Abt Johannes Eckert OSB über das Fest der Geburt Christi in der Pandemie

Auch in der Corona-Zeit "ver-heutigt" sich die Weihnachtsbotschaft

Aktualisiert am 21.12.2020  –  Lesedauer: 

München ‐ Kann man angesichts der Pandemie überhaupt gebührend Weihnachten feiern? Die aktuelle Lage könne sogar zu einer Vertiefung der Botschaft des Fests führen, schreibt der Benediktinerabt Johannes Eckert. Denn wie vor über 2.000 Jahren gelte auch im Corona-Jahr: Uns ist "heute" der Retter geboren.

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Corona-Pandemie ist das Wort des Jahres 2020. Diese Entscheidung der Gesellschaft für deutsche Sprache kam wenig überraschend, war und ist doch Corona das alles bestimmende Thema des sich neigenden Jahres. Der Klimaschutz mit "Fridays for Future", die anhaltende Flüchtlingskrise, die instabiler gewordene weltpolitische Lage und vieles andere mehr sind in den Hintergrund getreten. Die Corona-Pandemie bestimmt alle Lebensbereiche im Großen wie im Kleinen, in politischen, wirtschaftlichen und persönlichen Belangen – und das sogar global. Und sie wird es wahrscheinlich auch im kommenden Jahr tun; ganz zu schweigen von den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Folgen, die uns noch viel länger beschäftigen werden. Alles scheint bedroht zu sein, alles muss sich dem Diktat der Pandemie stellen, sämtliche Lebensbereiche haben sich verändert, sind in Bewegung gekommen. Infektionszahlen und Inzidenzwerte bestimmen unser Leben. Das hautnahe Erleben von schwerem Leiden und Tod machen traurig, hilflos und ängstlich.

Ausgehend von dieser bedrohlichen Situation gehen wir auf Weihnachten zu und stellen uns die Frage: Wie wird es möglich sein, dieses wichtige Fest zu feiern? Ich glaube, dass die gegenwärtige Situation sogar zur Vertiefung führen kann, weil sich die Botschaft von Weihnachten immer wieder neu in unserem Leben "ver-heutigt". Wie bei keinem anderen der vier Evangelisten ist das eines der großen Anliegen des Evangelisten Lukas: Die frohe Botschaft ereignet sich heute. Lukas schreibt sein Evangelium etwa 60 Jahre nach dem Tod Jesu für eine verunsicherte Gemeinde, in der wir uns wiederfinden können. Das Römische Reich mit seinen Repressalien ist allgegenwärtig und bestimmt das alltägliche Leben. Innerhalb der jungen Christengemeinde kommt es zu Spannungen, welcher Weg zwischen Anpassung an die Umwelt und Bewahrung der eigenen Identität in die Zukunft führt. Die baldige Wiederkunft Christi lässt auf sich warten, so dass sich Enttäuschung und Schwermut breit machen. War die Botschaft des Jesus von Nazareth nur eine schöne Geschichte, nur ein erbauliches Märchen?

Der Auferstandene ist mitten in seiner Gemeinde lebendig

Der Evangelist Lukas stellt sich dagegen. Für ihn hat das Evangelium nichts an Aktualität verloren. Vielmehr ist er überzeugt, dass der Auferstandene mitten in seiner Gemeinde lebendig ist, dass sich seine Frohe Botschaft im Leben der Christen seiner Zeit "ver-heutigen" will in all den konkreten Herausforderungen, mit denen sie sich konfrontiert sehen. Um das zu unterstreichen, setzt Lukas an prominenten Stellen seines Evangeliums das Wörtchen "heute" ein. Die Botschaft des Jesus von Nazareth ist weder von gestern noch von morgen. Sie ist von heute.

Diese Überzeugung bestimmt auch das Weihnachtsevangelium des Lukas, das uns von Kindesbeinen an vertraut ist. Feierlich beginnt es mit Kaiser August, dem Imperator des Römischen Reiches, unter dessen Herrschaft eine Volkszählung durchgeführt wird. Dazu müssen sich alle Bewohner des gesamten Reiches in Bewegung setzen. Ein starkes Bild für den Machtanspruch Roms. Auch Josef und Maria entziehen sich nicht diesem Befehl, sondern machen sich auf dem Weg, so dass ihr Kind nicht in Nazareth, sondern in Betlehem zur Welt kommt. Übrigens unter ganz normalen Umständen: Nüchtern wird die Geburt beschrieben. Auch die Feststellung, dass in der Herberge kein Platz war, so dass das Kind in eine Krippe gelegt wird, stellt keine Wertung dar. Kein unbarmherziger Wirt tritt auf, wie wir die Szene aus unzähligen Krippenspielen kennen. Vielmehr ist es Lukas wichtig: Die Geschichte Gottes mit uns Menschen ist hineingewoben in die Geschichte der Menschheit.

Johannes Eckert im Porträt
Bild: ©Barbara Just/KNA

"Die Botschaft des Jesus von Nazareth ist weder von gestern noch von morgen. Sie ist von heute", betont Abt Johannes Eckert.

Aber nicht in den Machtzentren geschieht das Entscheidende, weder in Rom noch in Jerusalem, sondern am Rand in Betlehem, im Leben scheinbar ganz gewöhnlicher Menschen. Genauer betrachtet müssen wir sogar feststellen: Am Rand von Betlehem, auf den Feldern vor der Stadt geschieht das Entscheidende, bricht Gott in die Wirklichkeit von uns Menschen ein, wird das Geheimnis dieses neugeborenen Kindes enthüllt. Dafür steht der Engel, der Bote Gottes, der den Hirten verkündet: "Fürchtet euch nicht, denn siehe, ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zu teil werden soll: Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren, es ist der Christus, der Herr!" Weder der Imperator in Rom mit seiner Volkszählung, noch die Corona-Pandemie mit ihren Inzidenzzahlen, die alles in Bewegung setzen und verändern, stehen heute in der Mitte, sondern ein Kind in Windeln gewickelt, das in einer Futterkrippe liegt.

Das verkündet Lukas den Christen seiner Zeit, das verkündet der Evangelist uns heute. Das ist die frohe Botschaft, die er "ver-heutigt": Auch wenn euch die gegenwärtige Situation bedrängt, ängstigt und Sorgen bereitet, sie ist nicht die Mitte eures Lebens. Wir schöpfen Hoffnung aus einer anderen Botschaft. Im Menschen Jesus von Nazareth kniet sich Gott hinein in unser Leben, um uns zu retten, das heißt um uns in allen lebensbedrohlichen Situationen zuzusagen: "Mensch, weil ich dich als mein Abbild liebe, werde ich selbst Mensch, um dir auf Augenhöhe zu begegnen. Weil ich dich liebe, will ich mit dir durchs Leben gehen bis hinein in den Tod. Aber auch in dieser letzten Angst und Not lasse ich dich nicht allein, sondern will dein Leben. Ich rette dich und richte dich auf!"

Bestimmen, aber nicht beherrschen

Was das bedeutet, unterstreicht Lukas nochmals in seiner Passionsdarstellung. Jesus wird auf den Befehl des römischen Statthalters mit zwei Verbrechen hingerichtet. Im Unterschied zu Markus und Matthäus, in deren Leidensgeschichte beide Mitgekreuzigten Jesus verspotten, ist bei Lukas einer von den beiden einsichtig. Er gesteht angesichts seines Todes seine Schuld und äußert an Jesus gewandt die Bitte: "Jesus, denk an mich, wenn Du in Dein Reich kommst!" Und Jesus versichert ihm neues Leben mit den Worten: "Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein!" Was für eine Lebensperspektive angesichts des Todes. Das ist am Kreuz die Erfüllung des Engelsworts, die Neuschöpfung des Menschen im Heute.

Corona wird uns nach wie vor bestimmen, aber nicht beherrschen, wenn wir diese frohe Botschaft "ver-heutigen". Der Blick auf das Kind in der Krippe und die Antwort dessen, der gekreuzigt neben mir hängt, gibt neue Lebensperspektiven. Die Hirten verlassen die Krippe und erzählen weiter, was sie erlebt haben. So werden sie zu Engeln – zu Gottes Boten in dieser Welt. Und wie ist es mit ihnen weitergegangen? Die römische Staatsmacht wird weiterhin ihr Alltagsleben bestimmt haben und sie sicherlich zu manchem gezwungen haben, was sie nicht wollten. Vielleicht musste mancher von ihnen auch sein Leben lassen, wie es die beiden Verbrecher erfahren haben. Aber im Innersten bewegt hat sie ein anderes Ereignis. Der Blick auf das Kind in der Krippe gibt tragende Lebensperspektiven: Mir und uns ist heute im Corona-Jahr 2020 der Retter geboren, ER ist der Messias, der Herr. Daher können wir als Engel und Hirten einander wünschen: Fürchtet Euch nicht! Und: Frohe Weihnachten!

Von Abt Johannes Eckert OSB

Der Autor

Johannes Eckert ist Abt der Benediktinerabtei Sankt Bonifaz in München und Andechs.