Serie: Deutschland, deine Kathedralen – Teil 22

Passauer Dom: Barockes Musterexemplar am Dreiflüsseeck

Aktualisiert am 19.12.2020  –  Lesedauer: 

Passau ‐ Wenn Passau wieder einmal vom Hochwasser heimgesucht wird, wirkt sein Dom wie ein Fels in der Brandung. Die Kathedrale ist das Highlight für die zahlreichen Besucher der Stadt an Donau, Inn und Ilz: wegen ihrer barocken Innenausstattung sowie ihrer Orgel, die als Instrument der Superlative gilt.

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Es ist weltweit die einzige Stelle, an der drei Flüsse aus drei Himmelsrichtungen kommen, sich vereinen und gemeinsam weiterfließen: das Dreiflüsseeck in Passau. Von Norden her fließt die Ilz, von Westen her die Donau und von Süden her der Inn, als Donaustrom ziehen sie weiter gen Osten. Unweit von dieser Stelle, auf der Halbinsel zwischen Donau und Inn, ragt der Passauer Dom empor. Die Kirche, dem heiligen Stephanus geweiht, gilt aufgrund ihrer Architektur und seiner Ausstattung als Musterexemplar eines barocken Gesamtkunstwerks im süddeutsch-österreichischen Raum und als richtungsweisend für den donauländischen Kunstraum.

Nur der Ort ist derselbe

Die Spuren des Gotteshauses reichen zurück bis in das Jahr 450, in dem erstmals eine Kirche in der spätantiken Stadt Batavis, dem heutigen Passau, bezeugt wurde. Knapp 300 Jahre später wurde diese Kirche erstmals urkundlich erwähnt und, nachdem Bonifatius Passau 739 zum Bischofssitz erhoben hatte, zur Kathedrale der Diözese bestimmt. Der frühmittelalterliche und der heutige Dom haben aber nichts mehr gemeinsam – außer den Ort, an dem sie stehen.

Was der heutige Dom ist, hat seine Wurzeln in einem frühgotischen Gotteshaus, erbaut zwischen 1280 und 1325. Dieses wurde durch einen verheerenden Stadtbrand im Jahr 1662 weitestgehend zerstört; vor allem die Inneneinrichtung fiel der Brandkatastrophe zum Opfer. Erhalten blieben nur das Querhaus, der Vierungsturm und der spätgotische Ostteil, der als solcher auch heute noch vom östlich vom Dom gelegenen Residenzplatz aus erkennbar ist. Kurios: Das Mittelschiffgewölbe und ein Teil des Seitenschiffes stürzten erst ein, als die Bürgerwehr am Fronleichnamstag 1662 auf dem Domplatz eine Salve abschoss.

Hoch- und Volksaltar im Passauer Dom
Bild: ©stock.adobe.com/Egon Boemsch

Hoch- und Volksaltar im Passauer Dom sind Werke des Künstlers Josef Henselmann.

1668 wurde mit dem barocken Neubau begonnen. Außen wurde die breit gelagerte Westfassade mit den zwei Türmen komplett neu errichtet, der Vierungsturm bekam eine Barock-Haube. Die Westtürme, deren Abschluss zunächst flache Walmdächer bildeten, wurden Ende des 19. Jahrhunderts erhöht. Sie wurden mit den charakteristischen kuppelgekrönten oktogonalen Aufbauten und mit Balustraden ergänzt. Seither bestimmt der Dreiklang der Hauben von Vierung und Türmen den Blick auf den Dom aus der Ferne.

Die Form des Doms, ein Langhaus mit Doppelturmfassade und hervortretendem Vierungsturm, ist in Deutschland nur selten zu finden. Da man die sehr hohen gotischen Mauern in den neuen Barockbau integrierte, entstand mit über 100 Metern Länge und 33 Meter Breite ein überaus großes Kirchenschiff – für die barocke Baustilart eher untypisch. Passau besitzt somit den größten barocken Kircheninnenraum nördlich der Alpen.

Größter barocker Kircheninnenraum nördlich der Alpen

Für die Ausstattung des Interieurs holte man italienische Meister in die Dreiflüssestadt. Viele namhafte Stuckateure waren über mehrere Jahrzehnte mit der barocken Ausschmückung der dreischiffigen Basilika beschäftigt. Die Deckengemälde in den zahlreichen Hängekuppeln durchbrechen immer wieder das helle Stuckgeflecht. Das Fresko im Chorraum zeigt das Martyrium des heiligen Stephanus, des Dompatrons. Über der Steinigungsszene erstreckt sich die Vision des Heiligen – ein sich öffnender Himmel mit Christus und dem Heiligen Geist. Besonders eindrucksvoll ist auch das Deckenfresko der Vierungskuppel, das Gottvater im Himmel zeigt. Die beiden Gemälde nehmen inhaltlich und künstlerisch Bezug aufeinander. Die glanz- und mattvergoldete Kanzel, eines der innenarchitektonischen Highlights der Passauer Kathedrale, entstand um 1726 in Wien.

Der von 1947 bis 1953 vom Münchner Professor Josef Hensel­mann geschaffene Hochalter zählt zu den bedeutendsten Werken der deutschen christlichen Kunst des 20. Jahrhunderts. Er stellt, wie eines der Deckenfresken, die Steinigung und die Vision des heiligen Stephanus dar. Auf einem hohen Sockel steht eine monumentale Figurengruppe. In der Mitte ist der nach oben blicken­de Stephanus zu sehen, umringt von zwei Männern, die im Begriff sind, große Steine zu werfen. Links davon steht als Zeuge des Geschehens Saulus, rechts ein Pharisäer. Über dieser Szenerie erhebt sich ein Kreuz mit Gott Vater, Sohn und Heiligem Geist. Ebenfalls ein Werk Henselmanns ist der Volksaltar aus Marmor. Er stammt aus dem Jahr 1961.

Bild: ©Bistum Passau/pbp

Hollywood-Legende Arnold Schwarzenegger konnte sich bereits persönlich von den Qualitäten der Passauer Domorgel überzeugen.

Der Passauer Dom hat eine sehr lange und ruhmreiche Orgeltradition. 1928 gipfelte diese in der Einweihung eines Instruments, das aus 233 klingenden Registern, verteilt auf fünf eigenständige Orgelwerke, und knapp 18.000 Pfeifen besteht und dessen Gehäuse die gesamte Westwand des Doms ausfüllt. Damit ist sie bis heute die größte Kathedralorgel der Welt. Sie ist weltweit bekannt und einer der größten Anziehungspunkte für die Besucher der Dreiflüssestadt.

Arnie an der Orgel

Gewöhnlich können Musikfreunde ihren Klang vom Mai bis Oktober – Sonn- und Feiertage ausgenommen – bei einem täglichen Mittagskonzert erleben. Das zieht auch hin und wieder den ein oder anderen Prominenten an, beispielsweise die Hollywood-Legende Arnold Schwarzenegger. Dieser durfte die Orgel sogar schon ausprobieren. Doch aktuell ist die Orgel nur eingeschränkt hörbar: Seit Herbst 2020 wird sie umfassend renoviert.

Die Lage an drei Flüssen ist für Passau seit jeher Segen und Fluch zugleich. Letzteres besonders dann, wenn die Pegel wieder so steigen, dass die ganze Stadt unter Wasser steht. Doch der Dom ist bisher vom Hochwasser weitestgehend verschont geblieben. Dafür haben bereits die frühmittelalterlichen Bauherren gesorgt – und das Gotteshaus auf die höchste Erhebung des historischen Kerns Passaus, der heutigen Altstadt, platziert. Somit wirkt die Passauer Kathedrale bei Hochwasser wie ein Fels in der Brandung, der Domberg wie eine Insel in den Fluten.

Von Matthias Altmann