Bistum Regensburg: Brücke nach Osten mit musikalischen Botschaftern
Serie: Unsere Bistümer

Bistum Regensburg: Brücke nach Osten mit musikalischen Botschaftern

Seit seinen Anfängen hat das Bistum Regensburg eine besondere Verbindung nach Osten, genauer gesagt nach Böhmen. Das spiegelt sich bis heute in seinem Selbstverständnis wider. Aushängeschild der bayerischen Diözese ist ein Knabenchor, dessen Ruhm ihn in die bedeutendsten Konzertsäle der Welt führt.

Von Matthias Altmann |  Bonn/Regensburg - 28.12.2019

Das Motto passte wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge: "Mit Christus Brücken bauen" war das Leitwort des Katholikentags 2014 in Regensburg. Nicht nur, dass eines der Wahrzeichen der am nördlichsten Punkt des Donaulaufs liegenden Bischofsstadt die weltberühmte "Steinerne Brücke" aus dem 12. Jahrhundert ist: Seit seinen Anfängen ist das Bistum Regensburg gewissermaßen eine Brücke nach Osten, genauer gesagt nach Böhmen. Das spiegelt sich bis heute im Selbstverständnis der ostbayerischen Diözese, ihrer Leitung sowie ihrer Gläubigen wider – besonders derer, die an der Grenze zu Tschechien leben.

Die Wurzeln der heutigen Stadt Regensburg liegen im römischen Militärlager "Castra Regina", das 179 unter Kaiser Marcus Aurelius gegründet wurde. Wie in den meisten Römerstädten waren es auch hier Soldaten, die den christlichen Glauben aus dem Süden des Imperiums mitbrachten. Das älteste Zeugnis des Christentums in der Diözese Regensburg ist ein Grabstein, der um das Jahr 400 zum Gedenken an eine gewisse Sarmannina errichtet wurde. Ein spätantiker Bischofssitz in Regensburg ist dagegen nicht nachweisbar.

Die Basilika St. Emmeram befindet sich in der Altstadt von Regensburg. Die einst zugehörige Abtei wurde Anfang des 19. Jahrhunderts im Zuge der Säkularisation aufgelöst.

Um die Mitte des 6. Jahrhunderts entwickelte sich ein bairisches Stammesherzogtum unter der Führung der Agilolfinger, die Regensburg zu einem wichtigen Zentrum ihrer Macht ausbauten. Weil die Adelsfamilie sich bereits zum Christentum bekannte, war ihr daran gelegen, dem Land eine feste kirchliche Struktur zu geben. So holte sie Wanderbischöfe an ihre Residenz nach Regensburg – im 7. Jahrhundert beispielsweise den heiligen Emmeram. Kanonisch errichtet wurde das Bistum Regensburg schließlich 739 durch den heiligen Bonifatius, der im Auftrag von Papst Gregor III. eine kirchliche Struktur in Süddeutschland etablierte und neben Regensburg auch die Diözesen Salzburg, Freising und Passau gründete. Bonifatius weihte Gaubald, Abt des kurz zuvor gegründeten Benediktinerklosters Sankt Emmeram, zum ersten Bischof von Regensburg. Diese Personalunion wurde nach Gaubalds Tod fortgeführt: Über 200 Jahre lang waren die Regensburger Bischöfe gleichzeitig auch die Äbte von Sankt Emmeram. Das Kloster war über dem Grab des einstigen Wanderbischofs Emmeram errichtet worden und entwickelte sich zum Ausgangspunkt der Mission der östlich von Regensburg liegenden Territorien bis nach Böhmen.

972 wurde der Missionar Wolfgang zum Bischof von Regensburg geweiht. Der heutige Hauptpatron des Bistums und Namensgeber der seit einigen Jahrzehnten begangenen "Wolfgangswoche" wurde Mitte des 11. Jahrhunderts heiliggesprochen. Doch zuvor legte er die Grundlagen für die Entwicklung der Diözese in den kommenden Jahrhunderten. 973 stimmte er der Abtrennung Böhmens vom Regensburger Sprengel zu, wodurch es zur Gründung des Bistums Prag kam. Eine weitere Grundsatzentscheidung folgte ein Jahr später: Die Trennung der Regensburger Bischofswürde vom Amt des Abtes von Sankt Emmeram. Wolfgang verzichtete auf letzteres, da er beides nicht miteinander vermischt sehen wollte.

Die "Domspatzen" als Aushängeschild

Doch sollte Wolfgang die Diözese auch in einem anderen Bereich nachhaltig beeinflussen. 975 gründete er eine Domschule zur Ausbildung von Knaben für den Sängerdienst im Dom. Heute ist der daraus erwachsene Chor weltberühmt: die Regensburger Domspatzen. Der Knabenchor ist das musikalische Aushängeschild der Diözese und ihr Botschafter auf dem ganzen Globus. Neben zahlreichen Auftritten in den bedeutendsten Konzertsälen der Welt ist die vornehmlichste Aufgabe des Chors der Gesang in der Liturgie an Sonn- und Feiertagen in der Regensburger Kathedrale. Doch über den glänzenden Knabenchor legte sich ein dunkler Schatten: 2010 berichteten mehrere ehemalige Domspatzen-Schüler von sexuellen Übergriffen und körperichen Misshandlungen in den 1950er und 1960er Jahren. Bis heute beschäftigt die Diözese die Aufarbeitung der Geschehnisse.

Seine große Blütezeit erlebte das Bistum am Beginn des Spätmittelalters. Von 1260 bis 1262 war der große Kirchenlehrer Albertus Magnus Bischof. Sein Nachfolger, Leo Thundorfer (1262-1277), begann schließlich mit dem Bauwerk, das bis heute Regensburgs "Skyline" unverwechselbar macht: der gotische Dom. Als Vorbild für das Gotteshaus, das eine romanische Vorgängerkirche ersetzen sollte, dienten die französischen Kathedralen der damaligen Epoche. Doch ein beispielloser wirtschaftlicher Niedergang der Stadt, politische Auseinandersetzungen mit bayerischen Herrschern und die Reformation, der sich Regensburg im 16. Jahrhundert anschloss, sorgten dafür, dass es über 400 Jahre dauerte, bis 1697 endlich die Arbeiten im Inneren der Kirche abgeschlossen werden konnten. Bis zur kompletten Vollendung der Kathedrale dauerte es sogar noch weitere 200 Jahre: Von 1859 bis 1879 wurden die Domtürme und der Querhausgiebel fertiggestellt.

Ein Chor steht in einem Halbrund in einer Kirche

Die Hauptaufgabe Regensburger Domspatzen: die musikalische Umrahmung der Domliturgie.

Bis zur Säkularisation war das Bistum Regensburg Teil der Kirchenprovinz Salzburg. 1803 im Zuge des Reichsdeputationshauptschluss zum Erzbistum erhoben, verlor Regensburg durch das Bayerische Konkordat von 1817 diese Würde wieder und wurde als Suffraganbistum der Erzdiözese München und Freising unterstellt. Von 1829 bis 1832 saß Johann Michael von Sailer auf dem Bischofsstuhl. Er hatte zuvor an mehreren Universitäten als Theologieprofessor gelehrt und zählt zu den Pionieren der Pastoraltheologie. Sein Nachfolger sollte Georg Michael Wittmann werden, zuvor Regens des Priesterseminars, Dompfarrer, Generalvikar und Weihbischof in Regensburg. Er galt als engagierter Seelsorger und war unter anderem an der Übersetzung und Herausgabe einer Volksbibel beteiligt. Doch der Zeit seines Lebens kränkliche Wittmann starb bereits 1833 – noch vor dem Eintreffen der päpstlichen Bestätigung der Bischofsernennung. 1956 wurde sein Seligsprechungsverfahren eingeleitet, 2019 sprach ihm Papst Pranziskus den sogenannten heroischen Tugendgrad zu –  ein wichtiger Schritt im Kanonisierungsprozess.

Eine weitere schillernde Bistumsgestalt des 19. Jahrhunderts war Ignatius von Senestrey (1858-1906). Er führte das Bistum fast ein halbes Jahrhundert und prägte es wie kein anderer Bischof der Neuzeit. Bereits seine Ernennung zum Bischof löste öffentliche Proteste aus. Die liberale Presse stempelte Senestrey als "Jesuitenzögling" ab, während ihn die katholisch-konservativen Zeitungen beinahe als Apostaten bezeichnteten. Auch das Domkapitel war dem neuen Bischof gegenüber äußerst reserviert: Weder für seine Ankunft nich für seine Bischofsweihe hatte es Vorbereitungen getroffen. Die Grundsätze von Senestreys Amtszeit lauteten Glaube und Gehorsam gegenüber der kirchlichen Hierarchie. So zeichnete er sich durch eine dezidierte Romorientierung aus, die sich besonders auf dem Ersten Vatikanischen Konzil verdeutlichte: Dort befürwortete er – anders als zahlreiche andere deutsche Oberhirten – strikt das Dogma der päpstlichen Unfehlbarkeit.

Eines der "katholischsten" Bistümer Deutschlands

Die Reihe bedeutender Regensburger Oberhirten wurde auch im 20. und 21. Jahrhundert fortgesetzt. Michael Buchberger (1928-1961) gab die erste Auflage des Lexikons für Theologie und Kirche (LThK) heraus. Die Enzyklopädie entwickelte sich zum Standardwerk für die kirchliche Praxis und Lehre –  das LThK ist meist die erste "Adresse" für Theologiestudenten, die etwas nachschlagen wollen. Umstritten ist jedoch Buchbergers Haltung zur NS-Ideologie: In vielen seiner Schriften und Reden griff er antijüdische Stereotype auf. 2002 wurde der ehemalige Münchner Dogmatikprofessor Gerhard Ludwig Müller Bischof von Regensburg. Seine Amtszeit wurde von einigen Misstönen begleitet. Kritiker warfen ihm vor, das Bistum mit harter Hand zu führen. Nichtsdestotrotz wurde er 2012 von Papst Benedikt XVI. zum Präfekten der vatikanischen Glaubenskongregation ernannt. Müllers Nachfolger auf dem Bischofsstuhl wurde 2013 Rudolf Voderholzer, der im deutschen Episkopat als Verfechter der kirchlichen Tradition gilt.

Nach wie vor ist Regensburg eines der "katholischsten" Bistümer Deutschlands. Das manifestiert sich einerseits in den konkreten Zahlen: Auf dem diözesanen Territorium leben rund 1,2 Millionen Katholiken, was einen Anteil von etwa 66 Prozent ergibt. Die relativ hohe Priesterdichte machte bislang keine allzu schmerzhaften Einschnitte in der seelsorglichen Struktur notwendig. Vor allem in den ländlichen Regionen in der Oberpfalz, in Niederbayern und im Bayerischen Wald gibt es nach wie vor ein reges kirchliches Leben. Paradebeispiel ist der Katholische Deutsche Frauenbund (KDFB) der Diözese, der seit 1910 besteht. In ihm sind über 60.000 Frauen in 452 Zweigvereinen organisiert. Er stellt damit den größten KDFB-Verband in ganz Deutschland dar.

Der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer
Bild: © KNA

Rudolf Voderholzer ist seit 2013 Bischof von Regensburg.

Auch das Wallfahrtswesen wird im Bistum nach wie vor gepflegt. Zahlreiche Gläubige pilgern jedes Jahr zu den vielen Wallfahrtskirchen im Bistum, zum Beispiel auf den Bogenberg in Niederbayern oder den Mariahilfberg in Amberg. Doch die größte Wallfahrt des Bistums Regensburg führt in die Nachbardiözese Passau, genauer gesagt nach Altötting. Bis zu 10.000 Menschen machen sich jedes Jahr am Donnerstag vor Pfingsten auf den 111 Kilometer langen Weg von Regensburg zum berühmten Gnadenbild der Schwarzen Madonna. Was im 19. Jahrhundert als Wallfahrt einer einzelnen Pfarrei begann, gehört mittlerweile zu den größten Fußwallfahrten Deutschlands.

Die Beziehungen zur tschechischen Kirche sind wegen der geografischen Lage und der historischen Verbindung seit jeher eng, doch mit dem Fall des "Eisernen Vorhangs" 1989/90 wurde diese noch intensiver. Das Bistum Regensburg unterstützte den kirchlichen Neustart in Tschechien, das neugegründete Bistum Pilsen wurde Partnerdiözese. Im Grenzgebiet gehören gemeinsame Wallfahrten und Gottesdienste von Bayern und Tschechen mittlerweile fest zum Glaubensleben. Die "Brücken", die bei diesen Begegnungen geschlagen werden, betrachtet Bischof Voderholzer mit viel Wohlwollen: Er hat selbst sudetendeutsche Wurzeln und legt deshalb besonderen Wert auf eine enge Verbindung zu den Nachbarn im Osten.

Von Matthias Altmann

Hinweis

Mehr Informationen finden Sie auf der Homepage der Diözese.