Freiburger Münster ohne Turmgerüst
Serie: Deutschland, deine Kathedralen – Teil 9

Freiburger Münster: Der "schönste Turm der Christenheit"

Eigentlich wurde es "nur" als Stadt- und Bürgerkirche errichtet. Doch politische Umwälzungen machten aus dem Freiburger Münster eine Kathedrale. Aber auch ohne den Rang einer Bischofskirche wäre es ein bedeutendes Gotteshaus – was vor allem an seinem vielgerühmten Westturm liegt.

Von Matthias Altmann |  Freiburg - 19.09.2020

"Und Freiburg wird wohl der schönste Turm auf Erden bleiben", sagte der Schweizer Kunsthistoriker Jacob Burghardt im Jahr 1869 über den Westturm des Freiburger Münsters. Daraus entstand das geflügelte Wort vom "schönsten Turm der Christenheit". Auch wenn dieses Zitat nicht authentisch ist, so zeigt es doch die Bedeutung der 116 Meter hohen Maßwerkkonstruktion mit "durchsichtiger" Spitze: Sie gilt als architektonisches Meisterwerk der Gotik und als Vorbild für unzählige europäische Kirchen.

Nicht zuletzt wegen seines weltberühmten Turms ist das Freiburger Münster das von Weitem sichtbare Wahrzeichen der Bischofsstadt im äußersten Südwesten Deutschlands. Die Freiburger sind stolz auf das Gotteshaus, schließlich ist es "ihre" Kirche. Denn lange, bevor sie Bischofskirche wurde, war sie Stadt- und Bürgerkirche – und nicht Klosterkirche, wie die Bezeichnung als Münster eventuell nahelegt. Im Mittelalter wurde der Begriff im südwestdeutschen Raum auch zur Bezeichnung bedeutender Stadt- und Stiftskirchen verwendet, in denen wie in Klosterkirchen ein regelmäßiges Gebet von Geistlichen stattfand. Bis heute ist das Münster auch die Pfarrkirche der Dompfarrei.

Eine Grablege für einen Fürsten

Am Anfang seiner Geschichte stand ein Fürst und sein Wunsch nach einer angemessenen Grablege. Herzog Berthold V. von Zähringen wollte an der Stelle der Pfarrkirche aus der Zeit der Stadtgründung (1120-1140) eine Stiftskirche im spätromanischen Stil nach dem Vorbild des Basler Münsters errichten lassen. Die Bauarbeiten begannen um 1200, und tatsächlich sind aus der Anfangszeit noch das Querschiff und die Untergeschosse der Seitentürme, die sogenannten "Hahnentürme", erhalten. Ab etwa 1230 wurde der Bau dann im neuen Stil der Gotik fortgesetzt – mit dem Langhaus und dem Westturm.

Bereits 1218 war der Geldgeber und Patronatsherr, Herzog Berthold, ohne erbberechtigte Nachfahren verstorben, sodass Rechte und Pflichten am Münster zunächst an die Grafen von Freiburg gingen. Weil diese jedoch ab Mitte des 13. Jahrhunderts aus Geldmangel ihren Verpflichtungen nicht mehr nachkamen, übernahmen die Bürger die Verantwortung für den Münsterbau und richteten viele Stiftungen ein, um die weiteren Bauarbeiten finanzieren zu können.

Innenansicht des Freiburger Münsters

Die Ausstattung und Gestaltung des Innenraums des Freiburger Münsters haben sich im Laufe der Jahrhunderte ständig verändert. Die wichtigsten Bestandteile des Inventars aber trotzen den Modeerscheinungen.

1330 wurde schließlich der Westturm fertiggestellt. Dank ihm gehörte das Freiburger Münster über ein Jahrhundert zu den höchsten Kirchenbauten und damit auch zu den höchsten Gebäuden überhaupt der damaligen Welt. Gleichzeitig ist er der einzige derartige gotische Kirchturm in Deutschland, der noch im Mittelalter vollendet wurde und seitdem die Zeit überdauert hat. Wie bei fast allen Pfarrkirchen in der oberrheinischen Gegend steht er fast frei vor dem Langhaus.

Nur wenige Jahre, nachdem das Münster mit dem Westturm im Grunde fertiggestellt war – genauer gesagt 1354 – entschloss sich die Stadt zum Neubau eines großen, kathedralhaften Chores mit Umgang und Kapellenkranz. Eine Inschrift am Nordportal überliefert das Jahr der Grundsteinlegung – es ist das erste gesicherte Baudatum für das Freiburger Münster. Damit der Plan umsetzbar wird, musste der Münsterplatz, der dicht bebaut war und zum großen Teil als Friedhof genutzt wurde, durch Abbruch erheblich vergrößert werden. Ausschlaggebend für diesen prachtvollen Neubau war vermutlich der Wunsch der wohlhabenden Familien der Stadt nach eigenen Kapellen.

Über 350 Jahre Bauzeit

Wegen der aufwendigen Bauweise zog sich die Bauzeit des Chores über 150 Jahre hin. 1510 konnte das Hochchorgewölbe letztlich geschlossen werden; 1513 fand die Weihe des Münsters statt. Noch bis zum Ende des 16. Jahrhunderts feilte man an den finalen Details, sodass die Bauzeit insgesamt über 350 Jahre betrug.

Zum Dom wurde das Freiburger Münster erst Anfang des 19. Jahrhunderts. Bis dahin war die Stadt an der Dreisam Teil des Bistums Konstanz. Nach der Neuordnung Deutschlands durch den Wiener Kongress entstand im Südwesten Deutschlands der neue Staat Baden. Dessen Fürsten strebten auch in kirchlichen Angelegenheiten die Oberhoheit an. Deshalb wollte man Landes- und Bistumsgrenzen in Einklang bringen. Als Bischofssitz wurde nicht die protestantisch geprägte Landeshauptstadt Karlsruhe gewählt, sondern das katholische Freiburg. 1821 wurde das neue Erzbistum schließlich errichtet – und das Freiburger Münster sechs Jahre später zur Kathedrale erhoben. Seitdem befindet sich dort auch die "cathedra", der Lehrstuhl des Bistums.

Der Hochaltar des Freiburger Münstes von Hans Baldung.

Die Ausstattung und Gestaltung des Innenraums wurden im Laufe der Geschichte immer wieder den künstlerischen Trends der jeweiligen Zeit angepasst. Einst waren etwa die Gewölbe bunt verziert; heute präsentieren sie sich in Weiß. Doch die wichtigsten Bestandteile des Inventars trotzen den Modeerscheinungen, wie der von 1512 bis 1516 gemalte Hochaltar des Künstlers Hans Baldung. Gemäß dem Patrozinium des Münsters, "Unserer Lieben Frau", thematisiert er das Leben Marias – und die Heilsgeschichte. In der Weihnachtszeit zeigt der Flügelaltar vier Weihnachtsbilder mit den Themen Mariä Verkündigung, Heimsuchung, Geburt Christi und Flucht nach Ägypten. Die restliche Zeit des Jahres sieht man als Mittelbild die Krönung Mariens, umgeben von den zwölf Aposteln, je sechs auf einem Klappflügel, wobei Petrus und Paulus auf je einem der Flügel deutlich im Vordergrund stehen. Auf die Rückseite, die nur bei einer Besichtigung des Kapellenkranzes zu sehen ist, ist die Kreuzigung Christi gemalt. Hier hat sich Hans Baldung in einem der Knechte selbst porträtiert.

Im Zweiten Weltkrieg blieb das Münster weitgehend unzerstört, obwohl die umgebenden Gebäude durch den Bombenangriff vom 27. November 1944 durch die britische Royal Air Force in Schutt und Asche gelegt worden waren. Lediglich das Dach wurde beschädigt, konnte aber bis zum Winter 1945/46 wieder komplett geschlossen werden. Auch die mittelalterlichen Glasfenster blieben erhalten, weil sie rechtzeitig vor den Bombenangriffen ausgelagert worden waren. Nur wenige Wochen vor dem Bombenangriff setzte der christlicher Schriftsteller Reinhold Schneider mit seinem Sonett "Der Turm des Freiburger Münsters" selbigem ein literarisches Denkmal. Es enthält unter anderem die Zeile: "Du wirst nicht fallen, mein geliebter Turm" – ein Satz, der sich bewahrheiten sollte.

Turm als Besuchermagnet

Das Freiburger Münster hat sich zu einem regelrechten Besucher- und Touristenmagneten entwickelt: Jährlich besichtigen rund 1,3 Millionen Menschen das Gotteshaus, 110.000 Schwindelfreie wagen den Aufstieg über die 333 Stufen bis zur auf 70 Meter Höhe gelegenen Aussichtsplattform des Westturms hinauf. Dort oben genießen sie den Ausblick auf die Berge des Südschwarzwalds.

Ein Abenteuer ist allerdings nicht nur der Aufstieg auf den Münsterturm, sondern auch ein Rundgang um die Kathedrale: Dabei entdeckt man Figuren mit aufgerissenen, schreienden Mündern, die spucken, die Zunge rausstrecken oder halb Hund und halb Fisch sind. Insgesamt sind es 91 solcher Darstellungen – die berühmteste ist die, die den Betrachtern den blanken Hintern entgegenstreckt. "Hinternentblößer" nennen die Freiburger sie. In erster Linie haben diese Figuren die Aufgabe, das empfindliche Mauerwerk vor zu viel Regenwasser zu schützen. Im Mittelalter war aber noch eine andere Funktion wichtig: Die sonderbaren Gestalten sollten mit ihrem furchterregenden Aussehen das Gotteshaus vor Dämonen und bösen Geistern schützen.

Von Matthias Altmann