Serie: Deutschland, deine Kathedralen – Teil 23

Regensburger Dom: Gotisches Meisterwerk und ewige Baustelle

Aktualisiert am 26.12.2020  –  Lesedauer: 

Regensburg ‐ Hier lachen sogar die Engel, und auch der Teufel und seine Großmutter hören mit: Der Regensburger Dom ist ein bemerkenswertes Beispiel gotischer Bauweise. Bis zu seiner Vollendung vergingen mehrere Jahrhunderte – und er wird noch viele Generationen von Steinmetzen beschäftigen.

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Die Steinerne Brücke, an ihrem südlichen Ende der Brückenturm mit dem Eingangstor zur Altstadt, der sich daran anschließende Salzstadel und vieles Weitere: Regensburg ist wahrlich nicht arm an Wahrzeichen, die seine lange und stolze Historie widerspiegeln. Doch ein Bauwerk überragt die anderen nicht nur wegen seiner Größe: der Dom. Erst die dem heiligen Petrus geweihte gotische Kathedralkirche der ostbayerischen Diözese und ihre beiden 105 Meter hohen Türmen machen die "Skyline" der Stadt am nördlichsten Punkt des Donaulaufes, die jedes Jahr unzählige Besucher anzieht, einzigartig. Dabei stehen gerade die Domtürme für die wechselvolle und lange Entstehungsgeschichte des Gotteshauses.

Die Reichsstadt Regensburg war im Hochmittelalter ein florierendes Handelszentrum, das nur so vor Kaufkraft strotzte. In dieser Zeit entstanden durch großzügige Spenden reicher Kaufleute zahlreiche Kirchenbauten auf dem Stadtgebiet. Nachdem der romanische Vorgängerbau des Domes, eine dreischiffige Basilika mit halbrunder Chorapsis und ohne Querhaus, vermutlich auch ohne Türme, 1273 ein Raub der Flammen wurde, musste ein neuer, der Stellung der Stadt angemessener Dom her. Als architektonisches Vorbild dienten die französischen Kathedralen der damaligen Epoche, die – so die theologische Programmatik des gotischen Stils – den Anspruch hatten, "den Himmel auf Erden zu holen". 1275 begannen die Bauarbeiten. An den romanischen Vorgänger erinnert bis heute der sogenannte "Eselsturm" an der Nordseite des Domes, der zur Lastenbeförderung diente.

Überzeugende Pläne des "Erminoldmeisters"

Nach den ersten Plänen war eine Domkirche mit eher traditionellem Zuschnitt geplant, deren Proportionen eher gedrungen ausgefallen wären. Doch der sogenannte "Erminoldmeister", neuerdings als Meister Ludwig identifiziert, der 1295 zum Dombaumeister ernannt wurde, führte eine behutsame, aber konsequente Neuplanung über den schon vollendeten Bauteilen durch. Feinfühlig und fast unmerklich führte er die älteren, noch von der Romanik inspirierten Formen in den neuen Stil über. So entschied er sich auch für eine im ausgehenden 13. Jahrhundert höchst ungewöhnliche Formensprache: Statt des filigranhaften, zerbrechlichen Skelettsystems der französischen Gotik dieser Zeit wählte der "Erminoldmeister" eine ausgesprochen körperhaft-kräftige Architektur. Seine Pläne überzeugten auch spätere Generationen und wurden bis zur Fertigstellung des Innenraums nicht mehr geändert.

"Lachender Engel" im Regensburger Dom
Bild: ©KNA

Die Verkündigungsmadonna und der "Lachende Engel" Gabriel (Bild) an den westlichen Vierungspfeilern weisen eine für die damalige Zeit ungewöhnlich detailgetreue Darstellung der Gesichtszüge auf. Der Erzengel Gabriel strahlt über das ganze Gesicht.

Bereits ab etwa 1280 ist der "Erminoldmeister" als Bildhauer am Regensburger Dom nachweisbar. Auf sein Konto geht unter anderem die bekannte Verkündigungsszene an den beiden westlichen Vierungspfeilern. Diese zeigt Maria, die rechte Hand leicht abwehrend zum Gruß erhoben, und ihr gegenüber den Erzengel Gabriel mit einem breiten Lächeln im Gesicht. Der "Lachende Engel" ist bis heute der erklärte Star des Regensburger Domes. Warum er so gut Lachen hat? Er weiß um die Tragweite seiner Botschaft und ist selbst erfüllt davon. Das ist zumindest eine der Deutungen, die Kunsthistoriker und Theologen dieser Figur gegeben haben. An den östlichen Vierungspfeilern befinden sich die Steinfiguren der Heiligen Petrus und Paulus, die um 1320 beziehungsweise 1360 oder 1370 entstanden.

Neben zahlreichen Heiligen schafften es auch zwei "dunkle" Wesen ins Innere des Kirchenschiffs: In Steinnischen links und rechts des Hauptportals geschlagene Skulpturen stellen der Überlieferung nach den Teufel und seine Großmutter dar. Während der Teufel ein Mischwesen zwischen Adler, Löwe und Fisch zu sein scheint, wird die Großmutter als Drachenwesen mit Tuch dargestellt. Welcher Steinmetz diese beiden Wesen erschuf, ist nach wie vor unklar. Möglicherweise waren sie als Warnung für die Dombesucher gedacht, dass böse Mächte überall lauern – selbst in Kirchen.

Geister, Dämonen und ein antijudaistisches Spottbild

Um 1315 wurden die ersten Glasfenster eingebaut, von denen die meisten bis heute erhalten sind. Nach und nach wurden der Chor, die Querschiffe, das Langhaus und die Westfassade mit dem Triangelportal fertiggestellt. Die Westfassade, an der sich der Haupteingang befindet, ziert ein dreiteiliges Tympanon. Es zeigt einen ausführlichen, aus 22 Reliefdarstellungen bestehenden Marienzyklus. Wie bei gotischen Kathedralen oft üblich, brachten Steinmetze fabelähnliche Tiere und Dämonen an der Außenmauer an; diese sollten gemäß dem mittelalterlichen Glauben böse Geister vom Dom fernhalten. Aus heutiger Sicht schossen Steinmetze auch über das Ziel hinaus: Im 14. Jahrhundert entstand auf einem Wandpfeiler am Südeingang eine Darstellung der "Judensau", ein antijudaistisches Spottbild. Die "Judensau" ist genau wie ähnliche Darstellungen an anderen Orten auch immer wieder Gegenstand von Diskussionen; Kritiker fordern ihre vollständige Entfernung. Seit 2005 befindet sich ein Hinweisschild unter der Darstellung, welches diese in den historischen Kontext einordnet.

Ab etwa 1450 konnte der Dom liturgisch genutzt werden. Doch insgesamt dauerte es 250 Jahre, bis sein Baukörper fertig war. Als es 1525 so weit war, hatte die Gotik ihren Höhepunkt bereits überschritten. Der wirtschaftliche Niedergang der Stadt und die aufziehende Reformation sorgten allerdings für eine Einstellung der Baumaßnahmen. Danach blieben der Ausbau der Querhausgiebel und der nach wie vor geplante Vierungsturm unvollendet – und nicht zuletzt die beiden Türme, die nur bis in den dritten Stock gebaut worden waren und Notdächer bekamen. Auch wenn es ab dem 17. Jahrhundert wieder kleinere Arbeiten an der Kathedrale gab: An der äußeren Gestalt des Regensburger Doms änderte sich über 330 Jahre nichts.

Ein Chor steht in einem Halbrund in einer Kirche
Bild: ©dpa/Armin Weigel (Archivbild)

Die Hauptaufgabe der Regensburger Domspatzen ist die musikalische Umrahnung der Kathedralliturgie.

Erst im 19. Jahrhundert kam wieder Bewegung in die Sache. Der bayerische König Ludwig I. (1786-1886), aufgrund der Säkularisation 1803 quasi Eigentümer des Regensburger Doms, gab den Auftrag, den Dom endlich fertigzustellen. Zu dieser Zeit wurden die Türme des Kölner Doms, ebenfalls ein Bauwerk nach den Vorbildern der französischen Gotik, gerade fertiggestellt – die Regensburger Kathedrale sollte dem Wunsch des Königs nach sein "bayerisches Gegenstück" werden. 1859 wurde mit dem Bau der Türme begonnen, im Juni 1869 wurde die Kreuzblume oben auf der Spitze geweiht. Mit der Fertigstellung der Querhausgiebel und des Dachreiters anstelle eines teuren Vierungsturms war der Dom 1872 nach 600 Jahren vollendet. König Ludwig I. erlebte die Realisierung seines Prestigeprojekts allerdings nicht mehr. Ihm zu Ehren wurde 1902 ein Reiterstandbild an der Südseite des Doms errichtet.

Ein weltbekannter Knabenchor untermalt die Liturgie

Faszinierend am Regensburger Dom ist bis heute der ausgeklügelte Hell-Dunkel-Kontrast zwischen den dunklen Bauteilen unten und den hell erleuchteten Fenstern im oberen Kirchenschiff. Während diese für den nötigen Lichteinfall sorgen, wird der untere Raum von einer nahezu mystischen Dunkelheit umhüllt. Verstärkt wird diese Stimmung, wenn die Hauptorgel der Kathedrale erklingt. Sie ist noch jung: Erst 2009 wurde das Instrument in den Dom eingebaut, weil die Chororgel, vor allem bei voll besetzter Kirche, zu wenig Klangvolumen besitzt. Die Hauptorgel hängt vor der Nordwand und ist die größte freihängende Orgel der Welt. Apropos Musik: Für den Gesang in der Liturgie an Sonn- und Feiertagen in der Regensburger Kathedrale sind die Regensburger Domspatzen zuständig. Trotz zahlreichen Auftritten in den bedeutendsten Konzertsälen der Welt ist dies nach wie vor die vornehmliche Aufgabe des Knabenchores, der als einer der berühmtesten der Welt gilt.

Um den Regensburger Dom zu erhalten, sind große Anstrengungen nötig. Das große Problem des Bauwerks ist nämlich das Material, aus dem es gefertigt wurde. Die Mitarbeiter der staatlichen Dombauhütte arbeiten ständig daran, die Verwitterung des Kalk- und Sandsteins einzudämmen, sodass das Gotteshaus wohl für immer eine Baustelle bleiben wird. Doch mit ihrem Einsatz sorgen die Steinmetze dafür, dass sich noch viele Generationen von Gläubigen am Dom und seiner besonderen Architektur erfreuen können. Und so wird die Regensburger "Skyline", bestehend aus Kathedrale, Steinerner Brücke und Salzstadel, auch in Zukunft Millionen von Touristen in die Stadt an der Donau locken.

Von Matthias Altmann