Münchner Dom: Von der Kapelle zum weltweit bekannten Wahrzeichen
Serie: Deutschland, deine Kathedralen – Teil 18

Münchner Dom: Von der Kapelle zum weltweit bekannten Wahrzeichen

Die Münchner Frauenkirche blickt auf eine bewegte Geschichte zurück: Als Wahrzeichen der Stadt symbolisiert sie nicht nur das katholische Bayern. Dabei birgt das Gotteshaus einige Überraschungen in sich – von einem Heiligen, der München nie besuchte bis hin zu einem Fußabdruck des Teufels.

Von Melanie Ploch |  München - 21.11.2020

Schon von weitem ragen ihre Türme aus der Altstadt Münchens und symbolisieren nicht nur die Stadt, sondern in gewisser Weise auch den bayerischen Freistaat und dessen Kirche: "Liebfrauendom" wird sie manchmal genannt, doch eigentlich handelt es sich um den Münchner Dom – offiziell Dom Zu Unserer Lieben Frau – oder wie die Münchner ihn meist nennen: die Frauenkirche.

Angefangen hat das heutige Wahrzeichen der Stadt München als Kapelle: Im 13. Jahrhundert errichtete das Herzogsgeschlecht der Wittelsbacher eine Marienkapelle innerhalb des Pfarrbezirks St. Peter – der ältesten Pfarrkirche der Stadt. "Man darf sich unter Kapelle nichts Putziges vorstellen, das war in heutigen Maßstäben eine ausgewachsene Kirche. Sie hatte nur nicht den Rang einer Pfarrkirche, da es in München damals nur eine Pfarrei gab, nämlich St. Peter", erklärt Roland Götz, Archivar in der Erzdiözese München und Freising.

1271 wurde die Kapelle zur Pfarrkirche, als man München in zwei Pfarreien teilte. Begründet wurde das mit dem Wachstum der Bevölkerung – damals hatte die Stadt rund 5.000 Einwohner. Die heutige Fußgängerzone, eine alte Salzhandelsstraße, wurde zur Grenze zwischen den beiden Pfarreien: Südlich davon lag St. Peter, nördlich das Pfarrgebiet Zu Unserer Lieben Frau.

Der Neubau sollte imposant sein

Dabei handelt es sich aber noch nicht um die heutige Kathedrale: 200 Jahre später wurde im Zusammenwirken der Münchner Bürgerschaft und dem Wittelsbacher Herzog ein imposanter Neubau angestrebt. Die Grundsteinlegung erfolgte 1468. Baumeister Jörg von Halspach starb 1488, 20 Jahre später. Auf seinem Grabstein steht, er habe zu dieser Kirche den ersten, mittleren und den letzten Stein gelegt, was bedeutet, dass die Kirche damals zumindest als Rohbau fertig gewesen sein muss. "Das ist spektakulär für eine mittelalterliche Kirche, was aber daran liegt, dass die Frauenkirche in dieser spätmittelalterlichen Erscheinungsform keine gotische Kathedrale mit Türmchen und Figuren, sondern ein Ziegelbau mit einer glatten Wand ist", erklärt Götz. Geeignete Steine zu finden war wegen der weiten Entfernung zu den nächsten Bergen schwierig. Allerdings gab es viele Lehmgruben in der Gegend, aus denen Ziegel gewonnen worden konnten. Zugleich wurde in den 1490er Jahren vom Herzog das Kollegiatstift Zu Unserer Lieben Frau gegründet, was die Pfarrkirche gleichzeitig zur Stiftskirche machte. Das Stift fiel allerdings der Säkularisation Anfang des 19. Jahrhunderts zum Opfer. So war das Gotteshaus wieder allein Pfarrkirche.

1821 wurde aus dieser mit der Verlegung des Bischofssitzes von Freising nach München der Dom des Erzbistums München und Freising. Der "alte" Freisinger Dom erfuhr eine Herabstufung zur Pfarrkirche, wurde allerdings über 100 Jahre später, 1983, zur Konkathedrale des Erzbistums ernannt.

Großes Leid wiederfuhr dem Münchner Dom im Zweiten Weltkrieg während der Bombenangriffe auf die Münchner Innenstadt 1944 und 1945: Wenn auch nicht die Türme, wurden doch das Kirchenschiff, der Dachstuhl und das Gewölbe schwer zerstört. "Es gibt erschreckende Fotos, wo der Fotograf im Kirchenraum steht und dann in den offenen Himmel fotografiert, weil kein Gewölbe mehr drüber ist, geschweige denn ein Dach", erklärt Götz.

Die Türme der Frauenkirche in München mit den sogenannten "Welschen Hauben".

Nach Kriegsende begann schnell der Wiederaufbau, sodass sich vom äußeren Erscheinungsbild seit dem Neubau Ende des 15. Jahrhunderts bis heute wenig verändert hat. Die Turmbekrönungen, die sogenannten "Welschen Hauben", die die Frauentürme weltberühmt machen, kamen jedoch erst 1525 – über 30 Jahre nach der eigentlichen Fertigstellung des Kirchenbaus – hinzu. Dabei handelt es sich um eine ungewöhnliche Kombination, erklärt Götz, da die Bekrönungen im Zeitalter der Renaissance italienischen oder byzantinischen Vorbildern nachempfunden wurden. Historiker seien sich unsicher, ob nicht anfangs sogar spitze Türme geplant waren.

Die Innenausstattung erlebte allerdings zahlreiche Umbrüche: Bei der Weihe des Neubaus im Jahr 1494 vermischte sich eine neu angeschaffte Ausstattung mit einigen Elementen aus dem Vorgängerbau, der ehemaligen Kapelle: neben einzelnen Skulpturen vor allem der Großteil der Glasfenster und der noch recht neue Hochaltar. Ab 1600 wurde diese Ausstattung durch eine barocke Variante ersetzt, die in den 1770er Jahren mit Elementen der Stilrichtungen Rokoko und Zopfstil überarbeitet wurde. Mitte des 19. Jahrhunderts wiederum wurde die Gotik als der deutsche Kunststil schlechthin angesehen – die barocke Ausstattung hielt man daher für eine gotische Kirche als unpassend.

Eine Einrichtung, die eigentlich zu alt ist

Die Barockausstattung wurde weitestgehend beseitigt, um eine neugotische Ausstattung zu schaffen. Diese hätte es in der Frauenkirche aber nie gegeben, erklärt Götz. "Das Bauwerk ist Ende der gotischen Epoche entstanden, eigentlich schon im Übergangsstil zur Renaissance. Stilistisch gesehen war die Einrichtung nun älter als das Bauwerk." Während der Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg wurde diese schwer beschädigt und letztlich bis auf geringe Reste abgeräumt. Im Übergang von den 1940er zu den 1950er Jahren kam eine schlichte Einrichtung mit nur einzelnen Kunstwerken in den Dom. Zum 500-jährigen Jubiläum 1994 wurde dann jedoch versucht, möglichst viele erhaltene Kunstwerke wieder an den Ort und in der Funktion zu platzieren, die für sie vorgesehen waren. So mussten etwa die Altarbauten neu geschaffen werden, da diese über die Jahre nicht erhalten geblieben sind.

Dem heutigen Kirchenbesucher ohne große Kenntnisse der Kunstgeschichte erscheint die Frauenkirche damit älter als sie eigentlich ist. Ansonsten offenbart sich ihm in der Architektur eine Hallenkirche – die drei Schiffe sind gleich hoch. Im Vergleich zu anderen mittelalterlichen Kirchen, die oft verwinkelt und dunkel sind, ist der Münchner Dom damit ein einheitlicher, großer und heller Raum. Das Licht spielte bereits von Beginn an eine große Rolle: Die Fenster sind nicht vollständig bunt verglast, sondern nur teilweise. Die weißen, achteckigen Pfeiler, die das Gewölbe tragen, leuchten je nach Lichteinstrahlung wie Kristalle, beschreibt Götz. Hochmodern zeigt der Dom sich heute in der Medientechnik: Im Untergeschoss der Sakristei findet sich ein Fernsehstudio, das so manchen Journalisten bereits staunen ließ, erzählt Götz. Von hier aus werden die Gottesdienste gestreamt.

Bei der Münchner Frauenkirche spielte Licht schon immer eine große Rolle: Dadurch, dass die Fenster nicht vollständig, sondern nur teilweise bunt verglast sind, offenbart sich im Inneren eine helle Kathedrale.

Natürlich hat ein derart bedeutendes Wahrzeichen auch einige Schätze zu bieten: Viele Gemälde, die heute im Dom zu sehen sind, stammen auf der Barockausstattung. Das wohl bedeutendste Bild ist für Götz das 1620 fertiggestellte Hochaltarbild "Mariä Himmelfahrt" des niederländischen Künstlers Peter Candid. Dieser war Hofmaler im Dienst des Herzogs Maximilian I., der den barocken, haushohen Hochaltar gestiftet hatte. Die Darstellung zeigt die Himmelfahrt und Krönung Mariä und soll mit 794 Zentimetern Höhe und 434 Zentimetern Breite eines der größten auf Holz gemalten Bilder der Welt sein.

Münchens Standpatron hatte nichts mit der Stadt zu tun

Ein "Schatz" im religiösen Sinn sind die Silberbüste und Reliquien des heiligen Benno. Bei diesem Namen werden einige verwundert sein, denn der 1106 gestorbene Benno war eigentlich Bischof von Meißen und wurde in der dortigen Kathedrale – dem Vorgänger des heutigen Baus – auch beigesetzt. Mehr noch: "Zeit seines Lebens hatte Benno nie etwas mit München zu tun, weil es München damals noch gar nicht gab", erklärt Götz. Seine formelle Heiligsprechung um das Jahr 1523 fiel in die Anfangsjahre der Reformation, sodass Martin Luther an seinem Beispiel Heiligsprechungen kritisierte. Angeblich hätten Katholiken den Schrein geborgen, um ihn kurz vor der geplanten Zerschlagung zu schützen, und ihn über Jahrzehnte versteckt. Letztlich holte der katholische Herzog von Bayern die Reliquien 1576 nach München; seit 1580 befinden sie sich in der Frauenkirche. Für den Dom und die Münchner war dies ein wichtiger Schritt, da sich die Reliquien anderer bedeutender Heiliger wie die des Bistumspatrons Korbinian bis heute im Freisinger Dom befinden. Benno wurde damit der erste bedeutende Heilige, dessen Reliquien in die Frauenkirche kamen, was die Münchner mit großem Stolz erfüllte. Bis heute wird der heilige Benno als Stadtpatron von München hoch verehrt.

Der Teufelstritt in der Vorhalle des Münchner Doms: Auf ihm beruht eine Sage in mehreren Varianten.

Weltberühmt ist der Münchner Dom auch für seinen Teufelstritt: In der Vorhalle gibt es eine Bodenplatte, in der der Umriss eines größeren Schuhs ausgespart ist. Die Platte ist irgendwann so gebrochen, dass ein Stück fehlt, sodass es so aussieht, als würde an der Ferse ein spitzer Zacken herausgehen. Prompt deutete man ihn als den Fußabdruck des Teufels. Dazu erzählen sich die Münchner eine Sage in verschiedenen Varianten. Eine davon nimmt Bezug darauf, wie schnell das Gotteshaus errichtet wurde: Demnach habe der Baumeister mit dem Teufel einen Pakt geschlossen. Der Teufel versprach Unterstützung beim Bau – unter der Bedingung, die Kirche würde ohne Fenster gebaut. Als die Frauenkirche fertig war, habe der Baumeister den Teufel durch das Hauptportal hereingeführt und an jener Stelle platziert. Von dort aus sieht der Betrachter mit Ausnahme des Chorfensters kein Fester, da diese durch die Pfeiler verdeckt sind.

Was passiert, wenn man den Teufel zum Narren hält

Der Teufel freute sich darüber, dass er den Baumeister zum Narren halten konnte, da er ein völlig untaugliches Gotteshaus errichten ließ. Voller Freude habe er aufgestampft und dabei einen Fußabdruck hinterlassen. Als er jedoch weiter nach vorne schritt, sah er die besonders großen und zahlreichen Fenster dann doch. Wutentbrannt sei er aus der Kirche gestürmt und weht der Legende nach bis heute als Wind um die Frauenkirche. "Dass die Geschichte nur dann funktioniert, wenn man das Mittelfenster nicht sieht, lässt einen vermuten, dass sie zu einer Zeit entstanden sein muss, als man dieses Fenster von diesem Standort aus wirklich nicht sah", erklärt Götz. Dies sei erst ab 1620 der Fall gewesen, als der barocke Hochalter das Fenster verdeckte.

Von der Kapelle bis zum Dom: Als Wahrzeichen der Stadt sind die Doppeltürme mit den ungewöhnlichen Hauben unverwechselbar und finden sich in verschiedenen Logos, etwa zu Veranstaltungen, aber auch im Logo des Erzbischöflichen Ordinariats München wieder. Zwar finden beispielsweise die Priesterweihen und das Korbiniansfest als großes Diözesanfest im Freisinger Dom statt. Weltbekannt bleibt jedoch der Münchner Dom, in dem ebenso "die großen Gottesdienste" gefeiert werden. Er symbolisiert die Kirche in Bayern und in gewisser Weise auch das gesamte Bundesland.

Von Melanie Ploch