Dresdner Kathedrale: Spätbarockes "Kirchenschiff" an der Elbe
Serie: Deutschland, deine Kathedralen – Teil 5

Dresdner Kathedrale: Spätbarockes "Kirchenschiff" an der Elbe

Nur 300 Meter entfernt von der weltberühmten Frauenkirche steht in Dresden ein weiteres höchst sehenswertes Gotteshaus: die Kathedrale Sanctissimae Trinitatis des Bistums Dresden-Meißen. Die Entstehungsgeschichte der spätbarocken Kirche war turbulent, heute jedoch ist sie ein Juwel von "Elbflorenz".

Von Steffen Zimmermann |  Dresden - 22.08.2020

Wenn die Stichworte "Dresden" und "Kirche" fallen, denken wohl die allermeisten Menschen zuerst an die Frauenkirche. Das evangelische Gotteshaus, das nach seiner Zerstörung im Zweiten Weltkrieg von 1994 bis 2005 unter weltweiter Anteilnahme wiederaufgebaut wurde, ist das bekannteste Bauwerk der sächsischen Landeshauptstadt. Wer sich allerdings das berühmte Panorama von "Elbflorenz" vor Augen führt, weiß auch: Die Frauenkirche ist nicht der einzige monumentale Kirchenbau, der Dresdens Silhouette prägt.

Meisterwerke des Spätbarocks in Deutschland

Nur rund 300 Meter von der "Steinernen Glocke" entfernt steht direkt am Elbufer die ehemalige Hofkirche und heutige Kathedrale des Bistums Dresden-Meißen. Das Gotteshaus, das der heiligsten Dreifaltigkeit – Sanctissimae Trinitatis – geweiht ist, braucht architektonisch keinen Vergleich mit seiner berühmten Nachbarin zu scheuen. Beide Kirchen, die nahezu zeitgleich Mitte des 18. Jahrhunderts errichtet wurden, gelten als Meisterwerke des Spätbarocks in Deutschland. Zur Zeit ihrer Entstehung standen die Bauten allerdings durchaus in Konkurrenz zueinander. Während die von 1726 bis 1743 errichtete Frauenkirche Ausdruck des Selbstbewusstseins der mehrheitlich evangelischen Bürgerschaft Dresdens war, repräsentierte die wenige Jahre später erbaute Hofkirche die zum Katholizismus konvertierten Kurfürsten aus dem Herrscherhaus der Wettiner.

Das berühmte Panorama von "Elbflorenz" mit der Frauenkirche (l.) und der katholischen Kathedrale Sanctissimae Trinitatis (M.).

Kurfürst August der Starke war 1697 katholisch geworden, um in Personalunion auch König von Polen werden zu können. Dieser rein machttaktisch motivierte Schritt sorgte bei der evangelischen Bevölkerungsmehrheit in Sachsen für einige Unruhe, die sich noch verstärkte, als 1712 auch Augusts Sohn Friedrich August zum Katholizismus übertrat. August der Starke beeilte sich deshalb, Garantien der Glaubensfreiheit für die Bevölkerung zu verkünden und auf die Anwendung des Prinzips "Cuius regio, eius religio" (Wessen Gebiet, dessen Religion) zu verzichten. Ebenso verzichtete er auf den Bau eines repräsentativen katholischen Gotteshauses und feierte die Heilige Messe stattdessen zunächst diskret in der Schlosskapelle und ab 1708 in dem zur Kirche umgebauten Opernhaus am Taschenberg. Als Zeichen guten Willens förderte er zudem den Bau der Frauenkirche.

Erst sein Sohn, der 1733 als Friedrich August II. den Thron bestieg, ging das Projekt eines katholischen Kirchenneubaus an – anfangs jedoch unter strikter Geheimhaltung. Um die evangelische Bevölkerung nicht zu verärgern und mit Blick auf die im Bau befindliche Frauenkirche einen Affront zu vermeiden, war zunächst nur von einem "gewissen Bau" die Rede. Damit beauftragt wurde 1736 der italienische Baumeister Gaetano Chiaveri, der zuvor schon in Warschau für den Herrscher gearbeitet hatte.

Turbulente Bauzeit mit verärgertem Architekten

Die Bauzeit der Hofkirche erstreckte sich von 1739 bis 1755 und war einigermaßen turbulent. So verließ der temperamentvolle Chiaveri neun Jahre nach Beginn der Bauarbeiten verärgert die Stadt und sein noch unvollendetes Werk. Vorangegangen waren Intrigen seiner einheimischen Gegner, die unter anderem das Gerücht verbreitet hatten, das mächtige Tonnengewölbe der Kirche werde nach der Entfernung des Baugerüsts einstürzen. Hinzu kamen Geldmangel und der Ärger über den zögerlichen Bauverlauf.

Mit ihrer Bauform und ihrer Lage direkt an der Elbe wirkt die Kathedrale wie ein Schiff, das mit dem Bug auf den Fluss gerichtet ist.

Nach Chiaveris Weggang übernahm Oberlandbaumeister Johann Christoph Knöffel die Verantwortung für die Baustelle, die Fertigstellung des Baus erfolgte dann unter dessen Nachfolger Julius Heinrich Schwarze. Beide Architekten nahmen einige Veränderungen an den ursprünglichen Plänen vor – etwa an der Orgelempore und den Logen der Königsfamilie. Auch auf die ursprünglich von Chiaveri vorgesehene Ausmalung mit einem Deckengemälde verzichteten die Nachfolger. Trotzdem gilt die Kirche heute als Hauptwerk des Italieners.

Die äußere Gestalt der Kirche wird geprägt von dem freistehenden, hohen Mittelschiff, dem umlaufenden niedrigeren Seitenschiff und dem 86 Meter hohen Turm. Wohl auch wegen der unmittelbar an der Kirche vorbeifließenden Elbe erinnert die Form der Kirche an ein großes Schiff, das aufgrund der fehlenden Ostung mit seinem Bug auf den Fluss gerichtet ist. Opulent geschmückt ist die gesamte Fassade des Gotteshauses mit 78 überlebensgroßen Heiligenstatuen und allegorischen Figuren des römischen Bildhauers Lorenzo Mattielli. Zu sehen sind unter anderem die vier Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas und Johannes, die Apostel Petrus und Paulus, die Kirchenlehrer Augustinus und Ambrosius sowie Frauen und Männer, die als Schutzpatrone für Sachsen, Böhmen und Polen eine Bedeutung hatten oder von den Wettinern besonders verehrt wurden.

Eines der größten Gotteshäuser Deutschlands

Das Innere der Kirche, die mit einer Grundfläche von 4.800 Quadratmetern zu den größten Gotteshäusern Deutschlands gehört, gliedert sich in ein Hauptschiff, zwei Seitenschiffe und vier Eckkapellen (darunter die als Gedenkort für die Opfer des Zweiten Weltkriegs genutzte Nepomuk-Kapelle mit der 1973 von Friedrich Press gestalteten Pietà). Eine Besonderheit ist der zweistöckige Prozessionsumgang, der um das Hauptschiff verläuft. Da katholische Prozessionen unter freiem Himmel seit der Reformation in Sachsen verboten waren, wurde die Möglichkeit geschaffen, entsprechende Umzüge im Inneren der Kirche zu veranstalten. Unter den Ausstattungsgegenständen sind vor allem die geschnitzte Barockkanzel von Balthasar Permoser, das zehn Meter hohe, die Himmelfahrt Jesu zeigende Altargemälde von Anton Raphael Mengs und die Barockorgel von Gottfried Silbermann beachtenswert.

Die Dresdner Kathedrale im Sonnenlicht.

Unter der Kirche befindet sich die Gruft, in der die katholischen Mitglieder des Hauses Wettin beigesetzt sind; auch die Kapsel mit dem Herzen Augusts des Starken wird hier aufbewahrt. Insgesamt liegen 49 Mitglieder der albertinischen Linie des Herrscherhauses sowie deren Ehepartner und Kinder in den Gruft. Unmittelbar benachbart ist seit 1988 zudem die Bischofsgruft des Bistums Dresden-Meißen, in der 1996 Gerhard Schaffran als erster Dresdner Bischof seine letzte Ruhestätte fand.

Schwere Zerstörungen durch den Zweiten Weltkrieg

Im Laufe ihrer Geschichte wurde die Hofkirche mehrfach saniert. Unter anderem musste der Turm des Gotteshauses bereits 1867/1868 umfangreich ausgebessert werden, da der ursprünglich verwendete Sandstein durch die Witterung schadhaft geworden war. Die mit Abstand größten Schäden richtete aber der Zweite Weltkrieg an. Bei den alliierten Luftangriffen vom 13. bis 15. Februar 1945, denen bekanntlich auch die Frauenkirche und weite Teile der Dresdner Innenstadt zum Opfer fielen, wurde die Hofkirche von zahlreichen Sprengbomben getroffen. Das Dach und die Gewölbe im Inneren stürzten ein, die Außenmauern wurden beschädigt und teilweise sogar vollständig zerstört.

Der unmittelbar nach Kriegsende begonnene Wiederaufbau dauerte bis 1965. Die Spuren der Zerstörung sind allerdings noch heute an der unterschiedlichen Steinfärbung des Kirchenschiffs erkennbar. Auch aktuell ist die Kirche, die seit 1980 – nach der Verlegung des Bischofssitzes von Bautzen nach Dresden – als Kathedrale des Bistums Dresden-Meißen dient, Baustelle. Bis voraussichtlich Februar 2021 werden für rund 4,9 Millionen Euro umfangreiche Bau- und Sanierungsmaßnahmen durchgeführt. Für Touristen ist die Kirche deshalb geschlossen, Gottesdienste finden aber – unter Beachtung der derzeit gültigen Corona-Schutzverordnung – statt.

Von Steffen Zimmermann