Serie: Deutschland, deine Kathedralen – Teil 21

Paderborner Dom: Steingewordener Pilgerweg ins "Himmlische Jerusalem"

Aktualisiert am 12.12.2020  –  Lesedauer: 

Paderborn ‐ Mit seiner wechselvollen Geschichte ist der Paderborner Dom das architektonische Symbol für über 1.200 Jahre Christentum an den Quellen der Pader. Mutige Bauherren schufen eine Kathedrale, die mehrere Stile in sich vereinigt. Doch auch ihre "Unterwelt" bringt Interessantes zum Vorschein.

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Wer sich heute, gleich aus welcher Richtung, dem ostwestfälischen Paderborn nähert, sieht ihn schon von weitem: Mit seiner spitzen, grün-verfärbten Bronzehaube ist der mächtige Westturm des Domes markantes Zeichen für über 1.200 Jahre Christentum an den Quellen der Pader. Die Geschichte der Bischofskirche beginnt in der Tat fast zeitgleich mit der des Christentums in der Region. An ihrem Anfang steht ein Besuch von welthistorischer Bedeutung: Hier, in einem quasi gerade erst eroberten Landstrich seines Reichs, empfing Frankenkönig Karl der Große im Jahre 799 den aus Rom geflüchteten Papst Leo III. Das Ergebnis dieses Treffens war, neben der Kaiserkrönung Karls ein Jahr später, die Gründung des Missionsbistums Paderborn im Gebiet der Sachsen.

Am Ort hatte es gute 20 Jahre zuvor bereits eine dem Erlöser geweihte Kirche gegeben. Als kleiner Einraum in Stein errichtet, hatte sie dem fränkischen Reichstag, der 777 an der Pader zusammenkam, und der Bevölkerung als Kirche gedient. Für das neugeschaffene Bistum brauchte es aber einen repräsentativeren Bau. Und in der Tat heißt es in den Lorscher Annalen über die neue Kirche, die man ein Stück weiter südlich grundlegte, sie sei "von wunderbarer Größe" gewesen. Es war eine dreischiffige Basilika, die im Osten aller Wahrscheinlichkeit nach in drei Apsiden endete. In einer von ihnen weihte Leo III. einen Seitenaltar dem heiligen Stephanus. Die Bischöfe Badurad (815–862) und Rethar (983–1009) ließen zwar Veränderungen vornehmen – vor allem, um die 836 aus dem französischen Le Mans nach Paderborn gebrachten Reliquien des heiligen Liborius im Westen der Kathedrale angemessen unterzubringen –, doch die karolingische Basilika bildete für zwei Jahrhunderte den Kernbau des Domes. Das änderte sich erst im Jahr 1000.

Feuergeschädigte "Unterwelt"

Seit 799 sind alle Paderborner Bischofskirchen an der gleichen Stelle errichtet worden. Umfangreiche Ausgrabungen von 1978 bis 1983 haben unter dem heutigen Bodenniveau diese "Unterwelt" freigelegt. Neben den Fundamenten der Vorgängerkirchen finden sich in den Ablagerungen immer wieder bräunlich-rote Streifen. Das sind Überreste der Dombrände. Im Jahre 1000 zerstörte ein Feuer den karolingischen Dom, knapp 60 Jahre später verheerte ein Stadtbrand den erst zwei Jahre zuvor fertiggestellten romanischen Domneubau des seligen Bischofs Meinwerk (1009-1036). Das Feuer im hölzernen Dachstuhl des Domes erreichte dabei so hohe Temperaturen, dass das Bleidach schmolz und zähflüssig auf den Boden troff. Es haben sich Reste des kunstvollen Musterfußbodens des Meinwerk-Baus erhalten, mit dicken Bleitropfen darauf.

Viel mehr als diese archäologischen Zeugnisse sind der Nachwelt allerdings nicht geblieben. Denn Meinwerks Nachfolger, Bischof Imad (1051-1076), machte sich umgehend an einen umfassenden Neubau – dessen Grundriss bis heute maßgeblich für den Paderborner Dom ist. Ganz ähnlich des modernen Baus wies schon die von Bischof Imad geplante Kirche einen mächtigen, von zwei kleineren Türmen flankierten Westturm auf. Weil dieser sich über einem Westchor erhob, wurden die Eingänge an die Nord- und Südenden des Westquerhauses verlegt. Und schließlich geht eine der größten Hallenkrypten Deutschlands auf die architektonische Vision dieses Bischofs zurück. Während die Grundrisse der Kirchen sich schon sehr ähnlich sehen, hat sich ihre Gestalt natürlich gewandelt. Der Dom, den Imad nach nur zehnjähriger Bauzeit 1068 weihte, war eine doppelchörige ursprünglich flachgedeckte, später gewölbte romanische Basilika.

Ein goldener Schrein wird durch den Paderborner Dom getragen.
Bild: ©picture alliance / Rainer Hackenberg

Jedes Jahr Ende Juli werden die Reliquien des heiligen Liborius im Paderborner Dom erhoben. Das Libori-Fest gehört zu den größten und bekanntesten Kirchenfesten Deutschlands.

Wann also kamen Spitzbogen und Maßwerk an die Pader? Gegen 1215 begann man unter Bischof Bernhard III. von Oesede (1204-1223), den Dom teilweise niederzulegen. Kirchneubauten wurden typischerweise im Osten begonnen, damit dort im Chor so schnell wie möglich wieder die Messe gefeiert werden konnte. In Paderborn machte man es jedoch etwas anders und begann gleichzeitig in Ost und West und arbeitete aufeinander zu. Zuerst erhöhte man die Turmgruppe im Westen. Am ersten Joch des Langhauses direkt nach dem nun von einer spitzen, achteckigen Haube bekrönten Turm kann man bis heute erkennen, dass diese Kirche zu Beginn als spätromanische Basilika geplant war. Dabei orientierte man sich mit großer Sicherheit an Mainz, dem Paderborn zu dieser Zeit als Suffragan unterstand. Rekonstruktionen legen sogar eine Vierungskuppel nach Vorbild des Kaiserdomes nahe. Den schlichten Kastenchor im Osten entliehen die Bauleute der Kirche des architekturgeschichtlich bedeutsamen Zisterzienserklosters Marienfeld.

Doch mitten in die Baumaßnahmen hinein krachte es – Teile der Vierung stürzten ein. Gleichzeitig erreichten neue architektonische Ideen aus Nordfrankreich Ostwestfalen. Vielleicht war es die bodenständige Art der Bewohner dieses Landesteils, die sie, anstatt alles abzureißen und komplett im neuen Stil zu bauen, auf den romanischen Grundlagen einfach gotisch weiterbauen ließ. Was auch immer dafür verantwortlich gewesen sein mag, es beschert dem heutigen Besucher einen einmaligen Einblick in die Entwicklung der Frühgotik hin zur Hochgotik. Vierung und Chor wurden zunächst gotisch umgestaltet. Das führte allerdings auch dazu, dass man auf einen gotischen Umgangschor mit vielen kleinen Kapellen verzichtete, wie er für Köln oder Freiburg so typisch ist.

Emanzipation von französischen Vorbildern

Im Westen schloss man zunächst einfach das Kirchenschiff an das bereits gebaute erste Gewölbejoch des Westchores an. Doch die rundbogigen romanischen Fenster entsprachen nicht den Vorstellungen der Gotik von einer lichtdurchfluteten Kathedrale. Also zog man die Maßwerkfenster der Seitenschiffe immer höher. Dadurch näherten sich die Scheitelhöhen der Seitenschiffe der des Mittelschiffs an. Das Ergebnis war eine gotische Hallenkirche. Mit diesem Bautyp, der für unzählige Kirchen nicht nur in Westfalen prägend werden sollte, emanzipierten sich die Bauleute von ihren französischen Vorbildern.

Anhand der Fenster des Domes kann man bis heute den wachsenden Mut der Bauleute beobachten: Das vom Turm aus gesehen erste gotische Fenster ist noch in die Wandfläche eingesetzt und ähnelt sehr den frühen Vorbildern am Chor der Kathedrale im französischen Reims. Je weiter der Blick nach Osten wandert, desto freier und filigraner werden die Formen. Mit seinem polygonalen Grundriss und den hochgotischen Fenstern bildet der "Hasenkamp" genannte Nordarm des Ostquerhauses, der um 1270/80 fertiggestellt wurde, den Höhepunkt gotischer Baukunst an der Kathedrale.

Das Paradiesportal des Paderborner Doms
Bild: ©Ronald Pfaff/Erzbistum Paderborn

Statuen der heiligen Kilian und Liborius zieren das sogenannte Paradiesportal des Paderborner Doms.

Anders als heute war der mittelalterliche Kirchenraum in viele kleine Schauplätze unterteilt. Es gab 40 Altäre im Dom und ein großer Hallenlettner trennte das Mittelschiff vom Ostchor. Nachdem das Gotteshaus im Dreißigjährigen Krieg verwüstet worden und ein großer Teil der Stadtbevölkerung protestantisch geworden war, ging es unter Bischof Dietrich Adolf von der Recke (1650-1661) an die katholische Reform. Die an die Pader geholten Jesuiten waren die ersten, die den Kirchenraum als Ganzes in den Blick nahmen und sein Potenzial für die Inszenierung der durch das Tridentinische Konzil reformierten Messe erkannten. Und dafür ordneten sie den Raum radikal um. Der Lettner wurde abgebrochen und durch einen bühnenhaften Choraufbau ersetzt. Neuer Fixpunkt sollte der Hochaltar ganz am Ende des Chores sein, flankiert von zwei Seitenaltären ungefähr auf der Höhe des heutigen Altarraumes.

Bischof von der Recke konnte die Antwerpener Künstler Antonius und Ludovicus Willemssens aus dem Umkreis von Peter Paul Rubens für deren künstlerische Gestaltung gewinnen. Die beiden Brüder, der eine Bildhauer, der andere Maler, statteten den Chorraum im Stil des flämischen Barock aus. Für die Statue des auferstandenen Christus auf der Spitze des knapp 19 Meter hohen Hochaltares wurde sogar das letzte Gewölbejoch aufgebrochen und in Form einer sogenannten "italienischen Kuppel" mit zusätzlichen Fenstern erhöht. So erschien der Heiland, auf den der ganze Raum ausgelegt war, als wahre Lichtgestalt. Neben der Opulenz der Bilder und Statuen inszenierten die Jesuiten die Eucharistie als Mysterium des Sehens und Doch-nicht-Sehens: Ein kunstvoll geschmiedetes perspektivisches Gitter schloss den Chorraum formal gegen das Kirchenschiff ab, ließ aber eben doch Blicke auf das Allerheiligste zu. Die Domherren, mit denen der Bischof in permanentem Zwist lag, ließen es sich nicht nehmen, die Seitenkapellen mit prachtvollen Portalen und auch mit perspektivischen Gittern zu versehen. Zum Erfolg der Gegenreformation an der Pader dürfte die Umgestaltung des Kirchenraumes durchaus beigetragen haben.

"Hybrid" im Innenraum

Die italienische Kuppel gibt es heute nicht mehr. Sie stürzte im 19. Jahrhundert ein. Daraufhin ließ das Domkapitel das Gotteshaus durch Dombaumeister Arnold Güldenpfennig ab 1859 in historisierenden Formen umgestalten. Sehr deutlich sieht man das bis heute an der neoromanischen Fassade der Vorhalle des Paradiesportals und den Giebeln der Südseite und des Ostchores. Auch stellte er den achteckigen, spitzen Turmhelm wieder her, der 1558 – aus noch immer ungeklärten Gründen – durch ein Kreuzsatteldach (ganz ähnlich jenem dem der nahen Busdorfkirche) ersetzt worden war, später war diesem ein schlichtes Satteldach gefolgt. Im Innenraum wich der Barockaltar einem neugotischen steinernen Retabel. Das Ergebnis war ein Hybrid aus neugotischen Elementen und den verbliebenen barocken Seitenaltären. 1931 kehrte der barocke Hochaltar in den Hochchor zurück – weil man das Gewölbe aber nicht noch einmal erhöhen wollte, in geradezu gestutzter Form.

Das war der Dom, der in den letzten Kriegsmonaten des Jahres 1945 von Brandbomben getroffen wurde. Die Druckwelle der Detonationen zerfetzte die barocken Altarbilder, die hölzernen Aufbauten verbrannten. Die Fetzen des Hochaltarbildes überdauerten im Kartoffelkeller des Dompropstes, bis sie in den 1980er Jahren gerettet und 2020 zum Gedenken an 75 Jahre Kriegsende restauriert und ausgestellt wurden. Der Wiederaufbau nach dem Krieg brachte die Rückkehr des ursprünglichen gotischen Reliquienaltars in den Hochchor. Von 1978 bis 1983 unternahm man eine große Domrestaurierung – in deren Zuge wurden sowohl die umfangreichen Grabungen in der "Unterwelt" des Domes durchgeführt, als auch die Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils kirchenbaulich umgesetzt. Der Dom erhielt ein großes neues Orgelwerk. Die Notverglasung wurde durch künstlerisch gestaltete Fenster ersetzt, die für die Paderborner wichtige Heilige sowie Motive des pilgernden Gottesvolkes durch die Zeit bis zum Himmlischen Jerusalem zeigen. Einen Teil dieses Pilgerweges kann der heutige Besucher architektonisch sehr anschaulich am Paderborner Dom nachverfolgen.

Von Cornelius Stiegemann