Serie: Deutschland, deine Kathedralen – Teil 27

Würzburger Dom: Altes und Neues vereint in der ehemaligen Synodenaula

Aktualisiert am 23.01.2021  –  Lesedauer: 

Würzburg ‐ "Wohnungsbau ist Dombau": Nach der Zerstörung Würzburgs im Zweiten Weltkrieg setzte der Bischof und spätere Kardinal Julius Döpfner darauf, dass die Menschen wieder ein Dach über dem Kopf haben. Der Wiederaufbau des Würzburger Doms vereinte Neues mit der 1.000-jährigen Geschichte der Bischofskirche.

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Mitten im Geschehen thront er in der Innenstadt Würzburgs und ist so fest im Stadtbild verankert – ja, schon eingebaut –, dass manch einer ihn trotz seiner Größe übersieht: der St.-Kilians-Dom. Wer sich dieser Kathedrale aber widmet, wird in vielerlei Hinsicht überrascht – von der Geschichte, Kunstwerken aus allen Epochen und einem historischen Ereignis in den 1960er Jahren.

Für die Geschichte der Bischofskirche muss ein wenig weiter ausgeholt werden: Ausschlaggebend war der heutige Bistumspatron, der heilige Kilian. Im siebten Jahrhundert machte er sich mit seinen Gefährten – genannt werden dabei immer Kolonat und Totnan – auf den Weg, um den christlichen Glauben aus Irland ans Festland zu bringen. So kam Kilian ins Frankenland, hielt Predigten und konnte den damaligen Herzog Gozbert überzeugen, sich taufen zu lassen, sodass auch das Frankenvolk nach und nach den christlichen Glauben annahm. Dann kommt die Legende ins Spiel: Gailana, die Ehefrau des Herzogs, lebte mit ihm in einer sogenannten Schwagerehe zusammen; sie war zuvor mit dem Bruder des Herzogs verheiratet gewesen. Kilian wertete dies als ungültige Ehe und gebot dem Herzog, seine Frau aus der Ehe zu entlassen. Daraufhin soll Gailana den Auftrag gegeben haben, Kilian und seine Gefährten töten zu lassen. Datiert wird der Märtyrertod auf das Jahr 689.

Der heilige Kilian
Bild: ©stock.adobe.com/Franz Gerhard

Eine Statue des heiligen Kilian auf der Alten Mainbrücke in Würzburg.

Der Glaube hatte sich im Frankenland jedoch schon gefestigt. 742 gründete der angelsächsische Benediktiner Bonifatius die Diözese Würzburg. Der Standort der ersten Bischofskirche, die 787/788 geweiht wurde, ist bis heute nicht geklärt. Unterschiedliche Quellen vermuten ihn an der Stelle des Martyriums einige Meter weiter nördlich vom heutigen Standort der Kathedrale. Mittlerweile steht an der ursprünglichen Stelle das benachbarte Neumünster – zum Gedenken an das Martyrium.

Zwei Bauten brannten nieder

Der erste Würzburger Dom fand ein schnelles Ende: 855 wurde er von einem Blitz getroffen und brannte nieder. Der Neubau erfolgte schließlich am Ort des heutigen Doms. Doch auch dieser Bau brannte Anfang des zehnten Jahrhunderts nieder. Eine Kathedrale in der Größe, wie Würzburg sie heute kennt, geht auf das 11. Jahrhundert und Bischof Bruno zurück, der aus dem Geschlecht der Salier kam, die zur selben Zeit die größte romanische Kathedrale Deutschlands bauten, den Speyerer Dom. 1040 legte er den Grundstein für die Kirche in Würzburg. "Eine Anekdote besagt, Bruno habe gleichzeitig zwei Grundsteine legen lassen: einen im Westen und einen im Osten, um die geplante Größe seines Domes sicher zu stellen", erklärt Alexandra Eck, Referentin für die Dombesucherpastoral in Würzburg. Noch vor Vollendung des Baus starb Bruno; unter seinem Nachfolger Adalbero wurden die Bauarbeiten 1075 abgeschlossen.

Architektonisch präsentierte sich der neue Dom als romanischer Bau, mit großem Westwerk, kleinen Fenstern und flachen Decken. Die auch heute noch prägnanten Westtürme und die Osttürme gab es auch damals schon. Was folgt, war ein stetiger Wandel: In der Gotik wurden Teile der Bischofskirche ausgemalt, größere Fenster eingebaut und statt der flachen Decken Gewölbe eingezogen. Die größte Veränderung wartete im 18. Jahrhundert auf das Gotteshaus: "Dann war die Gotik nicht mehr gefällig und man hat den Dom zu einem barocken Thronsaal umgebaut", erklärt Eck. Unter anderem wurden Altäre an allen Vierungspfeilern aufgestellt, die Wandflächen mit Stuck ausgekleidet und es kam ein großes barockes Chorgestühl sowie ein barocker Hochaltar dazu.

Der schwärzeste Tag der Stadt Würzburg

So stand der barocke Dom bis zum 16. März 1945, als Würzburg von den Alliierten bombardiert wurde: Innerhalb von 20 Minuten wurde der Großteil der Stadt zerstört, darunter auch die Bischofskirche im Zentrum der Stadt. Viele Kostbarkeiten, wie die Reliquien von Kilian, Kolonan und Totnan waren schon im Vorhinein in Sicherheit gebracht worden, doch zahlreiche Kunstwerke und die Dächer fielen den Flammen zum Opfer.

Julius Döpfner steht an einem Pult und hält eine Rede.
Bild: ©KNA

Der spätere Kardinal Julius Döpfner war von 1948–1957 Bischof von Würzburg.

"Wohnungsbau ist Dombau": Dieser Satz des damaligen Würzburger Bischofs Julius Döpfner – später als Kardinal Bischof von Berlin und Erzbischof von München – prägte die Nachkriegszeit in der Stadt. Denn ihm war es wichtig, zunächst dafür zu sorgen, dass die Wohnungen und Häuser der Würzburger Bevölkerung aufgebaut wurden. Die Kathedrale sollte hintenanstehen. Ein Notdach wurde eingezogen, doch Wasser drang in die Mauern ein, bis im Februar 1946 die nördliche Hochschiffwand einstürzte. Der Dom wurde zur Ruine. Zum Wiederaufbau gab es die Debatte, wie er aufzubauen sei: so prachtvoll im barocken Stil, wie er es einst war – oder im schlichten romanischen Ursprungsbild, um damit auch Raum zu geben für Neues und die Moderne? Es wurde eine Kompromisslösung, erklärt Eck: "Man hat sich dann entschieden, die Teile, die nach dem Angriff weitgehend erhalten geblieben waren, stehen zu lassen und zu restaurieren." Dazu gehört unter anderem das südliche Seitenschiff. Was durch den Angriff oder Einsturz zerstört worden war, baute man im romanischen Ursprungsbild wieder auf, etwa eine flache Decke im Hauptschiff des Doms. Außerdem sollte zeitgenössische Kunst eine Rolle spielen.

1967 waren die Arbeiten fertig – zwei Jahre nach Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) und vier Jahre nach Umsetzung der Liturgiereform. Der in neuem Licht erstrahlende Würzburger Dom bekam deshalb den Anforderungen des Konzils gemäß gleich einen Zelebrationsaltar in der Vierung, um den sich die Gemeinde sinnbildlich versammeln kann.

Blick in den Synodensaal in Würzburg 1974.
Bild: ©KNA

Von 1971 bis 1975 fand die Gemeinsame Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland im Würzburger Dom statt und wird daher auch Würzburger Synode genannt.

Der Würzburger Dom ist bis heute als Ort eines wichtigen Meilensteins der katholischen Kirche in Deutschland bekannt: die Würzburger Synode (1971-1975). 300 Abgesandte aus allen westdeutschen Bistümern, darunter Bischöfe, Laien, Ordensleute und Professoren, kamen in der Bischofskirche zusammen, um die Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils in Deutschland zu verwirklichen. Synodenpräsident war Kardinal Döpfner, der damals zwar schon Erzbischof von München, seiner Heimat Würzburg allerdings weiterhin verbunden war. Heute erinnert ein sich neben dem Ambo befindendes Vortragekreuz, das zur Synode entstanden ist, daran.

Eine "Ahnengalerie" im Hauptschiff

Wer die Bischofskirche betritt, findet Elemente vieler unterschiedlicher Kunstepochen. Das zeigt sich auch anhand der vielen Grabmäler, die beim Wiederaufbau im Hauptschiff chronologisch an den Pfeilern angeordnet wurden. "Es ist, als würde man durch eine Ahnengalerie wandern", beschreibt Eck. Dazu gehören ältere Grabmäler wie jenes von Bischof Gottfried von Spitzenberg aus dem 12. Jahrhundert. Beim Angriff 1945 in viele Einzelteile zersprungen, musste es "wie ein Puzzle" wieder zusammengesetzt werden. Bis ins 20. Jahrhundert zieht sich die Galerie. Die meisten Besucher ziehen die beiden Riemenschneider-Grabmäler an, berichtet Eck. 1495 starb Fürstbischof Rudolf II. von Scherenberg. Dessen Nachfolger Lorenz von Bibra gab Scherenbergs Grabmal bei dem schon damals über Würzburg hinaus bekannten Bildhauer Tilmann Riemenschneider in Auftrag, der dieses sehr portraithaft gestaltete. "Das muss so beeindruckend gewesen sein, dass von Bibra sein eigenes Grabmal – ganz unüblich – schon zu seinen Lebzeiten bei Riemenschneider in Auftrag gab", so Eck.

Der Kiliansdom in Würzburg wurde aufwendig renoviert und erstrahlt in neuem Glanz.
Bild: ©Markus Hauck / Bistum Würzburg

Der Kiliansdom von innen: An den Pfeilern im Hauptschiff sind die Grabmäler chronologisch angeordnet.

Die Kombination aus Altem und Neuen findet sich etwa auch in der Gestaltung der Seitenaltäre in den Querhäusern, wobei ältere Figuren auf neue Altäre gesetzt wurden. Den Würzburger Dom prägt, dass bis heute bei jeder Renovierung zeitgenössische Kunst ihren Platz findet und mit älteren Werken in den Dialog tritt: So finden sich hier auch Werke aus dem 20. und 21. Jahrhundert, die bei der letzten Renovierung 2011/12 Einzug gehalten haben. Dazu zählt ein Werk von Mimmo Paladino, das vielfach diskutiert wird. "Zu erkennen ist der gekreuzigte Christus, drum herum Symbole und Zeichen, die auf das menschliche Leid, gleichzeitig aber auch auf Erlösung und Auferstehung hindeuten", erklärt Eck. "Die Botschaft erschließt sich vielleicht nicht auf den ersten Blick, die Kunst zu entschlüsseln aber ist spannend."

Darüber hinaus bedeutend ist das Merowingerkreuz in der Krypta, das vermutlich aus dem Jahr 1000 stammt und damit älter als der jetzige Dom ist. Gefunden wurde es beim Wiederaufbau in den 60er Jahren. Zuvor war es verschüttet, da Mitte des 18. Jahrhunderts das Bodenniveau des Altar- und Chorraumes abgesenkt und dieser Raum zugeschüttet worden war. Die Darstellung ist durchaus eigenwillig: Auf dem Kreuz ist kein Korpus zu sehen, sondern nur ein rundes und bärtiges Gesicht, erklärt Eck. "Das strahlt eine große Ruhe aus oder zeigt gar ein Lächeln. Für mich ein Bild unseres Glaubens, dass der Mensch im Tod von Gott gehalten ist."

Mit einer Gesamtlänge von 105 Metern gilt der Würzburger Dom als viertgrößtes romanisches Kirchengebäude Deutschlands. Den Namensgeber des Kiliansdoms und ersten Glaubenszeugen des Frankenlandes ehren die Würzburger noch heute: Um Kilians Gedenktag, dem 8. Juli, findet jedes Jahr eine einwöchige diözesane Wallfahrtswoche statt, zu der Menschen aus dem gesamten Bistum strömen. "Bekannter ist wohl allerdings die weltliche Ausprägung dieser Wallfahrt: das jährliche Kiliani-Volksfest auf dem großen Festplatz", erklärt Eck. Die Kathedrale steht inmitten des Stadtkerns, der von fünf Straßen umgeben wird – wegen der fünfeckigen Form auch "Bischofshut" genannt. Von dort aus prägt die Kathedrale die ganze Stadt am Main – und darüber hinaus.

Von Melanie Ploch