.000 Gläubige teil. Ziel der größten Fußwallfahrt im deutschsprachigen Raum ist ein seit etwa 650 Jahren verehrtes Marienbild. Die Statue der Schmerzhaften Mutter macht Telgte – gemeinsam mit Kevelaer – zum bedeutendsten Wallfahrtsort des Bistums Münster, auf dessen Gebiet die westfälische Kleinstadt liegt.

Für viele Osnabrücker Katholiken gehört die Pilgerfahrt nach Telgte ganz selbstverständlich zu ihrem Glaubensleben dazu, trotz des herausfordernden Programms. Der Samstag des Wallfahrtswochenendes beginnt bereits um 1.30 Uhr mit einer Pilgermesse im Osnabrücker Dom. Nach etwas mehr als 40 Kilometern Wanderung erreichen die Wallfahrer das Marienbildnis am späten Nachmittag. Viele Pilger gehen früh ins Bett, denn am Sonntag begeben sie sich nach einem Wallfahrtsgottesdienst um 4.30 Uhr in aller Frühe wieder zurück nach Osnabrück – natürlich ebenfalls zu Fuß.

Diese "Prozession der Superlative", wie die Osnabrücker Wallfahrt in den Medien betitelt wurde, geht auf das Jahr 1852 zurück. Damals baten einige Osnabrücker Bürger ihren Bischof um die Erlaubnis, sich auf den Weg zur Muttergottes nach Telgte machen zu dürfen. Der Oberhirte stimmte freudig zu, gebot ihnen jedoch, keinen Branntwein und andere alkoholische Getränke zu sich zu nehmen. Seitdem findet die Osnabrücker Wallfahrt jährlich statt, lediglich während des Kulturkampfes im 19. Jahrhundert, des Ersten Weltkriegs und der Zeit des Nationalsozialismus ab 1938 musste sie ausfallen. Das Verbot zur Wallfahrt hinderte die Osnabrücker jedoch nicht daran, heimlich in kleinen Gruppen, die sich als "Wanderer" tarnten, nach Telgte zu pilgern.

Das aus Lindenholz geschnitzte Gnadenbild der Gottesmutter Maria mit dem Leichnam Jesu in der Gnadenkapelle von Telgte.
Bild: © KNA-Bild

Das aus Lindenholz geschnitzte Gnadenbild der Gottesmutter Maria mit dem Leichnam Jesu in der Gnadenkapelle von Telgte. Der Wallfahrtsort Telgte an der Ems im Münsterland ist der bedeutenste Wallfahrtsort im Bistum Münster. Die jährliche Wallfahrt von Osnabrück nach Telgte, an der etwa 10.000 Gläubige teilnehmen, ist die zweitgrößte Wallfahrt Deutschlands.

Ebenso wie die Telgter Wallfahrt gehört auch der Stolz auf die Gründung des Bistums durch Karl den Großen zur Identität der Osnabrücker Katholiken. Zwischen 780 und 800 soll der Frankenkönig und spätere Kaiser Osnabrück als Missionsstandort gegründet haben. Das Gebiet, das der heilige Wiho als erster Bischof der Diözese leitete, umfasste die Ländereien zwischen den Flüssen Ems und Hunte und unterstand dem Erzbistum Köln. 1100 zerstörte ein Brand große Teile der Stadt Osnabrück, so auch den Dom. Die damals im spätromanischen Stil wiedererrichtete Kathedrale erinnert heutige Betrachter mit ihren dicken Mauern und niedrigen Fenstern wohl eher an eine Burg als an eine Kirche.

Im 14. Jahrhundert wurden die Osnabrücker Bischöfe zu Landesherren, die politische Macht über das sogenannte Hochstift Osnabrück ausübten. Das Gebiet des Fürstbistums war mit dem der geistlichen Diözese nicht deckungsgleich, dennoch waren beide durch die Person des Bischofs untrennbar miteinander verbunden. Im Zuge der Reformation bildete sich im Bistum Osnabrück zunächst ein gemischtkonfessionelles Kirchenwesen heraus, das sich als katholisch betrachtete aber wesentliche Forderungen der Lehre Luthers übernommen hatte. 1623 wurden diese Entwicklungen durch die Gegenreformation wieder rückgängig gemacht.

Kuriose Folge des Krieges für die "Friedensstadt"

Während des Dreißigjährigen Krieges, der seine Wurzeln in konfessionellen Differenzen hatte, war Osnabrück heftig umkämpft: Die katholische Liga und die protestantische Union sowie Schweden und Dänemark besetzten die Stadt regelmäßig. Schließlich war Osnabrück als Sitz der evangelischen Unterhändler und Gesandten gemeinsam mit Münster das Zentrum der Verhandlungen zum Westfälischen Frieden, der dem drei Jahrzehnte dauernden Religionskrieg ein Ende bereitete. Noch heute rühmt sich Osnabrück deshalb, eine "Friedensstadt" zu sein.

Für das Bistum Osnabrück hatte der Westfälische Frieden eine kuriose Folge: Im Friedensvertrag war bestimmt worden, dass nacheinander ein katholischer und ein evangelischer Bischof die Landesherrschaft abwechselnd innehaben würden. Die sogenannte "Immerwährende Kapitulation" legte 1650 dementsprechend fest, dass der katholische Bischof vom Domkapitel gewählt wurde und der evangelische Oberhirte aus dem Geschlecht der Herzoge von Braunschweig-Lüneburg zu stammen habe. Gab es einen evangelischen Landesherrn, fiel dem Erzbischof von Köln die geistliche Macht über die katholischen Gläubigen des Hochstifts zu. Hintergrund dieser Regelung war, dass die einzelnen Kirchspiele auf dem Gebiet des Bistums wählen konnten, welcher Konfession sie angehören wollten. Vereinzelt gab es auch Gemeinden, die sowohl von Katholiken als auch Protestanten genutzt wurden.

Der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode

Der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode leitet das Bistum seit 1995.

1930 wurde das Gebiet des Bistums um ein Vielfaches seiner Größe erweitert, denn die vornehmlich protestantisch geprägten Gebiete des "Apostolischen Vikariats des Nordens" wurden Osnabrück eingegliedert. Nach der deutschen Wiedervereinigung entstand 1995 aus den norddeutschen Missionsgebieten das Erzbistum Hamburg. Daher herrscht bis heute eine enge Verbindung zwischen den beiden Diözesen, die sich etwa in der Verehrung der gleichen Heiligen und Seligen zeigt. So fanden sowohl in Hamburg als auch in Osnabrück die seligen Lübecker Märtyrer Aufnahme in den jeweiligen Diözesankalender mit den entsprechenden Eigenfesten.

Heute ist das Bistum Osnabrück mit mehr als einer halben Million Gläubigen eine Diözese, in der es zum einen Gebiete gibt, in der noch ein lebendiger Volkskatholizismus zu finden ist, etwa im Emsland oder in der Region um Twistringen südlich von Bremen. Zum anderen ist es aber auch ein Diasporabistum mit stark protestantisch geprägten Landstrichen, wie Ostfriesland. Die Diözese vereint landschaftlich sehr unterschiedliche Gebiete: Es reicht von der Nordesseküste mit einigen Inseln über die Großstadt Bremen bis zum Osnabrücker Land, in dem sich die nördlichen Ausläufer der Mittelgebirge finden.

Der Mann, der das Bistum Osnabrück in seiner Unterschiedlichkeit zusammenhält, ist Bischof Franz-Josef Bode. Der Osnabrücker Oberhirte machte bundesweit Schlagzeilen als er nach Bekanntwerden des kirchlichen Missbrauchsskandals 2010 einen Bußgottesdienst feierte, in dem er stellvertretend um Entschuldigung für die Missbrauchsfälle in seinem Bistum gebeten hatte. Im Dezember vergangenen Jahres räumte Bode zudem ein, selbst Fehler im Umgang mit Missbrauchstätern gemacht zu haben. Gleichzeitig versicherte der stellvertretende Vorsitzende Deutschen Bischofskonferenz jedoch, Missbrauch weiterhin konsequent bekämpfen zu wollen – eine bleibende Aufgabe auch im Bistum Osnabrück.

Von Roland Müller