Interview über den weltweiten synodalen Prozess und Synodalität in der Kirche

Weltsynoden-Untersekretärin Becquart: Der Heilige Geist ist am Werk

Aktualisiert am 08.06.2022  –  Lesedauer: 

Vatikanstadt ‐ Nathalie Becquart gehört zu den einflussreichsten Frauen in der katholischen Kirche. Die Ordensfrau ist Untersekretärin im vatikanischen Synodensekretariat und hat als erste Frau bei der kommenden Bischofssynode Stimmrecht. Im katholisch.de-Interview verrät sie, ob sie deswegen Druck verspürt.

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Papst Franziskus hat die gesamte Weltkirche im Oktober auf einen weltweiten synodalen Prozess geschickt. Mit verantwortlich für die Organisation dieses Prozesses ist die französische Ordensfrau Schwester Nathalie Becquart. Im katholisch.de-Interview spricht sie über Überraschungen durch den Prozess, die Zweifel mancher Laien und den deutschen Synodalen Weg. 

Frage: Schwester Nathalie, seit Anfang Oktober läuft der weltweite synodale Prozess und er kommt mittlerweile in eine heiße Phase. Wie zufrieden sind Sie bisher mit der Arbeit der Diözesen?

Becquart: Das ist schwierig zu sagen, weil wir noch nicht alle Rückmeldungen bekommen haben. Wir wissen aber, dass die diözesane Phase nahezu überall gestartet wurde und dass es jede Menge Kreativität bei der Umsetzung gibt. Und ich würde sagen, dass die ersten Rückmeldungen, die wir bekommen haben, sehr gut zeigen, dass wenn der synodale Prozess so gestaltet wurde, wie wir es im Vademecum beschrieben haben – als spirituelle Konversation, im Hören auf das Wort Gottes und dem Hören aufeinander – dass viele Menschen uns erzählen, dass das bereits gute Früchte getragen hat. Und so viele sagen uns, dass es das erste Mal ist, dass die Kirche sie tatsächlich fragt, was sie denken und was sie beitragen können. Papst Franziskus hat es immer wieder gesagt und Kardinal Mario Grech und ich haben es immer wiederholt: Dies ist die wichtigste Phase der Synode, weil es darum geht, dem Volk Gottes zuzuhören – in all seiner Diversität. Ich kann schon jetzt mit großer Freude sagen: Durch die ganze diözesane Phase hindurch und in allem, was wir sehen und hören, können wir erkennen, dass der Heilige Geist am Werk ist und etwas passiert. Natürlich gibt es auch Schwierigkeiten, Herausforderungen und Widerstände. Aber das ist bei einem Veränderungsprozess normal. Es geht schließlich um eine Synodalisierung, eine synodale Bekehrung der Kirche.

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Frage: Gab es bei den Rückmeldungen etwas, das Sie überrascht hat und mit dem Sie nicht gerechnet hätten?

Becquart: Der Prozess ist nicht im Vorfeld geschrieben. Es geht nicht um unsere Erwartungen, sondern es geht darum, ehrlich zuzuhören. Überrascht hat mich trotzdem, wie schnell manche Länder den Prozess aufgenommen, die Dokumente übersetzt, Fragen angepasst und Teams aufgestellt haben. Das sind manchmal Länder, von denen man vorher nicht gedacht hätte, dass sie sich so für den synodalen Prozess einsetzen würden. Für mich war diese Kreativität eine Überraschung ebenso wie die Energie, die viele synodale Teams in den Prozess gesteckt haben. Wir haben empfohlen, dass nicht jemand allein für den Prozess zuständig sein soll, sondern ein Team aus Männern und Frauen, Priestern, Laien und Ordensleuten und in vielen Ländern war es das erste Mal, dass es solche diözesanen oder nationalen Teams gab, die einen solchen Prozess getragen haben. Ich war überrascht darüber, wie viele Ortskirchen über das Wirken des Heiligen Geistes nachgedacht haben und darüber, wie Synodalität durch Kontakte, die Kultur und verschiedene Sprachen und Realitäten in der Kirche hereingeholt werden kann. Denn nicht alle Ortskirchen haben so eine lange Erfahrung mit Diözesansynoden oder synodalen Prozessen, wie beispielsweise die Kirchen in Frankreich oder in Deutschland. Ich erinnere mich an ein Treffen mit Menschen aus Laos, die mir gesagt haben: Wir wissen nicht, was eine Synode oder Synodalität ist, aber wir werden es lernen und diesen Prozess beginnen.

Frage: Gibt es aufgrund dieser Ungleichzeitigkeiten, die Sie gerade erwähnt haben, ein unterschiedliches Verständnis darüber, was Synodalität bedeutet?

Becquart: Synodalität ist eigentlich ein einfaches Konzept: Es geht darum, sich gemeinsam auf den Weg zu machen und als Volk Gottes zusammen zu entscheiden, wobei alle Getauften dazu berufen sind, als Protagonisten mitzuwirken. Dies aber in die Tat umzusetzen ist eine Herausforderung. Synodalität ist tatsächlich Learning by Doing. Es reicht nicht, die Dokumente nur zu lesen. Das kann helfen, aber Synodalität entdeckt man nur wirklich, indem man sie praktiziert. Damit ist diese Synode auch eine Art synodale Übung dafür, aufeinander und auf den Heiligen Geist zu hören. Das ist kein theoretischer oder ideeller Weg: Der Startpunkt für den synodalen Ansatz ist die Realität und die sieht in unterschiedlichen Teilen der Kirche verschieden aus. Eine synodale Kirche ist eine Kirche der Ortskirchen. Es ist das erste Mal in der Kirchengeschichte, dass die gesamte Kirche in einer Synode zusammengerufen wird und wirklich jeder dazu aufgerufen ist, daran teilzunehmen.

Schwester Nathalie Becquart, Kardinal Mario Grech und Bischof Luis Marin de San Martin bilden das Generalsekretariat der Bischofssynode
Bild: ©KNA/Francesco Pistilli

Bilden gemeinsam das Generalsekretariat der Bischofssynode: Schwester Nathalie Becquart (l.), Untersekretärin, Kardinal Mario Grech (m.), Generalsekretär, und Bischof Luis Marin de San Martin (r.), Untersekretär der Bischofssynode.

Frage: Im Februar hieß es in einer Pressemitteilung des Synodensekretariats, dass einige Laien daran zweifeln würden, dass ihre Eingaben wirklich berücksichtigt werden. Was wollen Sie gegen diese Sorge tun?

Becquart: Wir haben Vorschläge dafür veröffentlicht, wie die Synthesen zu erstellen sind, um den Diözesen und Bischofskonferenzen zu helfen. Es geht darum, diese Zusammenfassungen nicht als eine akademische Arbeit zu verstehen, bei der einige Stichpunkte zusammengefasst werden, sondern als einen Akt der geistlichen Unterscheidung, bei dem alle Stimmen berücksichtigt werden, aber unterschieden wird, welche Früchte mit der Bischofskonferenz oder der Weltkirche geteilt werden sollen. Es geht nicht darum, eine Katechese zu schreiben, sondern auf den sensus fidelium, also den Glaubenssinn der Gläubigen zu hören. Es gibt bestimmte Trends und der Geist sagt uns etwas dadurch, aber der Geist könnte auch durch die Stimme von Minderheiten sprechen. Außerdem sollte niemand diese Zusammenfassungen alleine machen, damit man sozusagen durch mehrere Linsen auf die Rückmeldungen schaut. Das Problem ist, dass viele Menschen natürlich wollen, dass ihre eigenen Sätze in die Zusammenfassung aufgenommen werden. Das ist nicht möglich, das heißt aber nicht, dass ihnen nicht zugehört wurde. Es ist menschlich, dass eine Zusammenfassung vielleicht nicht perfekt ist, man kann aber zuversichtlich sein, dass in anderen Diözesen die gleichen Dinge aufkommen und dort aufgegriffen werden. Wenn es wirklich so ist, dass die Stimme des Heiligen Geistes durch die Stimme der Menschen spricht, dann ist es unmöglich, dass bestimmte Dinge nicht genannt werden.

Frage: Sie selbst sind die erste Frau, die Stimmrecht bei einer römischen Bischofssynode hat und haben Ihre Ernennung zur Untersekretärin selbst schon als "starkes Zeichen" bezeichnet. Spüren Sie Druck, da wahrscheinlich viele Frauen auf Sie schauen?

Becquart: Ich fühle mich wie ein kleines Glied einer langen Kette und ich bin hier, weil so viele Frauen vor mir an den Graswurzeln der Kirche und in anderen Dikasterien gearbeitet haben. Und ich lebe in dieser tiefen Verbindung mit so vielen Frauen und Laien überall. Meine Position hat eine gewisse Sichtbarkeit und ja, ich würde sagen, das ist eine Verantwortung. Es geht nicht um mich, aber viele Frauen sagen mir, dass die Tatsache, dass ich in dieser Position bin, für sie ein Zeichen der Hoffnung ist. Ich versuche, die Stimme von vielen Frauen zu sein und gleichzeitig bescheiden und spirituell zu leben. Ich versuche, der Kirche zu dienen und mit anderen das weibliche Gesicht der Kirche zu repräsentieren. Die Frage nach der Rolle von Frauen in der Kirche ist ein Zeichen der Zeit und es ist wirklich eines der Schlüsselthemen von heute.

„Aber beide synodalen Prozesse dienen der synodalen Wandlung der Kirche oder versuchen der Kirche dabei zu helfen, synodaler zu werden.“

—  Zitat: Schwester Nathalie Becquart

Frage: Seit rund zweieinhalb Jahren läuft der Synodale Weg in Deutschland. Das Ziel des weltweiten synodalen Prozesses ist es auch, solche nationalen Prozesse zu integrieren. Ist das in Deutschland gelungen?

Becquart: Die Kirche in Deutschland hat sich dazu entschieden, diesen anderen synodalen Prozess zu machen. Sie machen ihn auf ihre Weise. Aber beide synodalen Prozesse dienen der synodalen Wandlung der Kirche oder versuchen der Kirche dabei zu helfen, synodaler zu werden. Es gibt auch in anderen Teilen der Welt synodale Prozesse oder Diözesansynoden. Australien macht beispielsweise gerade ein Plenarkonzil. Der Ruf des weltweiten synodalen Prozesses ist unsere Form, die synodalen Erfahrungen zu lesen und zu erkennen, was der nächste Schritt sein sollte. Diese Synode ist in gewisser Weise also ein Ruf an die Kirche in Deutschland, ihren eigenen Synodalen Weg neu zu betrachten. Denn wir lernen Synodalität gerade neu und merken, dass es nicht einfach ist. Die globale Synode richtet sich an alle und es gibt Länder und Diözesen, die zusätzlich noch einen anderen synodalen Prozess haben. Aber es ist dieselbe Kirche, die dazu gerufen ist, synodaler zu werden und einen synodalen Prozess zu machen. Es ist ein Prozess, man kann also nicht von Erfolg oder Misserfolg sprechen. Es geht darum, die Früchte zu unterscheiden und zu entscheiden, was die nächsten Schritte sein sollten.

Frage: Ich habe den Eindruck, dass das Wort Synodalität in den vergangenen Monaten und Jahren immer häufiger verwendet wurde. Welche Bedeutung hat Synodalität für die Kirche heute?

Becquart: Synodalität ist nicht neu. Es ist eine konstitutive Dimension der Kirche. Die Kirche ist eine missionarische Gemeinschaft und zu Beginn war ihre Führung kollegial und synodal. Wir können in der Apostelgeschichte – besonders in Kapitel 15 – lesen, dass sich alle gemeinsam versammelt, gebetet und entschieden haben, wenn es eine Frage oder einen Konflikt gegeben hat. Zu Beginn der Kirche gab es also jede Menge Synoden und Konzile, aus unterschiedlichen Gründen hat die Kirche dann aber diese Tradition verloren. Nicht komplett, aber das Augenmerk wurde mehr auf die Vision einer Kirche als Institution und perfekte Gesellschaft gelegt. Wir entdecken Synodalität heute wieder als eine Frucht des Zweiten Vatikanischen Konzils, denn die Vision von Synodalität ist verwurzelt in der Vision einer Kirche des Volkes Gottes. In den vielen Jahren und Jahrhunderten einer hierarchischen Kirchensicht haben wir den Sinn dafür verloren, dass wir zuerst eine Gemeinschaft sind. Die Herausforderung heute ist, eine synodale Pastoral und eine synodale Leitung zu implementieren. Es ist ein langer Weg, weil wir so viele Jahrhunderte einer klerikalen Kirchensicht hinter uns haben, die wir loswerden müssen. Wir müssen die Vision einer Kirche wiederfinden, in der wir als erstes alle zusammen Getaufte sind, dazu gerufen, missionarische Pilger und ein Volk Gottes zu sein, das die Mission gemeinsam trägt. Es geht darum, die Kirche als Kirche von Brüdern und Schwestern in Christus zu erleben. Jeder soll hier eine Stimme haben – gerade die Ärmsten oder diejenigen, die sonst keine Stimme haben. Das aber wirklich zu praktizieren, erfordert einen langen Weg der Umkehr.

Von Christoph Brüwer