Würzburger Theologe mit Ideen zu Weihnachten in der Pandemie

Stuflesser: "Fünf Christmetten hintereinander wären eine Schnapsidee"

Aktualisiert am 07.12.2020  –  Lesedauer: 

Würzburg ‐ Weihnachten als helles Licht am Ende des langen Corona-Tunnels? Davon hält Liturgiewissenschaftler Martin Stuflesser genauso wenig wie davon, die Anzahl der Christmetten enorm zu erhöhen. Er hat andere Ideen – und ist der festen Überzeugung: Weihnachten kann man auch unter Corona-Bedingungen feiern.

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Der Liturgiewissenschaftler Martin Stuflesser hat zusammen mit dem Kommunikationsexperten Erik Flügge in mehreren deutschen Bistümern Ideenwerkstätten zu Weihnachten in Corona-Zeiten veranstaltet. Im Interview spricht der Würzburger Professor über die Bedeutung des zweithöchsten christlichen Festes in der Debatte um Corona-Maßnahmen und darüber, wie Weihnachten in Zeiten der Pandemie mit neuen Angeboten der Kirchen gefeiert werden kann.

Frage: Herr Professor Stuflesser, alle reden gerade über Weihnachten in Corona-Zeiten. Wie geht es Ihnen damit?

Stuflesser: Mir fällt schon die Sprache auf, etwa die der Kanzlerin. Wie oft spricht Angela Merkel von der dunklen Zeit, durch die wir gehen müssen. Und am Ende ist dann das helle Licht Weihnachten, quasi als Geschenk. Ich finde es riskant, wie gerade Weihnachten zur Bekämpfung der Pandemie instrumentalisiert wird. Nach dem Motto: Wenn Ihr nicht brav seid, dann kommen wir mit der Rute und nehmen Euch Weihnachten. Wobei hier vor allem auf Weihnachten als Familienfest abgehoben wird, bei dem man viel reist, um seine Verwandten zu besuchen.

Frage: Aber spiegelt sich da nicht auch die Bedeutung von Weihnachten für die Gesellschaft wider?

Stuflesser: Ich finde es ziemlich cool, dass jetzt so über Weihnachten geredet wird. Es geht darum, es richtig zu machen – ganz im Gegensatz zu Ostern, wo viele Dinge falsch gelaufen sind. Und dieser Wunsch eint Politik und Kirchen. Die Bundesregierung reagiert – etwa im Gegensatz zu Österreich – deutlich maßvoller, wenn es um die Gottesdienstfrage geht. Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn die Menschen an Weihnachten an geschlossenen Kirchentüren rütteln müssten.

Frage: Aber das kann ja durchaus passieren, denn es dürfen aus Infektionsschutzgründen nicht so viele Menschen rein.

Stuflesser: Das stimmt. Ein wenig ist die Sorge da, dass dann eben nur die lange vorher angemeldeten Besucher zur Christmette rein dürfen, alle anderen aber draußen bleiben müssen, etwa die sogenannten Weihnachtschristen, die eben einmal im Jahr in den Gottesdienst kommen. Die könnten wir dann auch noch verlieren.

Bild: ©Privat (Archivbild)

Martin Stuflesser.

Frage: Also müssen die Gemeinden eben fünf statt bisher eine Christmette anbieten – der Nachfrage entsprechend?

Stuflesser: Fünf Christmetten hintereinander wären eine Schnapsidee, denn das ist ja nicht zu leisten. Abgesehen davon ist ja gerade wegen der Aerosole der Gesang schwierig. Doch "Stille Nacht" und "Oh Du Fröhliche" machen ja gerade die Feiern an Weihnachten aus. Mein Rat ist daher: Weihnachten fällt nicht aus, aber es muss liturgisch vielfältiger werden.

Frage: Was schlagen Sie konkret vor?

Stuflesser: Ich kann mir kurze, 20-minütige Feiern vorstellen – draußen auf dem Kirchplatz, dem Schulhof oder dem Marktplatz. Dort ist genügend Abstand möglich. In der kurzen, schlichten Feier braucht es dann die Weihnachtsgeschichte und eine kurze Auslegung. Fürbitten gehören auch dazu, für all jene, die allein sind, vielleicht sogar mit Corona im Krankenhaus liegen, für die Pfleger und Ärzte. Den Menschen würde ich dann drei Kerzen mit nach Hause geben, eine für sich und die zwei anderen, um sie vor die Türen der Nachbarn zu stellen. Und natürlich: "Stille Nacht" oder "Oh Du Fröhliche". Für solche Angebote braucht es nicht einmal einen Pfarrer, das kann jeder getaufte Christ.

Frage: Glauben Sie, dass so eine abgespeckte Feier angenommen wird?

Stuflesser: Das ist nicht die Frage. Kirche hat hier im positiven Sinne Dienstleister zu sein. Und sie ist in der Öffentlichkeit präsent.

Frage: Das heißt, Corona ist hier sogar eine Chance?

Stuflesser: Ich tue mich schwer, wenn es gleich missionarisch ausgeschlachtet wird, nach dem Motto: Wir als Kirche bringen der Gesellschaft das eigentliche Weihnachtsfest bei. Es ist ein Angebot von vielen. Kirche muss in der Situation kreativ sein. Denkbar sind auch Hausgottesdienste. Und damit ist nicht nur Familie gemeint. Meine Mutter ist alleinstehend, ihre evangelische Nachbarin auch. Was spricht dagegen, dass die beiden zusammen einen Glühwein trinken und die Weihnachtsgeschichte lesen?

Frage: Es kann sein, dass die Corona-Zahlen auch kurz vor Weihnachten nicht gesunken sein und die Maßnahmen weiter verschärft werden. Was ist, wenn öffentliche Veranstaltungen an Weihnachten gänzlich unmöglich sind?

Stuflesser: Ich glaube nicht, dass es soweit kommen wird. Selbst in den schlimmsten Zeiten der Spanischen Grippe vor 100 Jahren waren Gottesdienste im Freien möglich. Und, wenn wirklich nicht: Ich erlebe im Moment in den Kirchen so viel wunderbar kreatives Potenzial, so viele kluge Ideen, wie man Weihnachten 2020 auch unter Corona-Bedingungen feiern kann, dass mir da nicht bange ist. Auch hier gilt die Botschaft von Weihnachten: Fürchtet Euch nicht!

Von Christian Wölfel (KNA)