Aachener Dom: Steingewordene Geschichte und jahrhundertealte Wallfahrt
Serie: Deutschland, deine Kathedralen – Teil 1

Aachener Dom: Steingewordene Geschichte und jahrhundertealte Wallfahrt

Katholisch.de startet eine neue Serie und stellt die 27 deutschen Bischofskirchen vor: Der Aachener Dom gehörte zu den ersten Bauwerken auf deutschem Boden, die Welterbe wurden, und begeistert seine Besucher seit jeher. Nicht nur seine Größe, auch seine Geschichte und Vielgestaltigkeit bestechen.

Von Christoph Paul Hartmann |  Aachen - 24.07.2020

Alte Kirchen gibt es in Deutschland viele, doch egal ob Köln, Regensburg oder Freiburg – viele Bauten sind große, beeindruckende Gotteshäuser, die wie aus einem Guss wirken. Das lässt sich über den Aachener Dom nun wirklich nicht sagen. Er ist in seiner von vielen Baustilen geprägten Gestalt einzigartig, was nicht zuletzt an seiner sehr langen Geschichte liegt.

Alles beginnt im 8. Jahrhundert mit Karl dem Großen, seit 768 König des Fränkischen Reichs. In dieser Zeit hat der Herrscher noch keinen festen Wohnsitz, sondern reitet in seinem Gebiet von Ort zu Ort und residiert in einer Art von "Königsstützpunkten", den Pfalzen. Eine solche gibt es auch in Aachen. Mit fortschreitendem Alter beschließt Karl, hier sesshaft zu werden. Die nahen Wälder zur Jagd und die warmen Quellen in der Gegend werden sicher Anteil an dieser Entscheidung gehabt haben. Karl baut die Aachener Pfalz also aus und richtet sich einen geräumigen Wohnsitz inklusive eines Gotteshauses ein, der achteckigen Pfalzkapelle. Sie ist für damalige Verhältnisse überwältigend groß: Die Kuppel in 31 Metern Höhe ist für 300 Jahre die höchste Kuppel nördlich der Alpen. Wer in der Mitte des Raumes steht, kann ganz bis zur Decke schauen, in einem äußeren Ring befindet sich eine Zwischendecke mit einem Arkadengang.

Seit dem Weihnachtstag des Jahres 800 ist Karl Kaiser – als erster Herrscher seit der Antike, bereits zu Lebzeiten gilt er als "Vater Europas". Dementsprechend stattet er auch das etwa 803 vollendete Gotteshaus aus: In den Arkaden werden antike Säulen aus Rom und Ravenna angebracht, denn Aachen soll das neue Rom sein. Ebenfalls in die Arkaden eingebaut werden aus Bronze gegossene Gitter, die sich ebenso wie die meisten der Säulen auch heute noch dort befinden. Wer dort steht, stützt sich also auf einem 1.200 Jahre alten Geländer ab. Der Königsthron Karls des Großen aus dem Jahr 790 ist auch noch da. Da nachfolgende Herrscher es Karl an Machtfülle gleichtun wollen, wird der Aachener Dom Krönungskirche. Zwischen 936 und 1531 werden mehr als 30 deutsche Könige zuerst am Hauptaltar gesalbt und nehmen dann auf dem Thron Platz. Ab dem 16. Jahrhundert werden die Könige dann in Frankfurt gekrönt, wo sie auch gewählt werden. Ein kraftvoller Hauch der Geschichte umweht also diesen Ort.

Ein Kranz an Erweiterungen

Als die Krönungen immer prunkvoller werden, wird die Pfalzkapelle langsam zu klein. Gleichzeitig zieht auch die von Karl dem Großen ins Leben gerufene Heiligtumswallfahrt immer mehr Gläubige an: Karl hatte aus Jerusalem das Kleid Mariens, die Windeln Jesu, das Lendentuch Jesu und das Enthauptungstuch von Johannes dem Täufer geschenkt bekommen. Seitdem gibt es bis zum heutigen Tag alle sieben Jahre die Heiligtumsfahrt – sie ist die bedeutendste Wallfahrt des Mittelalters im deutschsprachigen Raum. Und dafür wird Platz gebraucht.

Blick in den Innenraum des Achtecks mit dem Leuchter Barbarossas und den Arkaden mit den antiken Säulen.

Die Kapelle Karls des Großen zugunsten einer größeren Kirche abzureißen, kommt aus Respekt vor dem Herrscher nicht in Frage – es wird also angebaut. Im 14. Jahrhundert beginnt der Bau einer gotischen Chorhalle, die an das Achteck angesetzt wird. Die Formensprache ist völlig anders als der Ursprungsbau: Während das Achteck massiv und wuchtig ist, besteht die Chorhalle nach dem Vorbild der Pariser Sainte-Chapelle fast ausschließlich aus Fenstern. Das "Glashaus von Aachen" sind 1.000 Quadratmeter verglaste Fläche.

Nach und nach werden über die Jahrhunderte weitere Kapellen angebaut, im 19. Jahrhundert kommt zudem noch ein neugotischer Glockenturm dazu. Etwa durch einen großen Stadtbrand 1656 oder durch Kriege werden andere Teile zerstört. Als das Rheinland und mit ihm Aachen 1794 von französischen Truppen besetzt und später französisch wird, transportieren die neuen Machthaber die antiken Säulen und Kapitelle nach Paris ab, zwei davon gehen beim Transport sogar kaputt und werden in Lüttich zurückgelassen. Bis heute sind noch zwei Säulen im Pariser Louvre eingemauert, andere sind erst seit den 1970er Jahren wieder in Aachen (das auf Französisch nicht zuletzt durch Karl den eigenständigen Namen Aix-la-Chappele trägt, also die Quelle bei der Kapelle). Die Franzosenzeit hält auch manch andere Kuriosität bereit: So ließ der damalige Bischof Marc-Antoine Berdolet das Grab Ottos III. abreißen, den Sarg öffnen und die Knochen unter den Besuchern verteilen – im Rahmen einer Umgestaltung.

Jahrhunderte nur durch wenige Schritte getrennt

Heutigen Besuchern bietet der Dom ein sehr durchmischtes Bild: Nur wenige Schritte sind karolingische und barocke Teile voneinander entfernt. Trotz der wechselhaften Geschichte der Kirche sind dort noch einige Ausstattungsstücke mit langer Tradition vorhanden: Den großen goldenen Leuchter stifteten einst Kaiser Friedrich Barbarossa und seine Frau Beatrix von Burgund, datiert wird das Stück auf die Jahre 1165 bis 1170. Er symbolisiert die Mauer des Himmlischen Jerusalems. Zudem gibt es einen mit Gold und Edelsteinen verzierten Ambo Heinrichs II. aus dem Jahr 1014 und den Karlsschrein mit den Gebeinen des 1165 heiliggesprochenen Kaisers aus dem Jahr 1215.

Der Thron von Karl dem Großen.

Dass es diese Fülle an teils 1.000 Jahren alten Stücken noch gibt, hat – das gibt man auch in Aachen zu – viel mit Glück zu tun. So haben viele etwa von den Franzosen entwendeten Stücke ihren Weg zurückgefunden. Zudem haben die Aachener auf ihren Dom geachtet, so sind in der Chorhalle bis heute Steinskulpturen und Malereien aus der Erbauungszeit erhalten. Dagegen ist das Achteck von Restaurierungsbemühungen des 19. Jahrhunderts geprägt: Die Marmorverkleidung und die äußeren mit Mosaiken verzierten Teile geben wohl nicht den Urzustand wieder. Dort hat es früher wahrscheinlich Malereien gegeben. Der Blick in die große Kuppel kommt dem Ursprungszustand dagegen wohl deutlich näher: Auch zur Erbauungszeit wurde die Decke mit einem Mosaik geschmückt, in dem die 24 Ältesten dem Weltenherrscher ihre Kronen darbringen – nur in einem anderen Stil.

Nicht zuletzt hat auch das Engagement der Aachener viel für den Erhalt der Kirche getan. So gab es etwa während des Zweiten Weltkriegs eine Feuerlöschgruppe von Jugendlichen, die unter Lebensgefahr durch Bomben ausgelöste Dombrände im Dachstuhl gelöscht haben.

Rolle wie Gestaltung der Kirche haben sich oft geändert: Nach Pfalzkapelle und Krönungskirche wurde der Dom erstmals 1802 kurzzeitig Bischofskirche und ist es seit 1930 wieder. Viele Alteingesessene sprechen noch deutlich bescheidener vom Münster, denn bis 1802 gehörte der Dom zu einem Marienstift. Bis heute macht er in vielerlei Hinsicht eine gute Figur: Er war unter anderem schon auf deutschen wie französischen Briefmarken zu sehen. Zudem wurde er 1978 als einer der ersten Orte überhaupt und der erste auf deutschem Boden zum Weltkulturerbe der Unesco. Eines der Argumente für die Aufnahme war die 1.200 Jahre anhaltende Tradition von kirchlichem Leben und architektonischer Authentizität an einem Ort. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Von Christoph Paul Hartmann